Süddeutsche Zeitung

Kommentar:Bayerns Jahrhundertprojekt

Der Brennerzulauf im Raum Rosenheim wird zum Teil unter die Erde verlegt - anders geht es nicht

Von Matthias Köpf

Die Tunnelbohrgeräte werden sich durch sehr viel harten Fels fräsen müssen, wenn der Brennernordzulauf irgendwann wirklich so gebaut werden sollte, wie es die Planer von der Bahn vorgeschlagen haben. Es wird das teuerste Infrastrukturprojekt, das es jemals in Bayern gegeben hat. Zum Vergleich: Die zweite Stammstrecke in München kostet voraussichtlich weniger als vier Milliarden Euro.

Politisch gesehen ist diese gigantische Trasse, die zu 60 Prozent unterirdisch verläuft, der Weg des geringsten Widerstands. Das muss nichts Schlechtes sein, ganz im Gegenteil. Denn der Widerstand ist auch so groß genug in der von Verkehrswegen zerfurchten Region Rosenheim mit ihren mehr als 320 000 Einwohnern. Die will im Jahr der Bundestagswahl niemand gegen sich aufbringen, weshalb CSU und Freie Wähler bei jeder Gelegenheit auf ihren Koalitionsvertrag verweisen: Der Bund müsse erst mal beweisen, dass es überhaupt weitere Gleise zum Brenner braucht, heißt es da. Diese Haltung mag gerade bequem sein, besonders mutig ist sie nicht. Denn ja: Es braucht diese Gleise - zumindest wenn die Wirtschaft langfristig so funktioniert wie bisher.

Es werden nicht zu wenige Güter über die Alpen gekarrt. Manche, weil es eben nicht anders geht; manche allerdings auch nur, weil sich das für irgendwen rentiert. Aber wenn das alles weiterhin so sein soll, dann muss der Güterverkehr wenigstens auf die Schiene verlagert werden. Dass das möglich ist, zeigt die Schweiz. Dort werden rund 30 Prozent der Güter per Lkw und rund 70 Prozent mit der Bahn über die Alpen geschafft. Auf der Brennerroute ist es umgekehrt. Dass sich das so schnell wie möglich ändert, liegt nicht nur im Interesse der transitgeplagten Tiroler, sondern auch der Anwohner im Inntal und - als Beitrag zum Klimaschutz - letztlich im Interesse aller.

Der Weg des geringsten Widerstands ist in dem Fall der richtige, nur muss er am Ende auch wirklich beschritten werden - selbst wenn er Milliarden kostet.

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Quelle:
SZ vom 14.04.2021
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