Süddeutsche Zeitung

Kino:Bullys Taktgeber ist für den Deutschen Filmpreis nominiert

Ralf Wengenmayr komponiert schon seit mehr als 20 Jahren für die Filme von Michael Herbig - und ist einer der bedeutendsten Filmmusiker des Landes.

Der Ort, wo die Filme von Michael "Bully" Herbig zu klingen beginnen, gleicht einer Baustelle. In einer Ecke wuchert Kabelsalat, auf einem Keyboard liegen Baupläne. Seit vielen Jahren feilt Ralf Wengenmayr in seinem Studio im Souterrain in der Augsburger Innenstadt an Melodien und Stimmungen. Er gilt als Bullys Haus- und Hofkomponist, ein Titel, der Wengenmayr keinesfalls stört. "Im Gegenteil, ich bin dankbar dafür." Seit 20 Jahren, seit dem Kinofilm "Erkan & Stefan" arbeiten die beiden zusammen; seit nahezu 30 Jahren beschäftigt sich der Augsburger professionell mit Filmmusik.

"Es wird Zeit für einen Tapetenwechsel", sagt Wengenmayr und erklärt dem Besucher die neue Raumaufteilung, die auch eine Tribüne zum Fußballschauen vorsieht. In ein paar Wochen soll der Umbau beginnen, davor reist der 54-Jährige zur Verleihung der Deutschen Filmpreise nach Berlin. Ralf Wengenmayr ist bereits zum dritten Mal in der Musiksparte nominiert, nach "Lissi und der wilde Kaiser" (2007) und "Wickie und die starken Männer" (2009) soll ihm Bullys DDR-Fluchtdrama "Ballon" die begehrte "Lola" bringen. Wengenmayr gibt sich bescheiden: "Ich freue mich sehr über die Nominierung."

Demut vor dem Dasein, die hat der Augsburger spätestens vor ein paar Jahren gelernt. Denn seine Lebensgeschichte ist nicht nur die schillernde Erfolgsgeschichte, wie aus dem träumenden Teenager, den die Musik von Steven Spielbergs "E.T." so bewegt, dass er selbst Filmkomponist werden will, ein von Ennio Morricone geadelter Filmkomponist wird - "mein persönlicher Ritterschlag", wie Wengenmayr sagt (2011 gab's in Rom den "Marc Aurelio Jury Award" für "Hotel Lux"). Wie jeder gute Plot hat auch seine Geschichte ihre Schattenseiten. Und wenn Wengenmayr vom Tapetenwechsel spricht, davon, sich seine Arbeit "wieder versüßen" zu wollen, dann hat das auch mit dem dramatischen Einschnitt Ende 2017 zu tun.

"Ich hatte Aneurysmen im Kopf", erzählt er. Nach einem lauten Tinnitus und vielen Untersuchungen habe man die arteriellen Aussackungen festgestellt. "Ich war extrem überrascht und habe es sofort operieren lassen. Es war fast eine Notoperation, weil die Aneurysmen so groß waren." Wengenmayr trägt Bart und Brille und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Er blickt zurück und sagt: "Das war schon absurd: Ich sollte die Musik für ,Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer' schreiben und war parallel mit einer Patientenverfügung und meinem Testament beschäftigt."

Die Operation verlief gut. Seitdem lässt es der unheilbare Perfektionist ein bisschen gelassener angehen und gönnt sich schon mal ein paar Urlaubswochen am Stück. Sowohl während der Krise, beim Score zu "Jim Knopf", als auch verstärkt bei "Ballon" hat ihn sein junger Kollege und Ex-Praktikant Marvin Miller unterstützt. "Ein fantastischer Pianist", wie Wengenmayr schwärmt. Die Zusammenarbeit entlaste ihn. Bei "Wickie" habe er fünf Monate lang jeden Tag gearbeitet, "das war nicht gesundheitsfördernd". Auch sein Privatleben habe darunter gelitten. Es sei schlicht "eine Katastrophe", wie er behauptet. "Ich habe zwei Kinder, weltweit verteilt. Meine Tochter lebt in Brasilien, mein Sohn in Australien. Wer den Weg des Filmkomponisten gehen will, muss mit privaten Opfern rechnen."

Wie fordernd und doch erfüllend seine Arbeit ist, hat sich zuletzt wieder bei "Ballon" gezeigt. Nur zwei Monate habe das Duo für die Filmmusik Zeit gehabt, inklusive Mischung und Orchesteraufnahmen in Babelsberg. "Das war schon eine große Herausforderung", sagt Wengenmayr. Da das auch in der Kategorie "Tongestaltung" nominierte Drama sehr von der Spannung lebt - nach dem Motto: Gelingt den Familien die Flucht aus der DDR mit einem selbstgebauten Heißluftballon? -, sollte auch die Musik eine physische Dramatik vermitteln. "Das war eine wichtige Ansage von Bully: Ralf, mach' eine Musik, die man spürt, die man aber nicht wirklich mitsingen kann oder hört." Statt großer Melodiebögen und Harmonieschemen - die Zeit dafür ist laut Wengenmayr vorerst vorbei - liegt ein bedrohliches Dröhnen unter den Bildern, sogenannte Drones, also Stimmungen mit tiefem Bass. Hier und da erklingen Streicher, meist klopft Percussion. "Bullys musikalische Vision war der Puls, der sich durch den ganzen Film zieht. Dieses ständige Ticken, der Kampf gegen die Zeit", erklärt Wengenmayr und deutet auf die Wand über den fünf Keyboards.

Dorthin projiziert er die Bilder des Rohschnitts auf eine Leinwand, um dazu zu komponieren. In diesem Fall hatten Miller und er viel zu tun, der Film ist - was einige Kritiker monieren - vollgestopft mit Musik. "Jeder Film von Bully ist vollgestopft mit Musik", präzisiert Wengenmayr. "Diese Diskussion führe ich immer mit ihm, aber das ist eben sein Stilmittel und somit auch legitim." Daran kann man gut erkennen, wie die Zusammenarbeit mit dem drei Jahre jüngeren Münchner Hit-Regisseur läuft. "Wenn es mal dazu kommt, dass wir unterschiedlicher Meinung sind, dann ist es eine schwierige Aufgabe, ihn davon abzubringen. Aber ich wage zu behaupten, dass wir auf der gleichen Wellenlänge liegen."

Bayerische Lola

Wenn an diesem Freitag in Berlin die "Lolas" vergeben werden, ist eine Kategorie fest in bayerischer Hand: Die drei Nominierten in der Sparte "Beste Filmmusik" stammen aus Augsburg und München. Ralf Wengenmayr könnte die Auszeichnung für seinen Score zu Bully Herbigs DDR-Drama "Ballon" erhalten, den er gemeinsam mit Marvin Miller geschrieben hat. Eine ähnlich enge Zusammenarbeit wie bei Herbig und Wengenmayr zeichnet auch das Regie-Musik-Duo Marcus H. Rosenmüller und Gerd Baumann aus. Ihre jüngste Kooperation, das Fußballer- und Versöhnungsdrama "Trautmann", hat ebenfalls Chancen auf den Preis bei der Filmmusik; Baumann, Jahrgang 1967, ist ein Tausendsassa, er unterrichtet Komposition für Film und Medien an der Hochschule für Musik und Theater in München. Oder aber es gewinnt ein junges Ensemble: Der folkloristische Rumpeljazz der "Hochzeitskapelle" untermalt stimmig Oliver Haffners Historiendrama "Wackersdorf". Zur Band gehören unter anderen Evi Keglmaier sowie Micha und Markus Acher. blö

Es muss Liebe auf den ersten Akkord gewesen sein. Über eine Agentur fanden Wengenmayr und Herbig zusammen, Ende des vergangenen Jahrtausends. Das eingespielte Team hat Hits wie "Der Schuh des Manitu" und "(T)Raumschiff Surprise" zusammen gefeiert, und bittet man den Filmemacher um einen Kommentar zum Komponisten, dann kommt eine kleine Hymne dabei heraus: "Western, Science Fiction, Romantik, Abenteuer, Musical, Komödie, Thriller. Wir haben ja schon fast alle Genres durch", schreibt Michael Herbig per E-Mail. "Und seit 20 Jahren ist es immer der gleiche Ablauf: Ralf sieht den Film, wird nervös, sagt so Sachen wie ,Keine Ahnung, wie ich das alles schaffen soll' und dann übertrifft er sich mal wieder selbst! Ich liebe die Arbeit mit Ralf und bin richtig froh, dass wir ihn noch nicht an Hollywood verloren haben!" Zwischendurch gingen die beiden freilich auch eigene Wege. So hat Wengenmayr immer wieder für Fernsehen und Werbung komponiert und auch für internationale Kinoproduktionen wie "Love, Rosie".

Wengenmayr ist Autodidakt. Dass er mit Musik sein Geld verdienen würde, stand früh fest, seine Vita klingt vielstimmig wie ein Orchester: Früh die Orgel des Nachbarn entdeckt, später das Akkordeon, Klavierunterricht dann mit 14. Ein Uni-Studium bricht er ab, learning by doing wird sein Lebensmotto. Er gibt den Schlagzeuger in Uni-Bands, den Bar-Pianisten in Hotels. "Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Weil ich alle Stilrichtungen bedienen musste." Dann der Sprung ins kalte Wasser, Eigenstudium der großen Klassiker. Er analysiert Partituren, hält sich an die Paten der Filmmusik: Strawinsky, Ravel, Debussy. "Ohne John Williams wäre ich nicht Filmkomponist geworden", sagt er. "Bei E.T. habe ich kapiert, dass du mit Musik die Menschen zum Lachen und Weinen bringen kannst.

Wenn Wengenmayr nun zur Preisverleihung nach Berlin reist, schließt sich ein persönlicher Kreis, denn 1989 hat er dort den ersten Preis beim Deutschen Filmmusikwettbewerb gewonnen. Es war der 9. November, als es während der Preisverleihung hieß: "So, die Veranstaltung ist jetzt beendet, die Mauer ist offen." Der junge Wengenmayr ist dann, so erzählt er es, ebenfalls an die Mauer gelaufen, in der Hand den überdimensionalen Scheck in Höhe von 5000 DM. "Da kamen mir noch Kohl und Brandt entgegen, ein verrückter Moment." Dass der Film, für den er nun nominiert ist, ebenfalls um das deutsch-deutsche Thema kreist, ist eine hübsche Klammer. Und vielleicht ein gutes Omen.

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SZ vom 03.05.2019/vewo
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