Süddeutsche Zeitung

Schule:NRW will Krankheitstage von Lehrern zentral erfassen

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Viele Pädagogen glauben nicht, bis zur Pension durchzuhalten. Zur Gesundheitsförderung will Nordrhein-Westfalen künftig Krankheitstage von Lehrern zentral speichern. Die Berufsverbände sind skeptisch.

Von Tobias Dirr, München

Aufmüpfige Schüler, Lärm, Zeitdruck: Die Belastungen für Lehrer sind hoch. So hoch, dass nur 41 Prozent aller Pädagogen glauben, bis zum Pensionsalter arbeiten zu können. Das zumindest geht aus der Studie einer Krankenkasse hervor. Amtlich registriert sind aber nur die tatsächlichen Frühpensionierungen wegen Dienstunfähigkeit, bundesweit gut 4000 im Jahr. Über sonstige Fehlzeiten gibt es keine genauen Zahlen, weil diese nicht zentral erfasst werden.

In Nordrhein-Westfalen soll sich das nun ändern. Künftig sollen Schulleitungen den Krankenstand elektronisch an ihre Bezirksregierungen melden. Bislang durften die Fehltage aus Gründen des Datenschutzes nicht im Krankenstandsbericht der Regierung erfasst werden. Dieses Hindernis wurde nun durch eine Verordnungsänderung beseitigt.

Wie eine Sprecherin des Ministeriums in Düsseldorf auf Anfrage betonte, gehe es hierbei jedoch nur um Gesundheitsförderung - und "nicht um eine Kontrolle der Lehrer". Es werde sichergestellt, dass keine einzelnen Pädagogen oder Schulen erkennbar seien. Im Krankenstandsbericht werde auf Landesebene in Prozent angegeben, in welcher Schulform es zu kurz-, mittel- und langfristigen zu Erkrankungen kommt.

Zahlen geben keine Auskunft über dahinterstehende Probleme

Dass die geplante Erfassung überhaupt nötig sei, wird von den Lehrerverbänden stark bezweifelt. Und zum Beispiel in Bayern werden Fehlzeiten von Lehrern nicht systematisch dokumentiert, heißt es aus dem Kultusministerium in München. "Es ist fraglich, ob jede Fehlstunde einer Lehrkraft einzeln gemeldet werden muss", sagt Udo Beckmann, Chef des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Schon jetzt werden die Krankentage der Lehrer an den Schulen erfasst. Erst wenn ein Lehrer innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen krank ist, wird dies an die Schulaufsicht gemeldet.

Ute Lorenz von der Bildungsgewerkschaft GEW in NRW hält diese Regelung für ausreichend. Denn Schulen selbst hätten den besten Überblick darüber, warum ein Lehrer fehle und welche Maßnahmen zu ergreifen seien. "Anhand der Zahlen können wir nicht sehen, welche Probleme es genau an den einzelnen Schulen gibt. Die Gründe für Krankenstände bleiben verborgen." Für Lorenz bedeutet die Neuregelung nur Bürokratie - und mehr Aufwand für die Schulleiter.

Erfassen sei das eine, aber das Ministerium müsse die Hintergründe erforschen und handeln, sagt auch Beckmann. "Bisher weiß das Land noch nicht mal, wie viele Burnout-Fälle es in der Lehrerschaft gibt. Das zeigt, dass die Regierung ihre Aufgabe als Gesundheitswahrer und -vorsorger nicht hinreichend erfüllt." Wenn eine Regierung Lehrern zu wenig Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts gebe und ihnen ständig neue Aufgaben zuweise, "muss man sich nicht wundern, wenn die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage immer weiter steigt". Der VBE fordert mehr Personal - eine "Vertretungsreserve" von acht Prozent pro Schule.

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Quelle:
SZ vom 07.10.2014
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