Süddeutsche Zeitung

Schule:Und raus bist du

Kinder, die prügeln, fliegen immer schneller von der Schule. Dabei wäre es genau dann nötig, an ihnen dranzubleiben. Die Pädagogik kapituliert vor ihrer ureigensten Aufgabe.

Was die Jungs taten, war wirklich nicht schön. Und Oskar* hatte furchtbare Angst. Eine Droge wollten sie ihm geben, erzählten ihm seine Klassenkameraden aus der 5b eines Gymnasiums im Speckgürtel von Berlin. Eine Droge, um ihn zu betäuben. Damit er nicht mitbekommt, wie er sterben muss. So schwadronierten die Elfjährigen auf ihrer Klassenfahrt im vergangenen Juni, während sie zusammen mit Oskar auf ihren Betten im Schullandheim saßen. Am Anfang fand Oskar das offenbar noch lustig. Doch dann spielten sie immer konkreter verschiedene Szenarien durch, wie der arme Junge ums Leben kommen könnte. Wilde Tiere würden ihn fressen, malten sie sich aus, oder sie könnten Oskar im Wald verbrennen, er würde ja nichts spüren.

Wie nur kamen die Elfjährigen auf solche Grausamkeiten? Mit den Jungs müsste man mal ein ernstes Wörtchen reden, denkt man sich, wenn man die Geschichten hört, die Oskar nach seiner Rückkehr seinen Eltern erzählt hat. Jemand müsste sie fragen, warum sie so gemein zu ihrem Mitschüler waren, ob sie es selbst nicht schrecklich fänden, wenn jemand ihnen das antäte, wie ernst sie das eigentlich meinten und wie sie gedenken, die Sache wiedergutzumachen.

Die Schule aber fragte nicht. Sie wollte die Jungs vor allem loswerden. Der Klassenlehrer hatte sein Urteil ohnehin schon gefällt: Die Schüler hätten "massive Morddrohungen" ausgesprochen, schrieb er in einer E-Mail an die gesamte Elternschaft der Klasse. Oskars Eltern hätten deshalb Anzeige gegen die zwei vermeintlichen Anführer erstattet, und die Schule stehe "voll und ganz" dahinter. Ohne dass die beiden beschuldigten Elfjährigen die Chance hatten, ihre Version der Geschichte zu erzählen, wurden sie aus der Klasse ausgeschlossen. Sie durften vorerst nicht mehr zur Schule kommen.

Statt darüber zu sprechen, was passiert ist, wird oft schnell und unverhältnismäßig entschieden

Ohnmacht statt Erziehung: Der Fall ist ein erschreckendes Beispiel dafür, dass Lehrer heutzutage allzu leicht vor erzieherischen Herausforderungen kapitulieren. Ihre Angst vor Gewalt in der Schule ist so groß geworden, dass sie paralysiert sind, sobald sie erste Anzeichen davon entdecken. Statt auf ihre pädagogische Kompetenz zu setzen, indem sie sich den Kindern zuwenden und sie anleiten, wie sie künftig andere Ausdrucksformen für ihre Gefühle finden können, greifen sie zu Ordnungsmaßnahmen wie dem Schulverweis, rufen die Polizei oder schalten die Staatsanwaltschaft ein. Bloß weg mit vermeintlich gefährlichen Schülern, damit nicht am Ende noch Schlimmeres passiert!

"Es werden relativ schnell drastische Maßnahmen ergriffen", beklagt Kristin Werschnitzke, die als Kindheitspädagogin an einer Förderschule in Brandenburg arbeitet. "Viele Entscheidungen passieren in einer Hauruck-Aktion. Dabei sollten doch alle zusammen an einem Tisch sitzen und sich die Zeit nehmen und das Geschehene analysieren." Mitunter können nicht einmal jene Lehrer, die auch dann noch ihre pädagogische Chance sehen, wenn ihnen einer ihrer Zöglinge aus Wut die Brille von der Nase geschlagen hat - wie es einmal bei Kristin Werschnitzke der Fall war -, die schnellen Verweise aufhalten: "Als Lehrerin hat man dann keine Möglichkeit mehr, mit dem Kind zu erarbeiten, was da eigentlich passiert ist."

Dabei scheinen Lehrer (und auch Eltern) das Gespür dafür verloren zu haben, welches Ausmaß an Gewalt und Bosheiten unter Kindern schlichtweg normal ist und wo man durchaus noch "erziehen" kann. "Lehrer haben heute nicht mehr die Sicherheit, Autorität und Souveränität, die sie bräuchten", sagt der Sozial- und Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance, einer Privatuniversität in Berlin. "Deshalb greifen sie zu unverhältnismäßigen Sanktionen." Und Nele McElvany, die Leiterin des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund, spricht von einer "allgemeinen Aufgeregtheit" der Lehrer im Angesicht kindlichen Fehlverhaltens: "Was vor zehn Jahren als normales Verhalten wahrgenommen wurde, wird heute oft zu schnell kriminalisiert." Dabei müssten Kinder auch mal Mist bauen dürfen. Nur so könnten sie lernen, wo die Grenze zwischen richtig und falsch liege.

Schon immer haben sich Jungen auf dem Schulhof auf die Nasen gehauen, um ihre körperlichen Grenzen zu erfahren; da gab es Gehässigkeiten erster Güte unter Mädchen, um herauszufinden, wie das eigentlich so funktioniert mit dem sozialen Miteinander. Wenn dabei Blut oder Tränen flossen, bekam man vielleicht einen Eintrag ins Klassenbuch und, wenn es hoch kam, noch ein Gespräch mit dem Rektor. Heute rufen Lehrer und Eltern schnell panisch: Gewalt! Mobbing! Und stempeln Elfjährige zu potenziellen Mördern.

Nehmt den Kindern ihre Konflikte nicht weg!

Der Fall aus dem Berliner Umland ist sicherlich ein Extrembeispiel, aber nicht singulär. Fachleute wissen viele solcher Geschichten zu erzählen, die aus menschlicher, pädagogischer und gesellschaftlicher Perspektive fast so beängstigend wirken wie die Drogen-Drohungen für den elfjährigen Oskar: Im Hamburger Umland wurde im vergangenen Sommer ein Siebenjähriger der Schule verwiesen, weil er seiner Lehrerin "sexistisch" auf den Po gehauen haben soll. Und in München flog ein Elfjähriger von der Schule, der einer Lehrerin ein Verhältnis mit einem Schüler angedichtet hatte. Erst ein Gericht hob den Verweis im Sommer 2015 wieder auf. "Ich mache seit 35 Jahren Schulrecht", sagte der Anwalt des Jungen, Peter Wichmann, der SZ nach dem Urteil, "aber ich habe noch nie zweieinhalb Stunden über das Schulhofgeplapper von Elfjährigen verhandeln müssen."

Es ist völlig inakzeptabel, wenn unter Erwachsenen Sex-Gerüchte in Umlauf gebracht werden, um die Ehre einer Person zu zerstören. Und niemand verlangt, dass sich Lehrerinnen von ihren Kollegen oder einem 17-Jährigen auf den Po tatschen lassen und danach nur freundlich lächelnd den Zeigefinger heben dürfen. Aber Sexismus mit sieben?

Wer solche Register zieht, skandalisiert Vorfälle, über die man ein paar Tage später schon wieder lachen könnte. Auch die Kinder könnten das, wenn man sie nur ließe. Denn Kinder sind Großmeister im Vertragen. Oft schaffen sie das ganz von allein; manchmal hilft es, wenn kindliche Schlichter oder unvoreingenommene Erwachsene dabei helfen. Doch heute werden Verweise verteilt, bevor Schüler ihren Konflikt miteinander lösen können. Die Streithähne werden sprachlos getrennt, der vermeintliche Täter ausgestoßen und geächtet. Dabei leiden selbst extreme Störenfriede, von denen man annehmen würde, dass sie froh sind, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen, extrem unter einem Ausschluss vom Unterricht, sagt Kristin Werschnitzke. Der Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit ist gerade unter Heranwachsenden groß. Hier wird nicht nur Gewalt mit Gewalt begegnet. Es werden auch Chancen vertan, Streitereien als das zu sehen, was sie nämlich auch sind: Grenzüberschreitungen, mit denen Heranwachsende etwas fürs Leben lernen.

Nehmt den Kindern ihre Konflikte nicht weg!, hat der im vergangenen Jahr verstorbene norwegische Soziologe Nils Christie immer wieder betont. Kinder und Jugendliche müssen lernen zu streiten und sich wieder zu vertragen. So heilen auch die Verletzungen, die im Streit entstehen. Wenn Konflikte immer nur von außen beendet werden, leidet nicht nur der bestrafte Täter, sondern auch das Opfer. "Wenn Eltern, Polizisten oder Lehrer die Sache für ein Kind regeln, wird es nicht stark", sagt die Berliner Kriminologin und Pädagogin Lydia Seus. "Es bleibt das Opfer, dem andere aus der Patsche helfen müssen."

Kurz nach der Klassenfahrt der 5b zwang eine Lehrerin alle Kinder, auf dem Weg in die Pause an Oskar vorbeizudefilieren, ihm in die Augen zu blicken und "Entschuldigung" zu sagen. Die Lehrerin hatte wohl nur Gutes im Sinn. Aber Eltern, die von der Aktion hörten, fragten zu Recht: "Glauben Sie wirklich, dass einem Kind, das offensichtlich einen schweren Stand in der Klasse hat, eine solche Aktion weiterhilft?" Oskar wurde die Chance verwehrt, selbst wieder die Zügel in die Hand zu nehmen. Er blieb ein Außenseiter. Fast überflüssig zu erwähnen, dass seine Eltern ihn nach den Sommerferien auf eine andere Schule schickten. Für ihn werden die Geschehnisse eine Niederlage bleiben.

Überfürsorgliche Eltern führen zu einem übersensiblen Verhalten der Lehrer

Keine Frage: Lehrer haben es in diesem Land nicht leicht. Ständig werden sie von ehrgeizigen und überfürsorglichen Eltern bedrängt. Die Sorge, etwas Schlimmes zu übersehen, wächst. Auch die Rektorin der Berliner Schule berichtet, wie massiv Oskars Eltern aufgetreten seien. Und als nach deren Anzeige noch zwei Polizisten im Schulsekretariat auftauchten, wollte sich die Rektorin mit der Schulverweisung der beiden Jungs erst einmal Luft verschaffen.

Und trotzdem: Lehrer dürfen sich nicht so unter Druck setzen lassen. Dass Gewalt, egal ob seelischer oder körperlicher Natur, heute weithin geächtet wird, ist an sich eine zivilisatorische Errungenschaft. Es ist gut, dass die Unversehrtheit des anderen viel höher bewertet wird als noch vor 30 Jahren. Aber diese Entwicklung darf nicht zu Übersensibilitäten führen, in deren Namen Schule und auch Eltern vor grundlegenden Erziehungsaufgaben kapitulieren.

Kinder und Jugendliche heute sind nicht gewalttätiger als früher. Im Gegenteil. Sie werden überwiegend gewaltfrei erzogen und durchlaufen schon im Kindergarten "Faustlos"-Programme zur friedlichen Konfliktbewältigung. Zweifelsohne gibt es einzelne Schüler, die mit Messern in die Schule kommen, dort volksverhetzende Schriften verbreiten oder Mitschüler quälen. Aber allein in den vergangenen zehn Jahren ist die Jugendgewalt um mehr als 15 Prozent gesunken - körperliche Gewalt ebenso wie Mobbing, dem heute so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zugleich ist die Bereitschaft, Delikte von Heranwachsenden anzuzeigen, um 12 Prozent gestiegen, wie Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) feststellten.

"Es gibt kaum noch Gewalt, vor der man kapitulieren müsste"

Das gilt vor allem für "eher leichtere Delikte" wie Körperverletzung ohne Waffen; aber auch die Zahl der Verletzungen beim Raufen ist gesunken, wie Bernd Holthusen vom Deutschen Jugendinstitut in München ergänzt: An Hauptschulen kamen 1993 noch 50 auf 1000 Schüler, 2013 waren es weniger als 30. "Es gibt kaum noch Gewalt, vor der man kapitulieren müsste", sagt Christian Pfeiffer vom KFN. "Und trotzdem ist man in Schulen und Kindergärten oft übersensibel. Lehrer und Erzieher reagieren völlig übertrieben auf kleine Raufereien."

Statt ein Kind zum Kriminellen zu machen, sollten Lehrer und Schüler Regeln festlegen

Natürlich wirft jede Auseinandersetzung unter Schülern eine schwierige Ermessensfrage auf: Reicht es, die Streithähne auseinanderzuziehen? Muss man sie bestrafen? Wenn ja, wie hart? Um solche Entscheidungen zu fällen, braucht man pädagogische Kompetenz. Man muss wissen, welche Kinder man noch mit welchen Maßnahmen erreichen kann. Man muss einschätzen können, welche Provokationen in welchem Alter noch normal sind. Gerade das ist die ureigene Kompetenz von Lehrern. Hier macht ihnen, wenn sie fundiert ausgebildet sind, keiner etwas vor. Neben ihrem Fachwissen und ihren didaktischen Fähigkeiten wird ihre erzieherische Kraft gebraucht.

Wer keine Erfahrung hat, dem helfen Regeln. Allzu oft klagen gerade Studienräte darüber, pädagogisch zu schlecht ausgebildet zu sein. Die beste Strategie zum Umgang mit Gewalt an einer Schule ist daher ein klares Regelsystem, das Lehrer und Schüler gemeinsam festlegen sollten, sagt Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance. Wie geht man an unserer Schule würdig miteinander um? Welche Verhaltensweisen sind verpönt? Ist eine Rangelei noch erlaubt? Wenn ja, wo liegen die Grenzen? Wenn nein: Welche Möglichkeiten bieten wir dann, um Aggressionen abzubauen? Wut und Ärger gehören zum Menschsein dazu. Wer jegliche Körperlichkeit auf dem Schulhof ächtet, muss einen anderen Raum für Aggressionen schaffen: beim Ringen im Sportunterricht, in Kunstprojekten, durch Rollenspiele und Theater. Auch hier muss es dann klare Regeln geben, wie weit man gehen darf.

Wenn die Grenzen gemeinsam diskutiert werden, wächst nebenher ethisches Bewusstsein. Die Schüler lernen, was wichtig und richtig ist; die Strafen, die auf einen Regelverstoß folgen, sind für jeden nachvollziehbar. Und ein Kind, das Opfer geworden ist, kann selbst die Sanktionen einfordern; es ist nicht mehr ohnmächtig, es verliert die Angst vor dem Täter. "Für Kinder und Jugendliche ist es sehr wichtig, dass der andere sagt: Ja, ich habe dir Unrecht getan. Ich gebe das zu", sagt die Kriminologin Lydia Seus.

Auch der Täter profitiert. Schließlich leiden Kinder, die etwas Schlimmes angestellt haben, ebenfalls unter der Situation. Sie sollten durch die Verantwortung, die sie nach ihrer Tat übernehmen können, die Erfahrung machen: Was ich getan habe, war böse, aber ich bin nicht böse. Und ich kann etwas wiedergutmachen. So wird das Kind nicht ausgegrenzt, stigmatisiert und kriminalisiert, was dann nur wieder zu Frustration und Aggressionen führt. Am Ende gehen beide Kinder gestärkt aus dem Konflikt hervor. Wer klare Regeln hat, braucht keine Polizei.

"Man hat ja gar keine Zeit, sich wirklich auf Konflikte einzulassen"

Bindung und verlässliche Werte sind die wichtigsten Stützen eines Kindes auf dem Weg zu einer stabilen, psychisch gesunden Persönlichkeit. Eine solches wertschätzendes und beziehungsreiches Gerüst muss auch die Schule vorgeben. Kinder genießen Struktur, sie lernen am besten innerhalb eines festen Regelwerks, und sie fühlen sich an einer solchen Schule auch sicher und wohl.

Damit Lehrer ihre erzieherischen Fähigkeiten mit mehr Selbstbewusstsein einsetzen können, muss die Gesellschaft ihnen mehr zutrauen, sie pädagogisch besser ausbilden, gegen den Druck der Eltern wappnen, ihnen Schulpsychologen zur Seite stellen, die sie im Zweifelsfall kontaktieren können - und ihnen auch mehr Gelegenheit zum Handeln geben. "Man hat ja gar keine Zeit, sich wirklich auf Konflikte einzulassen", sagt eine junge Lehrerin. "Beim Gong müsste man schon in der nächsten Klasse sein. Auch deshalb kommt es vor, dass Lehrer Probleme gerne an die Polizei abgeben. Wenn sie sich selbst darum kümmern würden, müssten sie das in ihrer Freizeit tun."

Es geht also um etwas mehr Sensibilität für die Lebenswirklichkeit der Schüler, so wird man manches Missverständnis vermeiden können. Also dran bleiben an der Jugend, im Gespräch bleiben, Fragen stellen, sich für ihre Beweggründe und Motive interessieren: Das sind die Voraussetzungen für eine krisensichere Pädagogik, die im Streit vor allem eine Chance und weniger eine Bedrohung sieht. Der Aufwand lohnt. Es geht um ein hohes Gut, es geht um nicht weniger als die Kraft der Erziehung.

(*Name geändert)

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URL:
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Quelle:
SZ vom 27.02.2016/mkoh
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