Süddeutsche Zeitung

Begabtenförderwerke:Früher Fliesenleger, jetzt Elitestudent

Wer ein Stipendium bekommt, stammt in den meisten Fällen aus einer Akademikerfamilie. Benjamin Braamt nicht. Wie kann die Elitenförderung an den Unis gerechter werden?

Benjamin Braamt, Sonderschulempfehlung, Lehre als Fliesenleger, Abi an der Abendschule, erscheint es manchmal noch selbst wie ein Mysterium, dass er jetzt zum erlesenen Kreis der Elitestudenten gehört. Braamt, 33 Jahre, studiert seit Oktober in Bochum Mathematik und Sozialwissenschaften, er will Lehrer werden. Vor einigen Monaten war er beim Auswahlseminar der Studienstiftung des deutschen Volkes, ein Wochenende in einer Jugendherberge in Düsseldorf, da saß er mit den Kindern der Oberschicht und sollte sich in Gruppendiskussionen behaupten. Es ging um abstrakte Fragen: Ist die Freiheit ein gesellschaftliches Konstrukt? Begriffe fielen, die Braamt nie gehört hatte. Falsifikation? "Sagte mir überhaupt nichts." Am Ende fuhr er zurück mit dem Gefühl: Wer weiß, ob die mich nehmen.

Nur ein Prozent der Studenten werden von einem der 13 Begabtenförderwerke unterstützt. Das Stipendium beinhaltet neben Kursen eine bedarfsabhängige Förderung wie das Bafög; anders als die Bafög-Empfänger müssen Stipendiaten den Zuschuss später aber nicht zurückzahlen. Außerdem gibt es eine Pauschale von 300 Euro - unabhängig davon, was die Eltern verdienen. Diese Pauschale lag einmal bei 80 Euro und ist in den vergangenen Jahren erhöht worden, teils unter Protest der Stipendiaten, die dazu aufriefen, das Geld an die zu spenden, die weniger privilegiert sind. Denn dass jemand wie Braamt es in ihren Zirkel schafft, ist eher die Ausnahme.

Das eine Prozent der Geförderten unterscheidet sich deutlich von den übrigen 99 Prozent an Deutschlands Hochschulen. Zwei Drittel der Stipendiaten kommen aus Akademikerfamilien; unter allen Studierenden ist es dagegen nur die Hälfte. Die Studienstiftung, das größte Förderwerk, ist dabei besonders verschlossen: Die Kinder von Vorstandschefs und Professoren bleiben unter sich, nur 30 Prozent sind Erstakademiker.

An uns liegt es nicht, heißt es bei der Studienstiftung. "Wir bemühen uns darum, dass das Auswahlverfahren nicht sozial selektiv ist", sagt Auswahlleiter Roland Hain. Er verweist auf die Zahlen, wonach sich unter den Stipendiaten tatsächlich annähernd so viele Bildungsaufsteiger finden wie unter den Bewerbern. Die Ursache sieht Hain eher darin, wen Lehrer und Hochschulen für die Stiftung nominieren. Gymnasien mit bürgerlicher Klientel machen seinem Eindruck nach eher von ihrem Vorschlagsrecht Gebrauch als andere Schulen, die zum Abi führen. Uni-Professoren empfehlen ihre Studenten öfter als die Kollegen der Fachhochschulen, bei denen die Aufsteiger studieren. Seit gut zehn Jahren können Studenten sich bewerben, ohne vorgeschlagen worden zu sein. Auch das sollte die Stiftung gerechter machen. Geklappt hat es nicht. Der Anteil der Nicht-Akademiker-Kinder war unter den erfolgreichen Selbstbewerbern mit 20 Prozent zuletzt niedriger als der Gesamtschnitt.

Die Studienstiftung will daher nun über Kooperationen an Kandidaten kommen, die bisher nicht zu ihr finden. Einer dieser Partner ist das Talentzentrum in Nordrhein-Westfalen, ein Modellprojekt, das gezielt Abiturienten an die Hochschulen locken will, deren Eltern nicht studiert haben. Mehr als 70 Scouts strömen dafür in die Berufskollegs, Gesamtschulen und Gymnasien. Seit 2018 dürfen die Talentscouts Vorschläge für die Stiftung machen.

Julia Eberlein gehörte bis vor Kurzem zu diesen Beratern, einmal im Monat war sie zur Sprechstunde im Weiterbildungskolleg in Dortmund. Irgendwann saß Braamt bei ihr. "Für mich war es klar, dass ich Benjamin vorschlage", sagt sie. Der habe sie erst einmal nur verdattert angesehen.

Wohl auch, weil schon der Weg zur Uni für ihn so lang war. Auf der Hauptschule bekam er eine Ahnung, was er später machen könnte: unterrichten. Vor allem der Klassenlehrer hat ihn inspiriert, erzählt er. "Bei dem hat man gemerkt, dass das für ihn nicht einfach nur ein Job ist." Einmal hat der Lehrer ihn morgens auf dem Arbeitsweg auf den Bus warten sehen und ihn von diesem Tag an im Auto mitgenommen. "Der hat nicht nur den Lehrplan durchgezogen, sondern auch geguckt, wo es zu Hause bei uns drückt." Trotzdem riet er Braamt nach der mittleren Reife vom Lehrerjob ab: Abi und Studium, das wird zu schwer.

Braamt lernte Fliesenleger, fand keine Stelle, ging vier Jahre zur Bundeswehr, anschließend in die Produktion bei einem Hersteller für Kupplungen, ein Arbeiterjob in Blaumann und Schichtdienst. An den Berufswunsch von früher dachte er gar nicht mehr - bis er beim Sport seine Freundin kennenlernte, eine Medizinstudentin.

Studieren, das wollte ich ja auch mal, sagte Braamt.

Warum machst du es nicht?

Weil mir mein Leben lang gesagt wurde, dass ich es nicht kann.

Er versuchte es mit dem Abitur an der Abendschule, freitags nach der Arbeit von 18 bis 21 Uhr und samstags von acht bis 16 Uhr. "Meine Freunde waren eher zwiegespalten und im Betrieb musste ich auch dafür kämpfen, dass das mit dem Schichtdienst hinhaut." Trotzdem macht er das Abitur, mit 1,2. Hätte seine Mentorin Julia Eberlein vom Talentzentrum ihn nicht für die Studienstiftung empfohlen, sagt Braamt, wäre er nie auf die Idee gekommen, sich zu bewerben.

39 Studierende saßen auf Vorschlag der Talentscouts bisher in den Auswahlseminaren. Elf bekamen die Zusage. Damit sind sie so erfolgreich wie die übrigen Kandidaten, vielleicht einen Tick erfolgreicher. Verlässlich lässt sich das bei den kleinen Zahlen noch nicht sagen. Und bei fast 13 000 Studienstiftlern sind es zu wenige, um die Stiftung merklich bunter zu machen.

Andere Förderwerke gehen weiter. Manche wie die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung geben Bildungsaufsteigern in der Bewerbung sogar Pluspunkte. Die Studienstiftung will keinen expliziten Bonus vergeben; man wolle die Leistungsbesten, heißt es. Dass Erstakademiker am Ende weiter unterrepräsentiert bleiben, nimmt man in Kauf.

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Quelle:
SZ vom 08.07.2019
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