Süddeutsche Zeitung

Unterricht:Dieser Lehrer will die Schule abschaffen

Seit 20 Jahren unterrichtet Oliver Hauschke. Nun rechnet er radikal mit seinem Arbeitsplatz ab. Zu Gast bei einem, der vom Glauben abgefallen ist.

Um Oliver Hauschke vom überzeugten Gymnasiallehrer zum Revoluzzer werden zu lassen, brauchte es zehn Minuten. Die zehn Minuten nämlich, die zwischen 90 und 80 Minuten liegen. Von 90 auf 80 Minuten hatten sie an seiner Schule die Doppelstunde gekürzt, aus zwei Gründen: Weil eine Doppelstunde erstens ziemlich lang ist. Und weil bei drei Doppelstunden an einem Schultag so insgesamt 30 Minuten zusammenkommen - für die Schüler, zum freien Arbeiten. Das Ministerium war einverstanden, die Schüler waren zufrieden, Hauschke sowieso.

Doch nach ein paar Jahren mussten sie die Uhr zurückdrehen: zur 90-Minuten-Doppelstunde. Aus einem einzigen Grund, sagt Hauschke: Weil die Politik es so wollte und die Schulleitung in "vorauseilendem Gehorsam" nachgab. Für Hauschke sind diese zehn Minuten einer von vielen Beweisen dafür, dass die Schule keine Abweichungen duldet und keine Veränderungen zulässt, schon gar nicht zum Guten. Das System hält er deshalb für ein Problem, das gelöst werden muss. Nicht Schritt für Schritt, sondern auf einen Schlag. Alles weg. Und dann alles neu.

Oliver Hauschke hat ein Buch geschrieben, vergangene Woche ist es erschienen. Der Titel: "Schafft die Schule ab". "Und gründet sie neu", müsste eigentlich noch kommen, aber das klingt natürlich nicht so gut. Es sind 224 Seiten über alles, was aus seiner Sicht schief läuft in der Schule. Und darüber, wie es besser laufen könnte. Bei einem, der wie Hauschke die Schule aus fast jeder denkbaren Perspektive kennt - als Schüler, als Lehrer, als Schulleiter, als Vater von zehn Kindern - muss man sagen: Es sind 224 Seiten Frustbewältigung.

Schüler werden "wie Waren oder Vieh" behandelt

Oliver Hauschke ist 46 Jahre alt, er trägt eine schmale Brille und die Haare, die ihm noch geblieben sind, kurz und grau. Mit seiner Frau und ihren acht Kindern wohnt er in einem Bungalow mit großen Fenstern am Stadtrand von Stade, eine halbe Zugstunde von Hamburg entfernt. Im Garten liegen Fußbälle und Bobbycars verstreut, aber dass hier nicht einfach Kinder leben, sondern viele Kinder, sieht man vor allem daran, dass der Tisch auf der Terrasse so lang ist wie die Tafel in einer mittelalterlichen Burg. "Ist einfach passiert", sagt Hauschke. Mit seiner Frau hat er sieben Töchter und einen Sohn. "Der Arme", sagt der Vater.

Hauschke hat Geschichte und Politik studiert, arbeitete als Gymnasiallehrer in Hessen und wechselte 2009 nach Stade, als Leiter des gymnasialen Zweigs einer kooperativen Gesamtschule; seit einem Jahr ist er krankgeschrieben, was aber, sagt er, nichts mit dem Buch zu tun habe. Als "Verfechter der gymnasialen Bildung" habe er angefangen, als Verfechter jenes Kanons an Wissen also, der für die Schule festgelegt wurde und allen Kindern, Klasse für Klasse, Fach für Fach, Stunde für Stunde, verabreicht wird. "Ich habe das alles selbst geglaubt", sagt Hauschke. Doch je länger er unterrichtete und je mehr er über seine eigenen Kinder die Schule auch als Vater erlebte, umso mehr sei ihm klar geworden, "dass wir uns einfach etwas vormachen".

In einem Satz könnte man Hauschkes Kritik so zusammenfassen: Die Schulen verfehlen ihr Ziel, jungen Menschen etwas beizubringen. Doch das würde nicht im Ansatz die Bitterkeit seines Buches einfangen. Die Schulen, schreibt er, "entmutigen, desillusionieren, deprimieren, unterdrücken und betrüben" die Kinder. Es herrsche eine "Beschämungskultur", "wie ein Damoklesschwert" hingen die Noten über den Schülern, bei Zeugniskonferenzen würden sie "wie Waren oder Vieh behandelt". In "Lernzellen" vergeudeten sie ihre Lebenszeit, wo sie zu "braven Arbeitssoldaten" herangezogen und ihnen Dinge eingetrichtert würden, die sie später nicht brauchten und wieder vergäßen. Nicht um Bildung gehe es an der Schule, sondern darum, "den Menschen nach seiner vermeintlichen Leistungsfähigkeit zu klassifizieren und zu kategorisieren".

Wer Hauschkes Buch liest, denkt immer wieder, er sei im Regal verrutscht und nicht bei den Neuerscheinungen gelandet, sondern bei den historischen Dokumenten. Aus dem frühen 20. Jahrhundert vielleicht, als Hermann Hesse seine Geschichte über den Leidensweg eines begabten Schülers "Unterm Rad" nannte. Ist die Schule nicht viel weiter? Er überspitze, sagt Hauschke, er wolle ja aufrütteln. Aber ein Zerrbild zeichne er nicht. "Das ist gelebte Realität", sagt er und rät Eltern, einmal in die Schule ihrer Kinder zu gehen. "Sie werden feststellen, dass die Unterschiede minimal sind. Die Welt hat sich verändert. Die Schule ändert sich nicht."

Interessiert am Stoff, nicht am Schüler

Wer nun denkt, in Hauschkes Generalabrechnung seien nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer Leidtragende, die die Fehler des Systems Schule auszubügeln versuchen, der irrt. Mit seinen Kollegen geht er besonders hart ins Gericht. Die allermeisten seien an den Kindern als Menschen nicht interessiert, nur an ihrem Fach und dem Stoff. Hauschke wirft diesen Lehrern nicht weniger als Verrat an den Kindern vor. Als Schüler hätten sie selbst erlebt, wie ungerecht Noten, Bewertungen, Urteile sein könnten. Sobald sie aber auf der anderen Seite stehen, übernähmen sie, was sie einst in Frage gestellt hätten - und ließen, zum Beispiel, Schüler wegen einer Stelle hinterm Komma durchfallen.

"Anstatt dieses System und sich selbst zu hinterfragen, versuchen viele Lehrer, sich hinter einer Mauer aus Arroganz und Unnahbarkeit zu verschanzen", schreibt Hauschke. Und erzählt dazu Geschichten. Von seinem Sohn, der den Farbkreis nach Itten korrekt, aber spiegelverkehrt zeichnete - und dafür keinen einzigen Punkt bekam. Von einem Schüler, der die fehlerhafte Frage einer Lehrerin richtig beantwortete - dessen Antwort trotz Protesten aber als falsch bewertet wurde. Es zählte nur, "dass die Schule und die Lehrkraft ihr Gesicht nicht verloren". Fazit: "Eine Reform von innen heraus ist unmöglich."

Schlachtet das Gymnasium!

Also Revolution. Die Schule gehört abgeschafft, mit allem, was dazugehört: mit Klassen und Fächern, mit Klassenzimmern und festem Unterrichtsbeginn, mit Noten und unterschiedlichen Zweigen. Das Gymnasium sei die "heilige Kuh des deutschen Bildungsbürgertums", sagt Hauschke. "Wir müssen sie schlachten." An die Stelle des alten Systems müsse ein neues treten, das den natürlichen Lerntrieb von Kindern bestärkt, statt ihn ihnen auszutreiben. Das Kinder nicht mehr in Klassen und Schulen sortiert. Das den Schülern Wissen vermittelt, das bleibt. Diese Einrichtung könnte Lernort, Lernwerkstatt oder Lernfamilie heißen, sagt Hauschke. "Oder meinetwegen wieder Schule."

Was sollen Schüler heute wissen, wenn sie die Schule verlassen? Nach den Protesten gegen das angeblich zu schwere Mathe-Abitur gab es einige Experten, die darüber eine neue Debatte forderten. Hauschke hat sie bereits begonnen. Sein Vorschlag: Jeder soll die Möglichkeit haben, sich mit den alten Römern, der Kirchenspaltung am Ende des Mittelalters oder mit abseitigen Themen zu beschäftigen, aber niemand muss es tun. Weniger Stoff für alle, dafür mehr für jeden einzelnen.

Es gibt gute Gründe, dieses Buch als Aufruf zum Umsturz zu lesen, mit grobem Strich in dunklen Farben aufs Papier gemalt, um in den Buchläden aufzufallen. Es gibt aber auch gute Gründe, es als Bericht eines Vaters und Lehrers zu sehen, der aus seinen Gewissensnöten ein Buch gemacht hat. Und Ideen hat, über die man reden kann - auch ohne Revolutionsrhetorik.

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Quelle:
SZ vom 27.05.2019/berk
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