Süddeutsche Zeitung

Bildung:Was Sie über das duale Studium wissen sollten

  • Mehr als 1500 duale Studiengänge gibt es in Deutschland, die von 95 000 Studierenden besucht werden.
  • Die Verknüpfung von universitärer Ausbildung und beruflicher Praxiserfahrung wird bei den Studenten immer beliebter.

Das duale Studium boomt. Deutschlandweit kooperieren immer mehr Hochschulen und Firmen, um ein Studium in Kombination mit Praxisphasen im Betrieb oder mit einer Berufsausbildung anzubieten. So waren bei der Datenbank "Ausbildung Plus" des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im März 2017 mehr als 1500 duale Studiengänge verzeichnet, die von 95 000 Studierenden besucht wurden. Damit hat sich die Zahl der dort registrierten dualen Studienangebote binnen acht Jahren mehr als verdoppelt. Im April 2007 zählte die Datenbank nur 666 Studiengänge sowie knapp 43 000 dual Studierende. Die meisten Angebote beziehen sich auf Wirtschaft, Ingenieurwesen, Immobilien, IT und Technik; es gibt unter anderem auch duale Studiengänge zu Gesundheits-, Sozial- und Umweltthemen. Im Bereich der Geisteswissenschaft wird aber so gut wie nichts angeboten.

"Das duale Studium ist so beliebt, weil es für alle drei Seiten, also Unternehmen, Hochschulen und die Studierenden, Vorteile mit sich bringt", erklärt Barbara Hemkes vom Bundesinstitut für Berufsbildung. "Die Unternehmen betreiben mit dem dualen Studium eine Bestenauslese der Schulabsolventen mit dem Ziel, zukünftige Führungskräfte zu rekrutieren." Die Nachwuchskraft lerne den Betrieb in den Praxisphasen intensiv kennen und sei daher ideal auf ihre Aufgaben vorbereitet.

Außerdem können die Unternehmen mit diesem Modell ihren Nachwuchs spezifisch, ihren Bedürfnissen entsprechend, ausbilden. "In Absprache mit den Hochschulen können die Betriebe ihre Erwartungen an das Studium deutlich machen", führt Hemkes aus. Die enge Abstimmung mit den Hochschulen schätzt auch Katrin Sünderhauf. Sie ist bei der Deutschen Bahn (DB) unter anderem für die Grundsätze im Schülerrecruiting zuständig. Bundesweit bietet die Bahn 20 verschiedene duale Studiengänge in den Richtungen Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften sowie IT an. "Wir haben die Möglichkeit, den Hochschulen Anregungen zu liefern, welche Inhalte bei der Ausbildung in unseren Betrieben besonders wichtig sind und deshalb auch im Rahmen des Studiums intensiv behandelt werden sollten", erläutert Sünderhauf. "Die Hochschulen prüfen diese Wünsche und versuchen, sie in die Ausbildung zu integrieren."

Die meisten dualen Studiengänge, die die DB anbietet, sind praxisintegrierend, einige aber auch ausbildungsintegrierend organisiert. Beim praxisintegrierenden Modell wird das dreijährige Bachelorstudium mit Praxisphasen im Betrieb kombiniert. In der Regel arbeiten die Studenten dabei während der vorlesungsfreien Zeit bei verschiedenen Projekten im Unternehmen mit. Beim ausbildungsintegrierten Modell durchlaufen die Studierenden zusätzlich auch eine Berufsausbildung. In vier bis 4,5 Jahren erwerben sie so eine Doppelqualifikation: den Bachelortitel und einen Ausbildungsabschluss der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer oder einer Fachschule.

"Ein attraktives Format"

Auch die Hochschulen profitieren von dieser Symbiose mit den Unternehmen und anderen Einrichtungen. "Das duale Studium ist ein attraktives Format, um weitere Studierende zu gewinnen", betont Hemkes vom BIBB. "Viele der Fachhochschulen liegen im ländlichen Raum. Mit dem dualen Studium können sie den jungen Leuten dort eine vielversprechende Perspektive bieten", ergänzt Theresa Eitel, Mitglied der Geschäftsführung von Hochschule Dual mit Sitz in München. Hochschule Dual ist die Dachmarke des dualen Studiums, das an den 17 staatlichen Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern, zwei Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft und an der Hochschule Ulm, Baden-Württemberg, angeboten wird.

Das Ziel, leistungsbereite und begabte Studieninteressierte und Absolventen in der Region zu halten, verfolgt auch die Grenzebach Maschinenbau GmbH mit Sitz in Hamlar im schwäbischen Landkreis Donau-Ries. "Wir brauchen den Führungskräftenachwuchs hier am Ort. Wer einmal für das Studium wegzieht, kommt selten zurück", sagt Erich Rößner. Er betreut die derzeit 23 dual Studierenden des mittelständischen Familienunternehmens, die im ausbildungsintegrierenden Modell Maschinenbau, Elektrotechnik oder Fachinformatik studieren.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

Die erste Etappe auf dem Weg zum Doppelabschluss hat Adrian Belli schon geschafft. Der 21-Jährige ist seit September 2012 als dualer Student im Bereich Elektrotechnik bei Grenzebach tätig. Zunächst startete er mit der Berufsausbildung zum Elektroniker, ein Jahr später begann parallel dazu sein erstes Studiensemester an der Hochschule Augsburg. Das ausbildungsintegrierende Modell mag für viele Menschen nach einer doppelten Belastung klingen. Der junge Mann hingegen hat das Gefühl, auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. "In der Berufsschule und im Betrieb habe ich schon Vorwissen gesammelt, das mir an der Hochschule zugutekommt", berichtet der Student. Gleichzeitig könne er sich theoretisches Wissen durch die praktische Anwendung besser merken, was sich auch positiv auf die Klausurnoten auswirke.

Doch nicht nur die Kombination aus Theorie und Praxis gefällt Belli. "Ich werde nach Metalltarifvertrag bezahlt und erhalte monatlich genauso viel wie ein Azubi zum Elektroniker - auch in den Theorienphasen", erklärt er. "Die Vergütung ist nicht uninteressant. Aber auch die Anschlussperspektiven sind verlockend", stellt Hemkes vom BIBB fest. So werden beispielsweise bei der Deutschen Bahn 80 bis 90 Prozent der dual Studierenden nach erfolgreichem Abschluss übernommen.

Manchen dualen Studierenden ist der Bachelorabschluss zu wenig. So hat Saskia Bußfeld, die gerade in Kooperation mit der DB Netz AG in Berlin Bauwirtschaftsingenieurwesen studiert, einen weiterführenden Master im Blick. "Im September muss ich an der Hochschule für Wirtschaft und Recht meine Bachelorarbeit verteidigen. Im Oktober beginnt an der Beuth Hochschule in Berlin der Master in konstruktivem Hoch- und Ingenieurbau", erzählt die 22-Jährige. Der DB geht sie aber nicht verloren. Direkt nach dem Bachelorabschluss wird sie einen unbefristeten Vollzeitvertrag mit integriertem befristeten Teilzeitvertrag für die Dauer des Masterstudiums erhalten. "Ich werde dann neben dem Studium auf 20-Stunden-Basis im Projektmanagement weiterarbeiten", sagt sie.

Auch Grenzebach Maschinenbau sucht nach Wegen, strebsame Mitarbeiter dauerhaft zu binden. "Für den Masterstudiengang stellen wir unsere Mitarbeiter drei Semester frei", betont Rößner. "Außerdem sind auch duale Masterstudiengänge immer mehr im Kommen. Wir überlegen, auf diesen Zug aufzuspringen, um noch mehr hochqualifizierende Bildungsmöglichkeiten in der Region zu bieten." So können in Bayern derzeit etwa 80 Masterstudiengänge dual absolviert werden. "Bei einem Vollzeit-Studium erhalten die Studierenden nach 1,5 Jahren den Masterabschluss. Davon arbeiten sie insgesamt etwa neun Monate im Unternehmen. Den Rest der Zeit sind sie an der Hochschule", erklärt Theresa Eitel von Hochschule Dual. Einige Hochschulen bieten auch Teilzeitmodelle an, bei denen man in sechs Semestern zum Masterabschluss gelangt.

Der Ausbau der dualen Studiengänge ist zwar in vollem Gange, doch die Nachfrage nach derartigen Studienplätzen übersteigt bei Weitem das Angebot. "Eine Umfrage des BIBB hat ergeben, dass jeder vierte bis fünfte Student gerne dual studieren würde. Der tatsächliche Anteil der Dualis an der gesamten Studentenschaft ist mit drei bis vier Prozent noch relativ niedrig", stellt Barbara Hemkes fest. "Das liegt vor allem daran, dass die Betriebe nicht so viele Studierende aufnehmen können."

Davon kann Sünderhauf von der DB ein Lied singen. Knapp 350 duale Studienplätze hat der Konzern für Herbst 2016 zu besetzen. "Jährlich bewerben sich ungefähr 10 000 junge Leute", berichtet Sünderhauf. Am Ende eines dreistufigen Auswahlverfahrens erhalten nur etwa drei Prozent einen der begehrten Plätze.

Weitere Informationen: www.ausbildung-plus.de; www.duales-studium.de; www.wegweiser-duales-studium.de; www.hochschule-dual.de; www.azubiyo.de/dual-studieren

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Quelle:
SZ vom 10.03.2016/mkoh
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