Süddeutsche Zeitung

Drogentote in den USA:Mit der Opioid-Krise steigt auch die Zahl der gespendeten Organe

  • Der Anteil der Drogenopfer an den Herzspendern in den USA stieg von 1,2 Prozent im Jahr 2000 auf mittlerweile 16,9 Prozent.
  • Die Spender sind oft unter 40, leiden seltener an Bluthochdruck oder Diabetes - das verbessert die Prognose für die Empänger. Wer unter medizinischen Aspekten als Organspender infrage kommt, ist oft Ermessenssache.
  • Der Anstieg an Todesopfern durch Schmerzmittelmissbrauch ist ungebrochen.

Minus mal minus ergibt plus. Ärzte können ziemlich pragmatisch sein, deswegen wählen manche die mathematische Vorzeichenregel, um die Folge von zwei Negativentwicklungen in der Medizin zu skizzieren. Da ist zum einen die Opioid-Krise: 2018 sind in den USA mehr als 70 000 Menschen an einer Überdosis Drogen gestorben, davon 50 000 an verschreibungspflichtigen Opiaten. Lange galten diese Mittel als ebenso effektiv wie harmlos, bis sich gezeigt hat, wie schnell sie abhängig machen und zum Tode führen können. Und dann ist da der Mangel an Spenderorganen. Seit Jahren werden mehr Herzen, Nieren, Lebern gebraucht, als zur Verfügung stehen.

Ärzte aus New York zeigen nun im Fachblatt Annals of Thoracic Surgery, dass der Anteil der Drogenopfer unter den Organspendern in den USA beständig ansteigt - was als überraschender Nebeneffekt der Opioid-Krise zu werten sei. Die jüngsten Daten von 2017 belegen demnach, dass unter jenen Menschen, die in den vergangenen Jahren ihr Herz für eine Transplantation gegeben haben, die Quote der Drogenopfer längst zweistellig ist. Der Anteil der Drogenopfer an den Herzspendern in den USA stieg von 1,2 Prozent im Jahr 2000 auf mittlerweile 16,9 Prozent.

Der Anstieg an Todesopfern durch Schmerzmittelmissbrauch ist ungebrochen. Im dritten Jahr in Folge hat sich die Lebenserwartung in den USA deshalb schon nicht mehr erhöht. "Die Opioid-Krise hat die Herzspenden von Menschen, die an einer Überdosis gestorben sind, jedoch ansteigen lassen", sagt Transplantationschirurg Nader Moazami, der die Studie geleitet hat. "Diese Tragödie ist furchtbar, lässt sich aber ein wenig dadurch mildern, dass mehr Organe von Drogenopfern zur Verfügung stehen." Zynismus? Für die Ärzte ist es Pragmatismus, minus mal minus eben.

In einigen Bundesstaaten der USA liegt der Anteil der Drogenopfer unter den Organspendern inzwischen gar bei mehr als 20 Prozent, und die Opioid-Krise ist ein Grund dafür, dass die Zahl der Transplantationen in den vergangenen Jahren insgesamt wieder leicht gestiegen ist. Während viele Ärzte zurückhaltend sind, Organe von Drogenabhängigen zu verpflanzen, hat das New Yorker Ärzteteam andere Aspekte im Blick: Die Spender sind oft unter 40, leiden seltener an Bluthochdruck oder Diabetes, sodass es sich insgesamt um "günstige Herzspenden" handele - also kein Grund, sie abzulehnen. Im Gegenteil, bisher hätten verpflanzte Herzen, Nieren, Lebern und Lungen den Empfängern ähnlich gute Dienste geleistet wie Organe, die nicht von Drogentoten stammten.

Wer unter medizinischen Aspekten als Organspender infrage kommt, ist oft Ermessenssache. Vorerkrankungen können den Organismus beeinträchtigen. Lediglich bei Krebsleiden und HIV sind Spenden fast immer ausgeschlossen. "Wir müssen die Risiken überdenken und vielleicht neu definieren", sagt Transplantationsexperte Robert Higgins von der Johns Hopkins University in Baltimore. "Viele Drogenabhängige werden mit Krankheiten in Verbindung gebracht, die sie in der Vergangenheit zu einer Hochrisikogruppe machten. Angesichts der Opioid-Epidemie können wir den Spenderpool aber womöglich erweitern und so mehr Leben retten."

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SZ vom 11.06.2019/hach
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