Süddeutsche Zeitung

Covid-19:Geht es wieder los?

Der Anstieg der Neuinfektionen zeigt: Jederzeit und überall kann das Coronavirus sich neu ausbreiten, sobald man ihm Gelegenheit dazu gibt. Und doch ist das Bild von der "zweiten Welle" falsch.

Kommentar von Werner Bartens

Es reicht jetzt langsam mit diesem lästigen Corona-Virus. Wir haben seit Monaten artig unsere Kontakte beschränkt, täglich mehrmals 30 Sekunden lang die Hände geschrubbt, uns den Oberkörper verrenkt, um Freunde mit dem Ellenbogen zu begrüßen, müffelnde Masken beim Einkauf und im Bus getragen, Gehalts- oder Umsatzeinbußen schlucken müssen, Bahn und Flugzeuge gemieden und weitgehend auf Reisen verzichtet. Jetzt muss es aber auch irgendwann gut sein.

Der Wunsch nach dem baldigen Ende der Pandemie und einer Rückkehr zum Vor-Corona-Alltag ist allzu verständlich. Es ist nur menschlich, für die Einschränkungen eine Art Gegenleistung zu erwarten. Doch dummerweise tut uns das Virus nicht diesen Gefallen, es verhandelt nicht, sondern verbreitet sich, sofern es die Gelegenheit dazu findet. Deshalb melden Behörden weltweit fast täglich einen neuen Höchststand an Neuinfektionen. Auch in Deutschland und anderen Ländern Europas steigt die Infektionsrate wieder leicht an. Mal sind es Rückkehrer aus dem Urlaub, die das Virus im Land verbreiten. Mal sind es Fleischfabriken und Schlachtbetriebe, in denen sich weitere Mitarbeiter infizieren, wie jetzt womöglich erneut bei Tönnies, nachdem der Großbetrieb gerade erst wieder geöffnet hatte.

Es gibt keinen Grund zur Panik, aber für Entwarnung ist es definitiv zu früh

Das Virus hat kein Gedächtnis und verschont deshalb weder Regionen noch einzelne Betriebe, Sehenswürdigkeiten oder Altersheime, in denen es schon mal zu Ausbrüchen kam. Jederzeit und überall kann ein neuer Hotspot entstehen, weshalb auch das Bild von der "zweiten Welle" falsch ist. Es geht nicht darum, dass nach einer Zeit der Ebbe das Virus irgendwann mit geballter Kraft wieder auftritt, sich verbreitet und nach kontinuierlichem Anstieg zu neuen Infektionsspitzen führt. Vielmehr müsste man das Infektionsgeschehen eher mit zahlreichen Glutnestern unterschiedlicher Größe vergleichen, die überall aufflackern können, manchmal vor sich hinglimmen, manchmal von alleine erlöschen und sich - wenn es schlecht läuft - zu einem größeren Brand zusammenschließen.

Die Gefahr ist leider noch nicht vorbei und leider bleiben weiterhin viele offene Fragen: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Sars-CoV-2 weniger virulent wird. Was ein Antikörpernachweis wirklich aussagt, ist ebenso unsicher wie die Frage, wie lange Menschen, die schon infiziert waren, tatsächlich immun bleiben. Wann ein Impfstoff kommt, ist trotz aller Zwischenerfolge der Forschung ungewiss. Zudem ist da immer noch der Zeitverzug; die Zahlen von heute bilden das Infektionsgeschehen von vor zwei Wochen ab. Der Mensch kann schlecht mit mehreren unbekannten Variablen umgehen, das geht nicht nur Mathematikern so. Das ist kein Grund zur verschärften Panik, für Entwarnung und Leichtsinn ist es allerdings definitiv zu früh.

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