Süddeutsche Zeitung

Asylpolitik:"Naim, wir schaffen das"

Seit fast vier Jahren arbeitet der 32-jährige Friseur Naim Karimi in einem Salon in Miesbach. Dort befürchten nun viele, dass er bald zurück nach Afghanistan muss.

Von Matthias Köpf, Miesbach

Es ist nicht einmal annähernd der Tonfall der Kanzlerin, aber es sind fast dieselben Worte. "Naim, wir schaffen das", sagt Lili Wolf in dem modern eingerichteten Friseursalon am Miesbacher Marktplatz, und Naim Karimi ist erkennbar froh über ein bisschen Zuversicht. "Ja, vielen, vielen Dank", sagt er, aber selbst klingt er dabei nicht so optimistisch. Montags ist eigentlich geschlossen, doch von Dienstag bis Samstag schneidet der 32-Jährige dort Haare - immer auf der linken Seite, wo die Männer sitzen, manchmal einem guten Dutzend Kunden am Tag, manchmal noch einigen mehr.

Am Samstag aber durfte er das plötzlich nicht mehr. Denn am Tag zuvor war dieser Termin in München. Marie-Christine Wolf, seine junge Chefin, ist extra mitgefahren, weil "Ladung zur Vorstellung wegen Bescheinigungsablauf" gar nicht gut geklungen habe. Sie durfte dann aber nicht mit hinein, und als Naim Karimi dann wieder herauskam, habe er seinen Ausweis nicht mehr dabei gehabt, sondern nur eine Bestätigung, dass seine Papiere jetzt bei der Regierung von Oberbayern liegen. Karimis 2019 schon einmal verlängerte Ausbildungsduldung solle laut den Behördenschreiben nun Ende August auslaufen. Seitdem sind er und die Wolfs mittendrin in so einem Fall, von dem Hans Wolf sagt, dass es dabei nur Verlierer gibt und niemand gewinne. Außer vielleicht irgendein Gesetz.

Der größte Verlierer ist in Hans Wolfs Augen Naim Karimi, der nach seinen eigenen Befürchtungen und denen der Familie Wolf nun wohl ab Ende August jeden Tag von der Abschiebung nach Afghanistan bedroht sein könnte - in das Land, aus dem er nach Deutschland geflohen ist, über Iran, die Türkei und die Balkanroute, mehrere Monate lang und viel zu Fuß. Von Passau kam er im Herbst 2016 nach Miesbach und begann im Salon der Familie Wolf sofort wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten, dem des Friseurs. Er habe sich damals den Taliban entzogen, sagt Naim Karimi selbst. Müsse er jetzt zurück, dann habe er von ihnen nichts Gutes zu erwarten. Mehr als ein paar Wochen werde er dort wohl nicht leben können, so oder so.

Naim Karimis Familie lebt noch dort. Neben Karimis deutscher Verlobter, die er als geduldeter Flüchtling wegen großer bürokratischer Hürden und fehlender Papiere bisher nicht heiraten konnte, zählt Hans Wolf auch diese Familie in Afghanistan zu den Verlierern. Denn die könne das Geld gut gebrauchen, das ihnen Karimi aus Deutschland schickt. Komplett selbst verdientes Geld, wohlgemerkt, denn Naim Karimi habe stets gearbeitet und seinen Lebensunterhalt selbst bestritten, er habe die Miete selbst bezahlt und seine Steuern. Schließlich sei Naim Karimi bis Freitag wohl der bestbezahlte Friseurazubi in Deutschland gewesen, sagt Hans Wolf.

In dem Salon, den Wolf vor eineinhalb Jahren seiner Tochter übergeben hat, wird nach Leistung bezahlt. Und mal ganz abgesehen davon, dass Naim Karimi schon fast zur Familie gehört: Nicht zuletzt wegen genau dieser Leistung zählt Marie-Christine Wolf auch sich selbst als Inhaberin, alle Kollegen und ihre Kunden zu den Verlierern dieses Falles. "Ich brauche ihn", sagt die Friseurmeisterin, die noch viel mehr gute Leute brauchen könnte, aber einfach keine bekommt und heuer keine einzige neue Bewerbung um eine Lehrstelle erhalten hat.

Von solchen Argumenten hält auch Martin Hagen viel. Die Wolfs haben den FDP-Fraktionsvorsitzenden im Landtag über lokale Parteikontakte alarmiert, jetzt steht er im Salon und sagt seine Hilfe zu - zunächst in Form eines Briefes an Innenminister Joachim Herrmann (CSU). So etwas könne doch niemand verstehen, sagt Hagen. Die Kunden im Laden verstehen es jedenfalls nicht, diese Erfahrung haben Marie-Christine Wolf und ihre Eltern am Samstag nach eigenen Worten schon gemacht.

Gleich von Dienstag an wollen sie im Laden Unterschriften sammeln, denn ihre größte Hoffnung liegt in öffentlicher Aufmerksamkeit - und zumindest kurzfristig vielleicht in einem Schreiben, das am Freitag nach der Rückkehr aus München im Briefkasten lag: Naim Karimi ist im ersten Anlauf durch die Gesellenprüfung gefallen, offenbar wegen der Sprachprobleme mit all den Begriffen und Substanzen aus dem Damenbereich, mit denen er in seinem Alltag als Herrenfriseur wenig zu tun hat. Vielleicht, so lautet die Hoffnung der Wolfs, lasse sich die Duldung zur Ausbildung wenigstens für die Nachprüfung noch verlängern.

Die Regierung von Oberbayern, die von Karimis Scheitern in der Gesellenprüfung nach eigenen Angaben noch gar nichts gewusst hat, bestärkt die Wolfs in dieser Hoffnung. Solange Naim Karimi weiterhin versuche, seine Ausbildung regulär mit einem Abschluss zu beenden, habe er keine Abschiebung in sein Heimatland zu befürchten, teilt die Regierung zu dem Fall mit. Aber auch unabhängig von Karimis Ausbildungserfolg gebe derzeit keinerlei Pläne für eine baldige Abschiebung des 32-Jährigen.

Hans Wolf denkt da an die Worte seiner Frau und an die der Bundeskanzlerin. Wenn es heiße "Wir schaffen das", dann sei dieses "wir" doch nicht irgendwer in Berlin, sondern das seien die Menschen hier in Miesbach. Diese Stammkundin zum Beispiel, die Naim Karimi immer montags beim Deutschlernen geholfen habe. Für Gespräche beim Haareschneiden reicht Karimis Deutsch schon lange. Vielleicht reicht es auch bald für die Gesellenprüfung. Und wenn er die schafft, so heißt es von der Regierung, dann werde man ihn dafür nicht auch noch bestrafen und ihn danach wieder zurück nach Afghanistan schicken wollen.

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SZ vom 04.08.2020/kafe
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