Süddeutsche Zeitung

Passau:Bürger-Bahn statt Deutsche Bahn

Lesezeit: 3 min

1892 wurde die Ilztalbahn im Bayerischen Wald eröffnet und 110 Jahre später von der Deutschen Bahn stillgelegt. Die Bürger holten sich ihre Zugverbindung zurück. Seit 2011 fährt die Bahn wieder - zumindest an manchen Tagen.

Von Mike Szymanski, Passau

Dieser Zug lebt. Er kreischt sogar. Immer wenn am Rand der Bahnstrecke ein Signalschild mit einem schlichten "P" aus dem Gebüsch lugt, gibt er einen schaurig-schönen Laut von sich. Ein bisschen seufzend hört er sich an, sogar ein bisschen gequält. Altersmüde, bestimmt, aber wer will das diesem Gefährt auch verübeln. Sein Baujahr ist 1960. Und es lässt keinen Zweifel aufkommen, dass in seinem Inneren mehr drinstecken muss als bloß zwei dröhnende Motoren mit jeweils 150 PS.

Hat der Zug gar eine Seele? Mal Gabriel Knopff fragen, der sollte es wissen. Er ist 33 Jahre alt, sitzt vorne und hat die Hand am Schalthebel. Er sagt, man brauche Gefühl, um diesen Zug zu steuern. Und: "Liebe zur Eisenbahn."

Tradition und Heimatliebe

Das kann man wohl sagen: Wer am Passauer Bahnhof in die Ilztalbahn steigt, der hat meist mehr im Sinn als bloß voll klimatisiert von A nach B zu kommen. Das geht auch nicht anders auf dieser knapp 50 Kilometer langen Strecke nach Freyung, die 1892 als "Waldbahn" eröffnet wurde. Zwar haben sie auch moderne Züge bei der Ilztalbahn. Aber es waren vor allem Tradition und Heimatliebe, weshalb die Bürger entlang dieser Bahnstrecke jahrelang für die Wiederbelebung der Trasse gekämpft haben.

Sie war von der Deutschen Bahn aufgegeben worden, die Schienen waren längst von Gras und Gestrüpp überwuchert. Totes Gleis irgendwann. Dann aber haben sich die Bürger ihre Eisenbahn in zähem Ringen zurückgeholt. Seit 2011 rollen wieder Züge - regelmäßig an Wochenenden und Feiertagen. In Eigenregie. Und an wenigen Tagen im Jahr, so wie an diesem, holen die Passauer Eisenbahnfreunde die tiefroten alten Schienenbusse, die früher hier im Einsatz waren, aus der Abstellhalle und zelebrieren nostalgisches Bahnfahren.

Zugverbindung als Lebensader

Hinten im Wagen sitzt Vereinschef Werner Kummer, 68 Jahre alt, und moderiert die Tour. Er erzählt viel über "seine" Bahn und über die vorbeiziehende Landschaft. Beides ist ein Erlebnis. Kummer hat früher als Tourismusreferent im Kreis Passau gearbeitet - bei aller Wertschätzung für die Kultur und Schönheit der Landschaft - sein Motto war immer: "Als erstes kommt die Anreise." Das heißt: die Bahn.

Für Freyung und die Waldler war die Zugverbindung immer eine Art Lebensader. Für die Deutsche Bahn freilich war die Ader irgendwann nicht mehr ergiebig genug. Deshalb stellte sie 1982 den Personenverkehr auf dieser Strecke ein. Nach Unwetterschäden 2002 wurde sie komplett gesperrt.

"Hier sah es aus wie im Dschungel"

Danach nahmen die Bürger das Projekt selbst in die Hand. Kummer erinnert sich noch gut daran, wie sie erst politisch den Weg bereiten und die Zweifler in München umstimmen mussten. "Wir transportieren doch keine heiße Luft", hieß es dort zunächst abschätzig über das Vorhaben. Später ging es darum, die Strecke wieder flott zu machen.

"Hier sah es aus wie im Dschungel", erzählt Kummer. Im Förderverein der Ilztalbahn mit etwa 700 Mitgliedern fanden sich jedoch Dutzende, die anpackten und die Gleise wieder freilegten. Mittlerweile machen die Schienen-Freunde dem Bahn-Konzern vor, wie man eine solche Nebenstrecke halt doch betreiben kann.

Die Latein- und Religionslehrerin Monika Fecher ist heute im Schienenbus unterwegs und verkauft als Zugbegleiterin die Tickets. "Das ist Abenteuer pur", sagt sie. Im Bahnhof Waldkirchen steht Stefan Gärditz am Bahnsteig. Von Beruf ist er Eisenbahnbetriebsleiter und arbeitet in Nürnberg. In seiner Freizeit lässt er hier ehrenamtlich für die Ilztalbahn die Züge fahren.

10 000 Euro Preisgeld für die Bahnfreunde

"Sieben Tage Eisenbahn die Woche", sagt er in einem Ton, so als könnte die Woche für ihn auch gut und gerne acht Bahntage haben. Andere Freiwillige bedienen die Schranken oder machen Werbung. 20 bis 30 Ehrenamtliche sind jedes Wochenende im Einsatz, damit der Bahnbetrieb möglich wird. Es war deshalb nur konsequent, dass der Landtag 2011 den Bürgerkulturpreis für herausragendes ehrenamtliches Engagement an die Bahnfreunde vergab - verbunden mit 10 000 Euro Preisgeld.

Schreiben Sie der SZ

Von Hengersberg nach Hopferau, von Lohr am Main nach Tyrlaching: Die Bayernredaktion reist im Sommer kreuz und quer durch den Freistaat. Wo es nach unserer Fahrt mit der Ilztalbahn hingehen soll, bestimmen die Leser. Ungewöhnliche Menschen und deren Leben, Naturschönheiten, Ausflüge in die Geschichte, seltene Berufe, ausgefallene Hobbys, Stadtgeflüster und Landpartien, all das kommt als Thema in Frage. Schreiben Sie uns, was und wen Sie in Ihrer Heimat für besonders halten. Per Post an Süddeutsche Zeitung, Bayernredaktion, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder per Mail an bayernredaktion@sueddeutsche.de. Tipps, aus denen wir eine Geschichte machen, werden mit einer Flasche Wein belohnt.

SZ

Die Fahrgäste sind eine Belohnung ganz anderer Art. Unter ihnen gibt es jene mit Wanderschuhen, die die Bahn nutzen, um später von den Haltepunkten aus das Ilztal zu erkunden. Aber man sieht auch Halbschuhträger, die einfach nur gekommen sind, um auf Züge zu starren. "Herrlich, dass ich das noch erleben darf", sagt ein Mann, der sich sogar ans Steuerpult setzen und dabei wie ein Kind fühlen darf.

Fahrpläne, Preise und das Programm der Ilztalbahn finden sich im Internet unter www.ilztalbahn.eu Für den Tipp bedanken wir uns bei Sophie Papke aus Passau.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2105617
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 28.08.2014/amm
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.