Süddeutsche Zeitung

Traunstein:Flüchtlinge erzählen im Schleuserprozess schreckliche Details

  • In Traunstein stehen drei Männer vor Gericht, die als Schleuser oder deren Helfer aufgetreten sein sollen.
  • Konkret geht es um eine Bootsfahrt, die vom türkischen Izmir nach Griechenland führen sollte. Das Boot kollidierte aber zuvor mit einem Frachter.
  • 13 Menschen sind bei dem Vorfall im September 2015 gestorben.

Von Matthias Köpf, Traunstein

Es sollte die Rettung werden aus dem Krieg in Syrien und aus dem Flüchtlingselend im Libanon. Von der türkischen Küste aus wollten er und seine Frau mit dem kleinen Sohn Griechenland erreichen, Europa, ein Leben in Sicherheit. Die beiden Eltern leben inzwischen in Gießen, doch ihr kleiner Sohn ist niemals hier angekommen. Alex ist nicht einmal zwei Jahre alt geworden. Er ist in dieser Nacht im September 2015 auf dem Meer gestorben, genau wie seine Tante und deren drei Kinder, genau wie eine Bekannte mit ihren vier Kindern und genau wie noch einige andere.

13 Tote listet die Anklage auf, andere gelten als vermisst. Als die Eltern des kleinen Alex am Freitag als Zeugen von dieser Nacht in der Ägäis erzählen, da bergen auch die drei bis dahin äußerlich meist ungerührten Angeklagten ihre Gesichter zwischendurch in den Händen. Sie müssen sich vor dem Landgericht Traunstein wegen bandenmäßiger Schleusung mit Todesfolge verantworten, weil einer von ihnen später in einer Flüchtlingsunterkunft in Burghausen verhaftet wurde.

Alex saß in dieser Nacht mit seiner Mutter genau dort auf dem unbeleuchteten und vollkommen überfüllten Schlauchboot, wo es vom Bug des türkischen Frachters getroffen wurde. Die Scheinwerfer der Autos auf der griechischen Insel Lesbos waren da schon zu erkennen, und die große, dunkle Masse neben dem Schlauchboot haben sie zuerst für einen Berg gehalten, bis sie die weißen Bugwellen erkannten. "Wir konnten nicht einmal mehr springen", übersetzt der Dolmetscher für die Mutter des kleinen Alex, eine blasse und schmale junge Frau mit langen Haaren, die sich mit beiden Händen an der Sitzfläche des Zeugenstuhls festhält.

Der Vorsitzende will ihr die Details ersparen, ihr Mann hat sie gerade geschildert. Er hat beschrieben, wie der Bug des Schiffes den kleinen Alex getroffen und dann die linke Seite des Schlauchboots unter Wasser gedrückt hat. Wie er selbst eingeklemmt zwischen dem Schiffsbug und der rechten Bootswand vier Stunden lang durch die Dunkelheit und das Meer geschoben wurde. Wie er sich festgeklammert hat, unter der Wasserlinie die Leichen, auch die seines kleinen Sohnes und seiner Schwester, die er bei dem Zusammenstoß noch hat schreien hören.

Selbst hätten sie auch geschrien, die ganzen vier Stunden, doch das Schiff hielt erst an, als es schon hell geworden war und oben an der Bordwand ein Gesicht auftauchte. Dann sei der Frachter rückwärts davongefahren, sagen die Überlebenden. Gerettet habe sie ein Fischerboot, das sie ans Festland gebracht habe - wieder ans türkische. Die Küstenwache sei zu dem Frachter gefahren. Dessen Besatzung müsse bestraft werden, fordert die junge Frau plötzlich kämpferisch gestikulierend, doch dafür sieht sich das Landgericht Traunstein nicht zuständig.

Das Schwurgericht muss ein Urteil über den Mann fällen, der in dieser Nacht das Schlauchboot gesteuert hat und nun als Helfer der Schleuser angeklagt ist. Doch von den Zeugen, die ebenso wie die Angeklagten überwiegend aus einem seit Jahrzehnten bestehenden palästinensischen Flüchtlingslager im syrischen Aleppo stammen, wollen sich alle nicht mehr erinnern, ob er sich freiwillig als Steuermann gemeldet hatte oder von den Männer mit den Masken und den Kalaschnikows dazu gezwungen wurde, wie er selbst seinen Anwalt erklären ließ.

Der Hauptangeklagte behauptet, nur ein kleines Rädchen zu sein

Die Schleuser steuern die Boote nicht selbst, sondern lassen die Flüchtlinge steuern - vorzugsweise solche, die den üblichen Tarif von 1000 Dollar oder mehr für die Überfahrt nicht bezahlen können. Das Geld vermittelt oft eine Art Treuhänder, der es erst an die Schleuser auszahlt, wenn der Flüchtling am Etappenziel angekommen ist und per Mobiltelefon einen entsprechenden Code übermittelt. Diese Rolle soll der zweite Angeklagte gespielt haben, der zu dieser Zeit schon mit seiner Familie in Berlin lebte. Er wurde wegen einer solcher Tätigkeit als "Hawaladar" in Berlin schon einmal zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und will in diesem Fall lediglich Geld weitergeleitet haben, das nicht zum Bezahlen der Schleuser diente.

Hauptangeklagter in dem Verfahren ist der Mann, der im türkischen Izmir als Vermittler für die Schleuserorganisation aufgetreten ist und den palästinensischen Flüchtlingen aus Aleppo in Izmir zuerst Hotelzimmer und dann Plätze auf den Booten nach Griechenland verschafft hat. Er hat das bereits zum Auftakt des Prozesses am Dienstag eingestanden. Allerdings will er nur ein kleines Rädchen gewesen und einer größeren Organisation eines gewissen el Khal, des "Onkels", zugearbeitet haben, um selbst Geld für seine Weiterreise und die Flucht seiner Familie zu beschaffen.

Die Bundespolizei, die das Telefon des Geldverwalters abgehört hat und so auf die Spur des Falls gestoßen ist, hält ihn allerdings für einen der wichtigeren Drahtzieher in Izmir. Den Ermittlern gegenüber haben viele Zeugen über Dinge ausgesagt, an die sie sich - zur wachsenden Ungeduld des Vorsitzenden - vor Gericht nicht mehr so genau oder besser gar nicht mehr erinnern wollen. Der Prozess dauert an, das Urteil wird für August erwartet. Die Höchststrafe beträgt 15 Jahre Haft.

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SZ vom 01.07.2017/axi
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