Süddeutsche Zeitung

Bildungsbürgertum versus Prekariat:Schantall in der Schule

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Es ist Mode, sich über das Prekariat lustig zu machen. Viele aus der angeblich besseren Welt reagieren mit Verachtung auf Eltern, die sich gehen lassen, und Kinder, die sich nicht zu benehmen wissen. Sie zeigen mit dem Finger auf sie und ergötzen sich. Das ist ungehörig und empörend.

Von Heidemarie Brosche

Wie oft habe ich als Lehrerin diese Sätze schon gehört: "Die sind das Letzte! Die wissen sich nicht zu benehmen!" oder: "Die haben kein Interesse an der Schule, geben ihren Kindern null Struktur. Die handeln ohne Verantwortung." Die: Das sind jene Eltern, die wir "bildungsfern" nennen, darunter viele, die schlecht deutsch sprechen. Es sind jene Familien, denen das bürgerliche Leben fremd ist, das die Mehrheit der Kinder an unseren Schulen in Deutschland kennt.

Manchmal bin ich nahe dran, einzustimmen in diese Empörung. Ich habe mit diesen Eltern und ihren Kindern täglich zu tun, mit Menschen, die einem den Satz hinrotzen: "Da haben Sie Ihre fünf Euro für das blöde Kopiergeld. Ist doch Schwachsinn, dass Sie das am Monatsende kassieren, wo kein Geld mehr da ist!" Dabei ist die Lehrerin dem Sohn seit drei Wochen nachgelaufen und hat den Betrag längst aus eigener Tasche vorgestreckt. Ja, die sollten das wirklich anders machen: Besser! Disziplinierter! Anständiger!

Aber dann wird mir wieder bewusst: Die Welt der Menschen mit wenig Bildung ist komplett anders als die der Bildungsbürger. Viele der Geschmähten haben einen anderen Verhaltenskodex. Sie treten kaugummischmatzend zur Sprechstunde an, telefonieren während der Schultheater-Aufführung, stellen im Kontakt mit dem Lehrer naiv zu viel Nähe her oder treten ihm vor lauter Unsicherheit gleich bei der ersten Begegnung mit anmaßendem Kraftgebaren entgegen. Sie vernachlässigen ihren Körper, ernähren sich falsch, bewegen sich zu wenig oder betreiben einen absurd anmutenden Körperkult mit Sonnenstudio-Exzessen, der Züchtung von Muskelbergen oder Nail-Design-Events. Ihre Kinder erziehen sie zwischen grenzenlosem Gewähren-Lassen und Vernachlässigung.

In der Welt dieser Eltern wankt es

Mich erstaunt das nicht mehr. In der Welt dieser Eltern wankt es. Geld und Halt sind Mangelware. Die Menschen, die in ihr leben, fallen leicht auf Verführungen herein - auch die der Werbung. Sie sind geschwächt durch ihre Lebensumstände, oft von Kindheit an. Kurz: Sie kriegen es einfach nicht besser hin.

Viele aus der angeblich besseren Welt reagieren darauf mit Verachtung. Sie zeigen mit dem Finger und ergötzen sich. Wer noch ein wenig mehr Munition braucht, kann auf Proll-TV die Scripted-Reality-Sendungen angucken, bei denen sich dicke, tätowierte Menschen vom ersten bis zum letzten Halbsatz anschreien. Er kann auch die Schantall-Schakkeline-Kevin-Bücher lesen, die inzwischen ein eigenes Genre geworden sind. Man will ja Einblick bekommen und sich auch ein wenig gruseln.

Hatte Thilo Sarrazin nicht doch ein bisschen recht? Man selbst ist dann auch erleichtert und stolz: So schlimm steht es also noch nicht um unsereins. So würde man sich nie benehmen.

Bei Elternabenden sehe ich müde Mütter mit kaputtgefärbten Haaren; abgehärmte Frauen mit einem Funken Hoffnung im Blick. Ihr Nagellack ist abgesplittert, zwischen zwei Putzstellen hetzen sie in die Schule. Ich sehe Väter, die fordern, dass es ihren Kindern einmal besser gehen muss als ihnen selbst - sie sagen das oft mit grimmiger Wut im Bauch. Ich sehe Mütter, die keine Ahnung vom Leben ihrer Kinder haben. Andere weinen, weil alles den Bach runtergeht.

Haarsträubendes Verhalten

Diese Eltern machen vieles falsch. Das kann nerven. Über sie erheben darf man sich aber nicht. Das aber passiert zur Zeit, und das empört mich zunehmend: diese Verachtung, die von den Gebildeten kommt. Sie haben Kultur, sie haben gute Berufe, sie haben Geld. Sie haben - auch am Vorbild anderer Menschen - gelernt, wie man sich in unterschiedlichen Situationen benimmt. Sie lesen in Büchern, Zeitschriften und im Internet. Sie tauchen in andere Welten ein, lernen Perspektivenwechsel, üben sich in Toleranz. Sie sind das Denken gewöhnt. Sie können ihr eigenes Verhalten reflektieren und korrigieren.

Nur: Viele tun es nicht - und merken nicht, wie ihr Verhalten haarsträubend wird.

Aus sicherer Quelle hat mich diese Geschichte erreicht: Der Sohn eines gut situierten Akademikerpaares tat sich in der Schule durch heftigen Schimpfwortgebrauch hervor: "Du Schwuchtel!" gehörte zu seinen Lieblingsausdrücken. Die Lehrerin, eine erfahrene, reife Frau, bestrafte ihn dafür, was dem Jungen missfiel. Er behauptete, die Lehrerin habe ihn " Schwuchtel" genannt. Alle Mitschüler wussten, dass die Anschuldigung erfunden war. Die Eltern aber zerrten die Lehrkraft durch sämtliche Instanzen.

Ohne Respekt und überheblich

Oder: Der Leiter einer Grundschule in sehr guter Gegend erzählte mir von Eltern, die den Anwalt einschalten, wenn der Übertritt ihrer Kinder aufs Gymnasium gefährdet ist, manchmal auch schon bei einer zu schlechten Note in einer Probearbeit. Den Lehrern gegenüber träten diese Eltern ohne Respekt und überheblich auf. Manchmal würden seine Kollegen vor aller Augen lächerlich gemacht.

Wenn Menschen mit hohem Bildungsniveau sich derart ungehörig verhalten, nehme ich ihnen dies übel. Ich empöre mich, wenn sie weder ihr eigenes noch das Verhalten ihrer Kinder reflektieren, wenn ihnen egal ist, was sie anderen antun und was ihr Verhalten bei ihren eigenen Kindern auslöst. Sie wären zu Besserem in der Lage.

Ja, es gibt auch eine Lehrerverachtung von unten, sie soll nicht verschwiegen werden. Der Sohn des Türstehers protzt mit dem dicken Auto seines Vaters und lässt den Lehrer spüren, dass er ihn für ein armes Würstchen hält. Was, Ihr Polo ist nicht tiefergelegt? Sie haben kein einziges Tattoo am Körper? Ihre Familie isst immer Bio? So ein Scheiß! Welch ein armseliges Leben!

Damit kann ich aber besser umgehen als mit der Verachtung der Gebildeten. Natürlich auch, weil das oft unfreiwillig komisch ist. Vor allem aber kann ich mit den Motiven dieser Verachtung besser umgehen. Verachtung hat ja immer etwas mit Verunsicherung und Ich-Schwäche zu tun: Ich mache mich selbst stärker, indem ich andere herabsetze. Wer aus den beiden Welten das nötiger hat, liegt auf der Hand.

Sie versuchen, ihr Leben irgendwie hinzukriegen

Nicht wenige der Menschen aus dieser anderen, nichtbürgerlichen Welt nötigen mir großen Respekt ab. Viele arbeiten für Hungerlöhne, nicht selten in zwei bis drei Jobs. Sie sind zerrissen zwischen Sprachen und Kulturen, müssen Trennungen und persönlichem Scheitern ins Auge sehen. Sie kriegen ihre eigenen Schwächen nicht in den Griff und müssen die Verlockungen der Wirtschaft genauso aushalten wie die Ansprüche ihrer Kinder. Sie erleben sich selbst als glück- und hilflos. Und halten trotz allem durch und versuchen, ihr Leben irgendwie hinzukriegen.

Ich spüre da sehr viel Würde. Weitaus mehr als bei denen aus der Welt des guten Geschmacks und der Benimmregeln, die sich unsozial, unreflektiert und selbstgerecht verhalten.

Heidemarie Brosche, 58, schreibt Sachbücher, Kinderbücher und Jugendbücher - und arbeitet als Hauptschullehrerin in der Nähe von Augsburg. In ihrem Deutschunterricht startet sie immer wieder Schreibprojekte.

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Quelle:
SZ vom 30.07.2014/jobr
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