Süddeutsche Zeitung

Deutschtests vor der Einschulung:Im Dschungel der Prüfungen

Schlechte Sprachkenntnisse sind meist Ursprung der Entwicklung von Grundschülern zu "Bildungsverlierern". Deshalb wird schon vor der Einschulung geprüft, ob Kinder richtig Deutsch können. Doch fast jedes Bundesland hat eigene Tests. Deren Güte ist unterschiedlich - und entscheidet darüber, wie angemessen gefördert wird.

Von Roland Preuß und Johann Osel

Wenn 16 Bundesländer 16 verschiedene Bauordnungen haben, ist das schon ein Beispiel für die üble Seite des Föderalismus. Bei den Sprachtests für Kita-Kinder ist es noch schlimmer: 14 Länder haben hier mittlerweile 17 verschiedene Tests ersonnen. Das ergibt eine Untersuchung, die das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache Ende vergangener Woche vorgestellt hat.

Die Forscher haben sich ein wichtiges Instrument für mehr Chancengleichheit vorgenommen: die sogenannten Sprachstandstests, mit denen bereits im Kindergartenalter überprüft wird, wie gut ein künftiger Schüler Deutsch kann. Die Idee klingt logisch: Offenbart der Test bei vier- und fünfjährigen Kindern Defizite, so kann früh gegengesteuert werden, etwa durch spezielle Kurse. Die Kinder sollen nicht mit einem großen Rückstand in die erste Klasse kommen, denn der kann ihren ganzen Lebensweg prägen. Schlechte Sprachkenntnisse sind meist Ursprung der Karrieren von "Bildungsverlierern".

Gute Idee, mangelhafte Umsetzung

Die gute Idee wurde offenbar mangelhaft umgesetzt. Auffällig ist, wie unterschiedlich die Bundesländer die Herausforderung anpacken. Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen verzichten laut dem Mercator-Institut, das von der gleichnamigen Stiftung gegründet wurde und an der Universität Köln angesiedelt ist, ganz auf die Tests. Und das, obwohl Fachleute immer wieder hervorheben, dass es nicht nur um Migrantenkinder geht, deren Anteile in Ostdeutschland weitaus geringer sind als im Westen. Es gebe "natürlich auch viele Kinder", die zwar zu Hause Deutsch sprechen, aber nicht unbedingt verständliches, sagt die Direktorin des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), Petra Stanat. Sie zählt zu der zwölfköpfigen Forscherrunde, die das Thema für das Mercator-Institut untersucht.

Die übrigen 14 Länder kommen zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen: Mal wird nur jedem zehnten Vorschüler ein Sprachdefizit bescheinigt, mal jedem zweiten. "Der Zufall, in welchem Land ich wohne, entscheidet darüber, wie gut ein Kind gefördert wird", sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts. Einige Tests geben nicht viel her, sagt der Professor. Sie zeigten nur an, ob ein Kind gefördert werden muss oder nicht - aber nicht wie stark und auf welchem Gebiet. Fehlt es am Wortschatz? Fehlt es am Verständnis des Gehörten? All das bleibe offen.

Das Institut hat deshalb erstmals Qualitätsmerkmale und Standards für die Tests vorgelegt - in der Hoffnung, bald bundesweit einheitliche Prüfungen für die Kleinen zu erreichen. Entscheidend ist demnach zum Beispiel, dass nicht kulturelles Wissen ("Wie feiert ihr Weihnachten?") abgefragt wird, sondern tatsächlich nur das Niveau in Deutsch.

"Wenn das Kind eine Einwanderungsbiografie hat, wird es diese Frage vielleicht nicht so gut beantworten können wie ein Kind, das in einer deutschen Familie aufwächst. Das aus dieser Testfrage ermittelte Ergebnis wird damit verzerrt", sagt Becker-Mrotzek. Zudem sollen die Ergebnisse vergleichbar sein. Und: Sie sollen nicht mehr von Pädagogen als Zusatzaufgabe nebenher vorgenommen werden, sondern nur von eigens geschultem Personal. In einem nächsten Schritt untersuchen die Forscher nun alle Tests und legen die Ergebnisse den Ländern vor.

Das Institut reagiert damit auf Versäumnisse der Politik. Bund und Länder haben bereits mehrfach angekündigt, einheitliche Standards zu entwickeln - konkrete Ergebnisse gibt es bislang kaum.

Dauerbaustelle der Bildungspolitik

Die frühe Diagnose von Sprachdefiziten gilt als Dauerbaustelle der Bildungspolitik. Bereits nach dem berühmten "Pisa-Schock", als sich Deutschland in den ersten internationalen Vergleichsstudien lediglich als pures Mittelmaß wiederfand, hatte die Kultusministerkonferenz die Sprachstandstests für Kleinkinder initiiert. Bis heute werden die Maßnahmen nicht gemeinsam evaluiert - so bleibt unklar, welchen Nutzen sie genau bringen.

Vor allem aber ist der Wildwuchs entstanden: Das Bundesbildungsministerium, das viele Initiativen in dem Bereich fördert, hatte vor einem Jahr in der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag auf die unzähligen Verfahren bei der Diagnostik verwiesen. So gebe es nach Kenntnis des Bundes 21 unterschiedliche Verfahren "vor" und neun "zu" Schulbeginn, genauere Angaben lägen nicht vor, hieß es in der Antwort.

Sinngemäß musste man also zugeben, den Überblick verloren zu haben.

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SZ vom 27.05.2013/jobr
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