Süddeutsche Zeitung

Kronach:Loewe droht mit Wegzug

Nach der Insolvenz geht es wieder aufwärts mit dem TV-Gerätehersteller, offenbar dank der neuen Eigentümer. Die stellen nun eine Forderung an die Stadt.

Von Uwe Ritzer, Kronach

Angela Hofmann ist von Loewe überzeugt, trotz allem. Die Fernsehgeräte der Marke seien "hervorragend" und "das Preis-Leistungsverhältnis ist gut". Hofmann schwärmt nicht nur in ihrer Eigenschaft als Bürgermeisterin von Kronach, als welche sie quasi von Amts wegen die Unternehmen in der Kreisstadt im Frankenwald gut finden muss. Die CSU-Politikerin ist vielmehr von Loewe überzeugt, weil sie dort 25 Jahre als Entwicklungsingenieurin gearbeitet hat und die Firma bestens kennt.

Es war eine komplizierte Zeit, in der Loewe einige Male wirtschaftlich am Abgrund taumelte. Bis es am 1. Juli 2019 tatsächlich vorbei war. Der Insolvenzverwalter sperrte den Betrieb zu und schickte die letzten 400 Beschäftigten nach Hause, darunter auch Angela Hofmann. Loewe war das Geld ausgegangen. Ein halbes Jahr später dann die große Überraschung: Zum Jahresende übernahm die aus Nordossetien im Kaukasus stammende und in der Schweiz lebende Familie Khabliev mit ihrem in Zypern angesiedelten Unternehmen Skytec Loewe und fing an, in Kronach wieder Fernsehgeräte zu entwickeln und teilweise auch zu montieren. Inzwischen arbeiten dort wieder gut 130 Menschen. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Denn gerade eskaliert ein Konflikt, der sich in den vergangenen Monaten langsam aber stetig aufgebaut hat. "Wir wollen das Firmengelände unbedingt kaufen und hoffen, dass die Stadt Kronach den Verkauf an uns spätestens Ende November beschließt", sagt Aslan Khabliev. Die Kommune will allerdings nicht verkaufen, weshalb der Unternehmer nun damit droht, Kronach zu verlassen. "Wenn wir nicht kaufen können, werden wir uns einen neuen Standort außerhalb von Kronach suchen", sagte Khabliev der SZ.

Das klingt ultimativer und drohender als in den vergangenen Monaten. Über einen möglichen Wegzug hatte Khabliev zwar schon häufiger laut nachgedacht, doch bislang klang das moderater. Noch im August sagte er der Neuen Presse zufolge, "das Herz von Loewe" solle auf jeden Fall in Kronach bleiben. Nun allerdings klingt Khabliev kompromissloser; seine neuen Aussagen hören sich nach Ultimatum und Konfrontation an.

Bei dem Gelände geht es um insgesamt zehn Hektar zu Fuße der Stadtfestung, die bis vor sechs Jahren der Firma Loewe gehörten. Damals war das Unternehmen schon einmal insolvent und brauchte dringend Geld. Deshalb kaufte die Kommune die Flächen und brachte sie in eine eigens gegründete Stadtentwicklungs-GmbH ein, deren einzige Gesellschafterin die Stadt Kronach ist. Von ihr hat die Firma Loewe die Hälfte des Geländes gemietet. Die anderen fünf Hektar werden von kleineren Firmen, aber auch der Fachoberschule, der Industrie- und Handelskammer und als Außenstelle der Hochschule Coburg genutzt.

Khablievs Forderung, das Areal jetzt an ihn zu verkaufen, steht man im Kronacher Rathaus und im Stadtrat distanziert gegenüber. Nicht nur die Bürgermeisterin möchte lieber den bis Ende 2023 befristeten Mietvertrag mit ihm verlängern. Die Stadt verfolgt eigene Pläne; sie möchte auf dem Areal unterhalb der Stadtfestung einen Technologiepark entwickeln. Man strebe aber "eine langfristige Zusammenarbeit mit Loewe Technology und Aslan Khabliev an", sagt Bürgermeisterin Hofmann diplomatisch und kündigt "weitere Gespräche" dazu an.

Die CSU-Politikerin ist erkennbar um Deeskalation bemüht. Immerhin ist das 1923 von den Brüdern David und Siegmund Loewe als Radiofrequenz GmbH in Berlin gegründete Unternehmen seit 75 Jahren in Oberfranken angesiedelt, die Unterbrechung zwischen Schließung und Neustart im vorigen Jahr mit eingerechnet. Unmittelbar vor Kriegsende hatte die Vorgängerfirma Teile der Fertigung aus dem umkämpften Berlin nach Küps bei Kronach ausgelagert. Ab 1948 siedelte die Firma auf das nach wie vor aktuelle Gelände nach Kronach um. Seitdem sind das Unternehmen und das Städtchen im Frankenwald eng miteinander verbunden.

Für die Stadt wäre ein Wegzug auch deswegen hart, weil Loewe unter den neuen Eigentümern erkennbare Fortschritte macht. Binnen kürzester Zeit entstanden mehr als 100 Arbeitsplätze und es scheint den Khablievs zu gelingen, den TV-Gerätehersteller wieder erfolgreich am Markt zu positionieren. Aslan Khabliev lockt die Stadt zudem mit einer Ankündigung. "Unser Plan ist es, 25 Millionen Euro in das Gebäude und das Areal zu investieren", sagte er der SZ. Von neuen Produktionsanlagen und einem Verwaltungsbau für Loewe ist die Rede und von einem Business-Hotel. Doch im Stadtrat ist bislang keine Mehrheit für den Verkauf in Sicht.

Bürgermeisterin Hofmann gibt sich unbeeindruckt von Khablievs Wegzug-Drohung. Für einen Wegzug gebe es keinen Grund, sagt sie selbstbewusst. "Der Name Loewe ist mit Kronach fest verbunden, weil der Standort einen hohen Markt- und Markenwert für das Unternehmen garantiert. Alle Voraussetzungen, um TV-Geräte mit Top-Qualität zu produzieren, sind hier vorhanden, vor allem das Expertenwissen und das Know-how der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter."

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Quelle:
SZ vom 12.11.2020/vewo
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