Süddeutsche Zeitung

Streit um Anzeigen für Falschparker:Strafzettel-Harri lenkt ein

Der frühere Schutzmann aus Berlin, der die Autofahrer im niederbayerischen Osterhofen mit einer Flut von Anzeigen eindeckte, will seinen Eifer demnächst drosseln. Er wähnt die Falschparker auf dem Weg der Besserung. Möglicherweise verhalf ihm aber auch ein Gespräch mit der örtlichen Polizei zur Einsicht.

Von Wolfgang Wittl

So wenig war hier schon lange nicht mehr los - zumindest was die Autos betrifft. "Zu parken traut sich bei uns immer noch keiner, die Leute gehen lieber zu Fuß", sagt Bärbl Zwickl, die am Marienplatz in Osterhofen eine Boutique betreibt. So gesehen hat ihr Nachbar Harri F. sein Ziel erreicht. Seit Jahren zeigt der pensionierte Polizist Menschen an, die ihr Auto am Marienplatz falsch abstellen. Anwohner, Geschäftsleute und Kunden fühlten sich schikaniert. Wer die erlaubte Zeit nur um eine Minute überschritt, sei bereits aufgeschrieben worden, berichten sie erbost. Das Polizeipräsidium Niederbayern notierte allein im vergangenen Jahr fast 1000 Anzeigen von F., alle akkurat verfasst. Doch nun, so hat es den Anschein, will der 71-Jährige sein Engagement etwas drosseln.

Als die Polizei am Donnerstag bei ihm anrief, habe F. ausgesprochen freundlich reagiert, sagt Sprecher Michael Emmer. F. habe Wert darauf gelegt, die Sache nicht am Telefon zu erörtern, sondern sei sofort zur Inspektion nach Plattling gefahren, die er bislang lediglich postalisch mit seinen gesammelten Beobachtungen beehrt hatte. Sogar zwei Polizisten hatte er angezeigt, weil sie seiner Meinung nach nicht energisch genug gegen Falschparker vorgingen. Das Gespräch mit Dienststellenleiter Hermann Bieringer sei dann aber "total angenehm und harmonisch" verlaufen. F. habe angedeutet, dass er sich künftig womöglich zurücknehmen werde. Eines stellt die Polizei klar: Der Kontakt zu dem ehemaligen Kollegen sei keineswegs erfolgt, um ihm sein rechtmäßiges Tun zu verbieten. "Wir wollen nur verhindern, dass die Situation eskaliert", sagt Emmer. Nicht dass die Anfeindungen noch in Handgreiflichkeiten ausarten.

Es hat sich einiges aufgeschaukelt in Osterhofen, seit Harri F. vor fünf Jahren aus Berlin herzog. Zunächst habe man sich gut vertragen, erzählen Nachbarn - auch wenn F. damals schon gelegentlich Verkehrsverstöße meldete. Die Situation spitzte sich zu, als er in dem Restaurant gegenüber Hausverbot bekam. F., der regelmäßig zu Gast war, habe andere Lokalbesucher immer öfter wegen ihrer Parkgewohnheiten angepöbelt, sagt Kamer Ismaljaj, dessen Familie die Pizzeria betreibt. Ismaljaj selbst hat laut eigenem Bekunden bislang Bußgeldbescheide von 1700 Euro bezahlt - die meisten deshalb, weil er Getränke entladen habe. Am schlimmsten aber sei das Gefühl der ständigen Beobachtung aus dem Fenster, 24 Stunden am Tag.

Als ein Freund der Ismaljajs die Geschichte an die Öffentlichkeit brachte, war es im beschaulichen Osterhofen mit der Ruhe vorbei. Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen berichteten bundesweit - über F. brach ein wahrer Shitstorm herein. Auch in der Stadt war man nicht gut auf ihn zu sprechen. Obwohl F. formal nichts vorzuwerfen war, so ließ sich sein Verhalten aus Sicht der Mitbürger nur schwerlich mit ihren Vorstellungen von einem gedeihlichen Miteinander vereinbaren. Dieser öffentliche Druck, so vermuten Anwohner, könnte F. nun zum Einlenken bewogen haben. Bei der Polizei beschwerte er sich, dass Passanten immer wieder Grimassen oder provozierende Gesten in Richtung seiner Wohnung machten. Auf den Wunsch eines Fernsehteams, vor dem Haus mit Schildern gegen F. zu protestieren, ließen sich die Nachbarn allerdings nicht ein.

Der Berliner Kurier, der F. vor Jahren zum "nettesten Schutzmann" der Hauptstadt ausgerufen hatte, zitiert den Hauptkommissar a.D. mit den Worten: "Ich denke, wenn Ruhe eingekehrt ist, werde ich es mit den Anzeigen sein lassen." Aber es entscheide immer die Situation: "Manche fahren wie die Axt im Wald." Offenbar wähnt F. die Osterhofener derzeit auf einem guten Weg. Fünf Stunden habe er aus seinem Fenster den Verkehr beobachtet, "da hat sich keiner falsch hingestellt". Ob "unser übereifriger Ordnungshüter" etwa einsichtig werde, fragt der Kurier - und legt sich in einer Ferndiagnose sogleich fest: "Knöllchen-Harri packt den Strafzettel weg", titelt das Blatt: "Provinz atmet auf."

Ganz so weit ist es in der 11 700-Einwohner-Stadt dann aber doch noch nicht. Er bleibe skeptisch, sagt Kamer Ismaljaj. Im vergangenen Sommer, als sein Bruder Musa sich für das Lokalverbot entschuldigte, habe F. schon einmal versprochen, dass er die Anzeigen einstellen werde: "Kurz danach ging es wieder los." Auch Bärbl Zwickl hat ihre Zweifel. Erst wenn die Menschen wieder in ihre alten Parkgewohnheiten zurückfallen, werde sich zeigen, ob F. seine Augen vor den Verkehrsverstößen tatsächlich verschließen kann. Falls nicht, wäre es ihr sogar lieber, die Stadt würde die wenigen Parkplätze ganz streichen, sagt die Boutiquen-Inhaberin. Denn im Grunde wünsche sie sich nur eines: "Frieden, so wie es früher war."

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SZ vom 08.02.2014/wib
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