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Ebola:Das Virus ist in Europa angekommen

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Zum ersten Mal hat sich ein Mensch in Europa mit Ebola angesteckt. Bei drei weiteren besteht der Verdacht auf eine Infektion. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus in Spanien ausbreitet, ist winzig. Völlig ausgeschlossen ist es nicht.

Von Kai Kupferschmidt und Thomas Urban

Das tödliche Virus landete in Spanien im Körper eines Priesters, eingepackt in eine Art durchsichtiges Plastikzelt, das Ärzte und Helfer vor der Krankheit schützen soll. Am 22. September war der 69 Jahre alte Missionar Manuel García Viejo nach Spanien geflogen worden, um in der Klinik Carlos III. am Stadtrand von Madrid behandelt zu werden. Er hatte sich in Sierra Leone mit Ebola infiziert.

Zwei Wochen später ist klar, das Virus hat es trotz Sicherheitsvorkehrungen geschafft, sich auszubreiten. Eine Krankenschwester hat sich infiziert. Es ist das erste Mal, dass sich ein Mensch in Europa mit Ebola angesteckt hat.

Nach Angaben der Klinik fühlte sich die Pflegerin bereits am 30. September krank, suchte aber erst nach drei Tagen einen Arzt auf. Es besteht daher die Gefahr, dass sie weitere Personen angesteckt hat. Das Virus wird durch die Körperflüssigkeiten eines Erkrankten übertragen. Mehr als 50 Personen, die in den letzten beiden Wochen Kontakt mit der Erkrankten hatten, stehen nun unter Beobachtung. Bei drei Menschen besteht ein Verdacht auf Ansteckung, sie werden in der Klinik in Madrid beobachtet.

Ausbruch in Europa nicht mehr ausgeschlossen

"Die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Fall in Europa zu einem Ausbruch führen könnte, ist winzig. Aber sie ist nicht null", sagt Jeremy Farrar, ein britischer Forscher, der seit vielen Jahren die Ausbreitung von Infektionskrankheiten untersucht. Der Fall zeige, dass es selbst in Europa schwierig sei, Infektionen mit dem Erreger völlig zu verhindern. "Da muss alles perfekt funktionieren, von dem Augenblick an, wo jemand erste Symptome zeigt", sagt er. Das mache auch deutlich, wie unglaublich schwer der Kampf gegen Ebola in Westafrika sei.

Das Ebolavirus breitet sich seit mehr als neun Monaten in den Staaten Guinea, Liberia und Sierra Leone aus. Laut Weltgesundheitsorganisation haben sich dort mindestens 7470 Menschen mit dem Erreger infiziert, 3431 von ihnen sind inzwischen gestorben.

In Wirklichkeit dürften die Zahlen aber sehr viel höher sein. Ebolapatienten haben den Erreger in den letzten Monaten bereits nach Nigeria und Senegal und zuletzt in die USA getragen, nach Dallas, Texas. Der Patient in Senegal hat keine weiteren Menschen angesteckt und auch der Ausbruch in Nigeria, bei dem sich 20 Menschen angesteckt hatten, ist offenbar unter Kontrolle.

Strikte Regeln für den Umgang mit Ebola-Patienten

Mehrere Patienten sind in den letzten Monaten außerdem zur Behandlung nach Europa oder in die USA geflogen worden, unter anderem zwei Priester, die beide in der Klinik in Madrid behandelt wurden und später starben. Noch ist unklar, wie sich die Krankenschwester angesteckt hat.

"Wir können uns das überhaupt nicht erklären", sagt Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Der Forscher arbeitet im Moment fast täglich mit Proben, die Ebola enthalten könnten. An diesem Mittwoch soll auch eine Probe der Krankenschwester dort eintreffen, damit sie offiziell bestätigt wird.

Es gibt strikte Regeln, die Ärzte und Forscher beachten, wenn sie mit dem gefährlichen Erreger konfrontiert sind, sagt er. "Da muss jemand einen gravierenden Fehler gemacht haben." Das könnte zum Beispiel beim Ausziehen der Schutzkleidung passieren, sagt er. "Da muss man höllisch aufpassen, dass man die Außenseite nicht berührt, weil schon kleinste Mengen Blut oder Urin reichen, um sich anzustecken."

Alle Kontaktpersonen werden ausfindig gemacht

Eine Kommission soll nun klären, ob bei der Behandlung des Missionars aus Sierra Leone Sicherheitsvorschriften verletzt worden sind. "Es ist sehr, sehr wichtig, dass wir jetzt verstehen, was da passiert ist", sagt Marc Sprenger, Chef der europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC in Stockholm. "Das könnte Auswirkungen auf unsere Protokolle und Sicherheitsvorschriften haben." Die Gefahrenlage in Europa habe sich durch den Fall in Spanien aber nicht geändert.

Ebola ist zwar äußerst tödlich (etwa 70 Prozent der Infizierten im derzeitigen Ausbruch sterben), aber bei Weitem nicht so ansteckend wie zum Beispiel die Masern oder die Grippe. Hinzu kommt, dass der Erreger erst dann von Menschen weitergegeben werden kann, wenn sie bereits Symptome haben.

Darum ist das Vorgehen stets das gleiche, ob in Madrid oder Dallas: Alle Personen, die Kontakt mit der Patientin oder dem Patienten hatten, werden ausfindig gemacht und aufgeklärt, worauf sie achten müssen. Entwickelt eine der Kontaktpersonen Symptome, wird sie sofort auf eine Isolierstation gebracht, bevor sie jemand anderen anstecken kann. Wird das gründlich gemacht, lässt sich ein Ausbruch auf diese Art schnell eindämmen.

Ebolafälle in Europa könnten zunehmen

Auch wenn Europa kein großer Ausbruch droht - ein Verdacht in Salzburg bestätigte sich zunächst nicht - gehen Forscher aber davon aus, dass die Zahl der eingeschleppten Ebolafälle hier zunehmen wird. Denn die Epidemie in Westafrika breitet sich immer weiter aus. Für den vergangenen Samstag meldete Sierra Leone an einem einzigen Tag 121 Todesfälle, das sind mehr Tote an einem Tag, als bei vielen Ausbrüchen in den vergangenen Jahren insgesamt zu beklagen waren.

Der Ebolaausbruch in Westafrika habe sich zu einem riesigen Flächenbrand ausgeweitet, sagt Michael Osterholm, Experte für Infektionskrankheiten an der Universität von Minnesota. Länder wie Deutschland müssten damit rechnen, dass Funken dieses Feuers auch hier landen. "Aber was mir Angst macht, sind die Funken, die in Kinshasa oder Nairobi landen", sagt er.

Überforderung in Westafrika

Die Ärzte und Helfer am Ort in Westafrika sind schon jetzt vollkommen überfordert. Im Moment verdoppelt sich die Zahl der Kranken und Toten etwa jeden Monat. Versprochene Hilfe ist unzureichend und kommt viel zu langsam an. Sollte ein zweiter Ausbruch in einer anderen Region mit vielen Menschen und schlechtem Gesundheitssystem auftauchen, wäre das eine Katastrophe, sagt Osterholm. "Wir müssten dann alles tun, um das sofort unter Kontrolle zu bekommen, auch wenn das bedeutet, Hilfskräfte aus Westafrika abzuziehen."

Reisestopps für bestimmte Länder bringen laut Experten wenig. "Im Gegenteil, sie erhöhen das Risiko sogar", sagt Osterholm. Grenzen ließen sich nie vollständig schließen. Ebolapatienten, die dann trotzdem nach Europa oder in die USA gelangen, würden sich vielleicht nicht trauen, medizinische Hilfe anzufordern.

Zusätzliche Flughafenkontrollen geplant

Zusätzliche Kontrollen an Flughäfen könnten helfen, einzelne Ebolapatienten früh zu erkennen. So hat die bayerische Staatsregierung an diesem Dienstag die Einrichtung einer Taskforce "Infektiologie" am Münchner Flughafen beschlossen. Solche Sicherheitsvorkehrungen seien an Flughäfen mit direkten Verbindungen nach Westafrika durchaus sinnvoll, sagt Seuchenexperte Sprenger.

Es sei aber eine Illusion zu glauben, dass man alle Ebolapatienten abfangen könne. "Oft sind sie in dem Zeitfenster, wo sie zwar infiziert sind, aber das Virus nicht nachgewiesen werden kann." Langfristig lasse sich das Risiko weiterer Erkrankungen in Europa nur vermeiden, indem der Ausbruch in Westafrika bekämpft werde, meint Forscher Farrar.

Experte fordert Impfstoff

Die Methoden, die bei kleineren Ausbrüchen erfolgreich angewandt werden, also Kontaktpersonen identifizieren und isolieren, seien aber kaum noch möglich, sagt er. "Wir haben den Punkt überschritten, wo das reichen wird. Wir werden auch einen Impfstoff brauchen."

Forscher hoffen, dass zwei experimentelle Impfstoffe Anfang des nächsten Jahres in ersten Studien in Afrika eingesetzt werden können. Ein Impfstoff wird zurzeit in einer ersten Studie in den USA und England auf seine Sicherheit untersucht. Ein anderer könnte Ende des Monats in Hamburg erstmals Menschen gespritzt werden. Noch ist unklar, ob sie Menschen schützen werden. In den nächsten Monaten werden die Menschen in Westafrika ohnehin ohne sie auskommen müssen.

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Quelle:
SZ vom 08.10.2014/sosa
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