Süddeutsche Zeitung

Schienenverkehr:Warum ein Güterzug fast ungebremst durch die Oberpfalz fuhr

Die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung äußert sich zu den Hintergründen der Irrfahrt: "Mit großer Sicherheit" sei keine vorschriftsmäßige Bremsprüfung durchgeführt worden.

Nachdem ein Zug des privaten Güterzugunternehmens K-Rail rund 100 Kilometer und fast ungebremst durch die Oberpfalz gefahren ist, hat sich am Mittwoch die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung (BEU) zu den Hintergründen geäußert. Ein K-Rail-Geschäftsführer hatte am Dienstag von einem Fehler zweier Lokführer beim Anschließen der Bremsleitungen gesprochen, das hat ein BEU-Sprecher nun präzisiert.

Auf Nachfrage der Süddeutschen Zeitung sagte der Sprecher, dass das weitgehende Bremsversagen auf "einen geschlossenen Luftabsperrhahn in der Hauptluftleitung" der Zugbremse zurückzuführen sei. Außerdem sei "mit großer Sicherheit" keine vorschriftsmäßige Bremsprüfung durchgeführt worden, bevor der Zug losfuhr. Auch dafür macht die K-Rail GmbH ihre beiden Lokführer verantwortlich, denen das Unternehmen fristlos gekündigt hat.

Der Zug mit zwei Loks und 19 Waggons war am vergangenen Donnerstag mit Holz beladen in der tschechischen Grenzstadt Cheb losgefahren. Nach rund 25 Kilometern hätte er in der Ortschaft Wiesau (Landkreis Tirschenreuth) halten sollen. Wegen des mutmaßlichen Fehlers der Lokführer reichte die Bremswirkung jedoch nicht aus, um den 1900 Tonnen schweren Zug zu stoppen. Über Funk informierten die Lokführer den zuständigen Fahrdienstleiter, der wiederum weitere Fahrdienstleiter entlang der Gleisstrecke alarmierte.

Nach Auskunft der Deutschen Bahn gelang es, die abschüssige Strecke von Hindernissen und Gegenverkehr freizuhalten, bis der Zug weitere rund 75 Kilometer südlich des ursprünglich geplanten Halts ausrollen konnte, als das Gelände bei Irrenlohe (Kreis Schwandorf) flacher wurde. Zuvor soll der Zug mehrere Bahnhöfe, darunter Marktredwitz und Weiden, mit einer Geschwindigkeit von rund 100 Stundenkilometern passiert haben. Bei Irrenlohe übernahm schließlich ein Notfallmanager der Deutschen Bahn die Kontrolle und steuerte den Güterzug vorsichtig und mit Schrittgeschwindigkeit auf ein Abstellgleis.

Nach Bekanntwerden des Vorfalls hatte ein Bahnsprecher von einem "kritischen Ereignis" gesprochen und die schnelle und professionelle Reaktion der Fahrdienstleiter gelobt. Wie groß die Gefahr zumindest theoretisch war, zeigt ein Unfall in Gladbeck in Nordrhein-Westfalen, der laut BEU-Sprecher mit dem Vorfall in der Oberpfalz vergleichbar ist. Dort waren im Oktober 2013 zwei Güterzüge kollidiert. Ein Lokführer wurde bei dem Zusammenstoß schwer verletzt. Als Ursache nannte die BEU auch damals einen geschlossenen Luftabsperrhahn der Hauptluftleitung. Laut Unfallbericht habe die Bremskraft des einen Güterzuges nicht ausgereicht, um die Kollision zu verhindern.

Während der BEU-Sprecher am Mittwoch ankündigte, dass seine Behörde keine formale Untersuchung des Vorfalls in der Oberpfalz durchführen werde, gehen die Ermittlungen der Bundespolizei weiter. Denn neben technischen Hintergründen geht es bei diesem außergewöhnlichen Fall um die Frage, ob die beiden Lokführer strafrechtlich belangt werden können - wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr.

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SZ vom 29.08.2019/syn
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