Süddeutsche Zeitung

Obersalzberg:Wie es mit Hitlers Spazierwegen weitergeht

  • Auf dem Obersalzberg schlängeln sich Teerwege über 13 Kilometer hinweg.
  • Anfangs dienten sie den Nazis zum Spazieren, später sorgten auf ihnen Patrouillen dafür, dass das Sperrgebiet oberhalb von Berchtesgaden ausschließlich Hitler und seinen Parteibonzen vorbehalten blieb.
  • Weil der Teer hochgiftig ist, sollen die Wege seit Jahren saniert werden - über das Wie wurde intensiv debattiert.

Von Matthias Köpf, Berchtesgaden

22 000 Kilometer Wege betreuen die Bayerischen Staatsforsten in ihren Waldgebieten, sagt der Vorstandsvorsitzende Martin Neumeyer. Von all diesen Wegen sind die wenigsten so wichtig, dass Neumeyer selbst mehrmals zu Runden Tischen reist, um mit Kritikern über die richtige Sanierung zu sprechen.

Doch die 13 Kilometer, zu denen am Montag im Landratsamt des Berchtesgadener Lands in Bad Reichenhall schon das vierte Treffen stattgefunden hat, führen nicht nur topografisch, sondern auch historisch durch anspruchsvolles Gebiet: Die Kehlsteinwege ziehen sich durchs einstige "Führersperrgebiet" vom Obersalzberg Richtung Kehlsteinhaus, das als Hitlers Teehaus oder international als "Eagle's Nest" bekannt ist. Nun zeichnet sich ein Sanierungskonzept ab, mit dem auch die Kritiker leben können.

Die Berchtesgadener beschäftigt das Thema seit mehr als zehn Jahren, sagt Bürgermeister Franz Rasp (CSU). Denn die Wege, die einst auch für Streifenfahrten des Wachpersonals angelegt wurden, sind mit etwa 2,50 Metern zwar recht schmal, aber geteert und daher heute auch mit Kinderwagen, Rollstühlen und Fahrrädern benutzbar.

Nur für modernes, tonnenschweres Forstgerät sind sie viel zu eng und zu wenig belastbar, sodass die Staatsforsten vor einigen Jahren vorgeschlagen haben, die Wege auf mindestens drei Meter zu verbreitern und mit einer Schotterdecke zu befestigen. Anlass für den Vorschlag war die Gefahr, dass aus der Teerdecke krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe ins Erdreich und ins Grundwasser eindringen könnten.

Während das Landratsamt 2014 eine Sanierung auf Basis der Staatsforsten-Pläne und eines ersten Gutachtens anordnete, forderte eine Bürgerinitiative einen behutsameren Umgang mit den so beliebten wie vielfältig belasteten Wegen, die von 1937 an von Tausenden Arbeitern aus Mussolinis Italien gebaut worden waren.

Nur noch fünf Kilometer Wege sollen verbreitert werden

Die von Grünen und Sozialdemokraten unterstütze Initiative forderte, die Wege nicht zu verbeitern und auch den alten Teer nicht herauszunehmen, sondern ihn durch eine neue Asphaltdecke so zu versiegeln, dass keine Schadstoffe mehr ausgewaschen werden können. So ist es durch frühere Sanierungen mit der breiteren, heute nur von Linienbussen befahrenen Kehlsteinstraße geschehen, die im Gegensatz zu den Nebenwegen auch vom Landesamt für Denkmalpflege als denkmalwürdig betrachtet wird.

Nach einigem Hin und Her speckten die Staatsforsten ihre Planung für die Kehlsteinwege ab. Seither sollen nur noch fünf der 13 Kilometer verbreitert werden, um den Schutzwald angemessen pflegen zu können. Von mehr Effizienz bei der Holznutzung ist nicht mehr die Rede. Landrat Georg Grabner (CSU) hob seine Sanierungsanordnung 2015 wieder auf und bestellte das nun vorgestellte zweite Gutachten.

Der Kompromiss wird von allen Seiten gelobt

Dieses bestätigt weitgehend den gefundenen Kompromiss, wonach im Zuge der Altlastensanierung nur fünf Wegkilometer verbreitert und geschottert werden. Zugleich soll aber auf der ganzen Länge die Teerdecke entfernt werden. Dies ist nach der Expertise des Gutachters zwar kurzfristig teuer, auf 100 Jahre gesehen aber günstiger als eine Versiegelung mit Asphalt. Nur ein kurzer Abschnitt zur Scharitzkehlalm soll nach Abtragen des Teers nicht geschottert, sondern asphaltiert werden.

Landrat Grabner und Staatsforsten-Chef Neumeyer lobten den Kompromiss vom Runden Tisch ausdrücklich. Der Berchtesgadener Grünen-Politiker Bartl Wimmer als Sprecher der Bürgerinitiative zeigte sich erfreut, dass die alten Stützmauern der Wege erhalten bleiben sollen, und bedankte sich bei beiden Gesprächspartnern, äußerte sich ansonsten aber vorsichtiger. Denn eine endgültige Lösung soll nach Detailplanung durch die Staatsforsten bei einem fünften Runden Tisch im Frühjahr fixiert werden.

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Quelle:
SZ vom 17.01.2017/vewo
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