Süddeutsche Zeitung

Prozess:Junkie zündete Nürnberger Bratwurstlokal "Gulden Stern" an

Lesezeit: 3 min

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Martin Hilleprandt ist niemand, der übermäßigen Ehrgeiz darauf verwendet, jedermanns Liebling zu sein. Beobachten konnte man das schon vor 16 Jahren, als er sich als Geschäftsführer des "Gulden Stern" in Nürnberg eine juristische Schlacht lieferte mit der "Historischen Wurstkuchl" an der Steinernen Brücke in Regensburg.

Streitgegenstand: der Titel "Älteste Bratwurstküche der Welt". Vom immerwährenden Wurstkrieg war damals die Rede, erst ein salomonisches Urteil vermochte den Kulturkampf zwischen Franken und der Oberpfalz zu beenden. Im vergangenen Jahr dann legte er sich mit der gesamten Bratwurst-Prominenz Nürnbergs an.

Seine Arbeitshypothese war sinngemäß: Nur er mache Nürnbergs Wurst so, wie so eine Wurst sein müsse. Kurz zuvor brannte bei ihm die Hütte. Jemand hatte Feuer gelegt im historischen Haus.

Es ist Montag, Hilleprandt steht als Zeuge vor dem Saal 126 des Landgerichts Nürnberg und ja, sagt er, als sein Bratwursthaus damals in Flammen stand, sei ihm kurz der Verdacht durch den Kopf geschossen, "dass da irgendwas gesteuert war". Was man halt so denkt, wenn man unter Schock steht.

Die Geschichte hinter der Verschwörungstheorie

Auch wenn der Gedanke bei Licht betrachtet wohl schon am Morgen des 31. Mai 2015 absonderlich war: Weil Hilleprandt andere Nürnberger Bratwurstküchen immer mal wieder wissen lässt, dass nur bei ihm "Sechs auf Kraut" so schmecken, dass sie auch diesen Namen verdienen, deshalb soll - ja was eigentlich?

Hilleprandt jedenfalls legt Wert auf die Feststellung, dass die Wurst bei ihm nicht vorbehandelt auf dem Grill kommt. Und über richtigem Buchenholz rösch wird. Andere prominente Anbieter, schimpft er, gerade die in der Nähe der Burg, grillen auf Elektroapparaten, verwenden abgepackte Billigwürste für ein paar Cent das Stück oder, schlimmer noch, werfen ihre Würste zuvor in heißes Schweineschmalz.

Wie auch immer. Im Saal 126 kann man an dem Tag beobachten, wie banal die Geschichte hinter der Verschwörungstheorie sein kann, das Kopfkino wird gerade nicht bedient. Kein gesteuerter Strohmann sinisterer Bratwurstkonkurrenten muss sich da verantworten, sondern ein vorbestrafter Junkie, der angibt, keinen Beruf erlernt zu haben.

Er habe in den Morgenstunden des betreffenden Tages keine einzige Minute geschlafen und sich einen Kopf darüber gemacht, wie er wieder an Stoff komme. Beziehungsweise an das Geld für neuen Stoff. Crystal nahm er damals, jeden Tag.

Sein Anwalt, der ihn schon länger kennt, sagt, er habe in der Zeit realisiert, dass sein Mandant "komplett abgestürzt" gewesen sei. Und dass er sich offenbar ausrechnete, in dem Bratwurst-Restaurant könnte was zu holen sein. War es aber nicht. Nachdem er ein Fenster aufgehebelt und die Tür aus einem Wandtresor herausgebrochen hatte, musste er feststellen, dass dieser leer war.

Die historische Einrichtung konnte gerettet werden

Blieben nur die 150 Euro aus dem roten Sparschwein, in dem das Trinkgeld für die Bedienungen aufbewahrt wurde. Sein Mandant sei "stinkig" gewesen, weil er so wenig Geld gefunden habe, sagt der Anwalt. Und Spuren vernichten habe er auch wollen. Der Angeklagte, kahl geschorener Kopf, Turnhose, Kapuzenshirt, präzisiert das etwas: Er habe plötzlich seinen Rucksack nicht mehr gefunden.

Und um diese Spur zu beseitigen, habe er Telefonbücher, Handtücher und andere Gegenstände, die er so fand, auf einen Haufen gestapelt und mithilfe diverser Alkoholika in Brand gesetzt. Die Feuerwehr war glücklicherweise innerhalb weniger Minuten am qualmenden Haus. Die historische Einrichtung konnte gerettet werden. Den entstandenen Schaden beziffert eine Versicherung trotzdem auf eine halbe Million Euro.

Dem Angeklagten tut das furchtbar leid, er räumt alles ein. Der Richter redet ihm ins Gewissen: "Eine böse Geschichte", immerhin war eine leer stehende Wohnung unterm Dach. Hätte schlimm ausgehen können. Der 34-Jährige wird zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen Brandstiftung. Auch wird er in eine Entziehungseinrichtung eingewiesen.

Vor der Tür zeigt Hilleprandt wenig Verständnis. "Fast hätte er mein Lebenswerk zerstört", sagt er. Immerhin habe er, Hilleprandt, das historische Haus vor dem Abriss bewahrt, eine Genehmigung habe er 1980 schon in den Hand gehabt. Seit dem salomonischen Urteil aus dem Jahr 2000 dürfe er sein Haus auch offiziell "Älteste Wurstküche der Welt" nennen. Ähnlich übrigens wie die Konkurrenz in Regensburg.

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Quelle:
SZ vom 15.03.2016
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