Süddeutsche Zeitung

Corona-Impfstoff:Hohe Wirksamkeit, einfache Lagerung: Sputnik V macht Hoffnung

Die neuen Daten zum russischen Vakzin sind vielversprechend. Für Euphorie ist es jedoch zu früh, noch sind einige Fragen offen.

Von Werner Bartens

Anfangs war die Skepsis groß. Als russische Wissenschaftler im vergangenen Sommer überraschend früh "ihren" Impfstoff gegen Sars-CoV-2 vorstellten, reagierte die westliche Welt abwartend bis schockiert. Die Inszenierung durch Präsident Putin, der medienwirksam seine Tochter impfen ließ, dazu der Name Sputnik V, der an den Wettlauf um die Vormachtstellung im Weltall erinnern sollte - all dies war nicht dazu angetan, das Vertrauen in das Vakzin zu festigen. Statt um die Schutzwirkung des Impfstoffs schien es zuvorderst um die politische Außenwirkung gegenüber China, den USA und Europa zu gehen. Nun zeigt eine Zwischenbilanz des Impfstoffs, dass er bemerkenswert effizient ist.

Virologen um Denis Logunov vom staatlichen Gamaleya-Forschungsinstitut in Moskau berichten im Fachmagazin Lancet von der abschließenden Phase-III-Studie mit dem Impfstoff, betonen allerdings auch, dass es sich noch um vorläufige Daten und eine Zwischenanalyse handelt. Die Wirksamkeit des Vakzins, das zwischen September und November 2020 mehr als 16 000 Freiwilligen gespritzt wurde - 5500 weitere Teilnehmer bekamen Placebo - liegt demnach bei 91,6 Prozent und damit fast im Bereich der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna, sowie über jener von Astra Zeneca und anderen Herstellern, deren Impfstoffe vor der Zulassung stehen.

Allerdings muss einschränkend zu den an Medaillenspiegel erinnernden Wirksamkeitsprozenten gesagt werden, dass sie oft in die Irre führen. In klinischen Studien zum Impfstoff gibt es unterschiedliche Endpunkte. Darunter versteht man in der Medizin die Kriterien, nach denen die Wirksamkeit beurteilt wird, und das kann sich auf Altersgruppen, die Schwere des Verlaufs, die Verhinderung einer Klinikeinweisung oder der Behandlung auf der Intensivstation beziehen. Bisher haben auch die Impfstoffe mit vergleichsweise niedrigen Angaben zur Wirksamkeit einen hohen Schutz vor schweren Verläufen gezeigt.

Der Impfstoff kann bei bis zu acht Grad gelagert werden

Anders als die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna handelt es sich bei Sputnik V um einen Vektor-Impfstoff, ähnlich wie bei dem Vakzin von Astra Zeneca. Ein Adenovirus - ein harmloses Erkältungsvirus - dient als Fähre, um den Bauplan für das Spike-Protein von Sars-CoV-2 in die Körperzellen zu bringen. Dabei wird die erste Impfung mit einem anderen Adenovirus verabreicht als die zweite, was verhindern soll, dass das Immunsystem zu stark auf eines der Erkältungsviren reagiert. Daraufhin bildet der Organismus Antikörper und T-Zellen gegen das Spike-Protein, sodass Sars-CoV-2 gezielt bekämpft wird, sollte eine geimpfte Person mit dem Virus Kontakt haben.

"Wir sehen eine robuste Immunantwort und gute Wirksamkeit, zudem wurde das Vakzin in einer großen Gruppe gut vertragen", schreiben die Autoren. "Um der weltweiten Notlage zu begegnen, kann unser Impfstoff das Angebot an Vakzinen erweitern." Zudem sei der Impfstoff bei minus 18 Grad zu lagern, das russische Gesundheitsministerium habe aber auch Temperaturen zwischen zwei und acht Grad genehmigt, was die weltweite Verteilung erleichtern würde.

Der Analyse zufolge trat nach der zweiten Impfung bei 16 der noch 15 000 Probanden eine Infektion mit Sars-CoV-2 auf, in der Placebogruppe waren es 62 unter knapp 5000 Teilnehmern. Die Wirksamkeit war in allen Altersgruppen besser als 87 Prozent, auch eine gleichmäßige Bildung von Antikörpern gegen das Virus wurde beobachtet. Während mehr als die Hälfte der Teilnehmer leichte Nebenwirkungen in Form kurzer grippeähnlicher Symptome aufwiesen, wurden die Beschwerden bei 68 Probanden als schwer bewertet, konnten aber nicht ursächlich mit der Impfung in Verbindung gebracht werden.

Offen bleibt, wie lange die Immunität anhält - für Euphorie ist es noch zu früh

"Wir freuen uns über die positiven Ergebnisse der Sputnik-Studie", schreibt die Fachzeitschrift Nature. "Die Daten zeigen, dass Sputnik V offenbar sicher ist und wirksam." Im vergangenen Sommer war das russische Vorgehen stark in die Kritik geraten. "Die Entwicklung galt als übereilt und intransparent", schreiben die Infektionsbiologen Ian Jones und Polly Roy im Lancet. "Jetzt sind die Ergebnisse klarer, und man kann mit einem weiteren Vakzin im Kampf gegen Covid-19 rechnen."

Trotzdem bleiben Fragen offen. "Die Ergebnisse sind interessant, aber vor allem die Zahlen in der Vergleichs-Gruppe sind recht gering, sodass man über die Infektionsfrequenz noch keine ganz sichere Aussage machen kann", sagt Ulrike Protzer, Chefin der Virologie an der TU München. "Insgesamt basiert die Aussage zur Effizienz auf 78 Infektionen, davon nur 62 in der Kontrollgruppe." Im Vergleich dazu beruhe die Datenbasis des mRNA-Impfstoffs von Moderna auf 214 Infektionen, davon 202 in der Placebogruppe und zwölf in der mRNA Impfstoff-Gruppe. "Das lässt eine solidere Aussage der Effizienz zu", sagt Protzer. Zudem sei der Titer, also die Konzentration der neutralisierenden Antikörper, relativ gering - sowohl im Vergleich zu Patienten, die bereits eine Infektion durchgemacht haben wie auch im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen. "Es bleibt die Frage, wie lange die Immunität anhält, da die Titer ja über die Zeit abfallen", so Protzer. Die Daten sind also gut und ermutigend, für Euphorie ist es aber zu früh.

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