Süddeutsche Zeitung

Kirchenvermögen:Das Kreuz mit dem Geld

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Wie reich ist das Erzbistum München und Freising? Es nimmt Hunderte Millionen Euro an Steuer ein, hält 7000 Immobilien und ist an florierenden Unternehmen beteiligt. Beziffern kann es sein Vermögen aber nicht. Noch nicht.

Von Jakob Wetzel

Für das Erzbistum München und Freising ist er eine Herausforderung, dieser Mann in Weiß. Papst Franziskus forderte bereits wenige Tage nach dem Konklave eine "arme Kirche für die Armen". Seither präsentiert er sich selbst als Vorbild: Er verzichtet auf Statussymbole, er lebt im Gästehaus des Vatikans statt im Apostolischen Palast, und im Juni sagte er den Besuch eines Konzertes ab, offenbar genervt vom Hofstaatgehabe der Kurie.

Ganz anders wahrgenommen wird hingegen Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising: Er bewohnt das Palais Holnstein, einen Rokoko-Palast in der Münchner Altstadt, ein repräsentatives Haus, auch wenn Marx nur drei Zimmer belegt. Und im Juli lud er 600 Gäste zum festlichen Empfang in den Garten von Schloss Suresnes in Schwabing.

Vor welche Schwierigkeiten der neue Stil des Papstes das Erzbistum stellt, zeigte sich beispielhaft am 12. Juni im Münchner Ordinariat, dem Verwaltungssitz der katholischen Kirche. Finanzdirektor Markus Reif sollte den Haushalt der Erzdiözese präsentieren. Doch mit am Tisch saß der Verwaltungschef, Generalvikar Peter Beer.

Und bevor Reif über Rücklagen, Zuschüsse und den diözesanen Finanzausgleich sprechen durfte, war der Papst Thema. "Sind wir diese arme Kirche für die Armen?", fragte Beer. Und, wenn ja: Wie vertrage sich das mit einem Haushalt, in dem Millionen-Summen ausgewiesen sind?

Keine zentralen Unterlagen über den Kirchenbesitz

Entscheidend sei nicht die Geldsumme, sondern wofür die Kirche das Geld ausgebe, sagte Beer. Und doch hat die Kirche ein Finanzproblem, und zwar nicht, weil Geld fehlt, sondern weil welches da ist. Gemessen am Ideal einer "armen Kirche" berührt die Frage nach dem Besitz der Erzdiözese die Glaubwürdigkeit der Kirche - um so mehr, als sie auf diese Frage keine Antwort gibt. Dabei ist der Grund schlicht: Sie kann es nicht. Denn die Kirche weiß selbst nicht, wie reich sie ist. Zumindest noch nicht.

"Wir sind bereit, für Transparenz zu sorgen", sagt Generalvikar Beer. Nur Zahlen will er nicht nennen. Er fürchtet Fehler und Missverständnisse: Fehler, weil es im Ordinariat keine zentralen Unterlagen über das Vermögen der Kirche gebe. Der Kirchenbesitz im Erzbistum sei über Jahrhunderte gewachsen, er verteile sich auf Hunderte kirchliche oder der Kirche zugeschriebene Rechtsträger, darunter Pfarreien, Stiftungen und Vereine, sagt Beer - ganz zu schweigen von den eigenständigen Ordensgemeinschaften. Einen Überblick müsse er sich erst erarbeiten, gemeinsam mit Finanzdirektor Reif.

Millionen-Haushalt des Erzbistums

Missverständnisse hingegen fürchtet der Generalvikar, weil er den Besitz der Kirche nicht sämtlich als Vermögen werten will. So verfüge die Erzdiözese über viele zentral gelegene Kirchen, und nüchtern betrachtet sei jede einzelne eine wertvolle Immobilie in Bestlage, sagt Beer. "Aber aus kirchlicher Sicht handelt es sich um ein Haus Gottes, nicht um Vermögen der Kirche." Ein Verkauf komme nicht infrage. Dasselbe gelte für Kunstschätze oder gar Reliquien. Die Kirche müsse Kriterien finden, um ihren Besitz zu strukturieren.

Die Nachforschungen im Ordinariat werden dauern. Erst in zwei bis drei Jahren will Beer konkret beziffern können, was die Kirche im Erzbistum besitzt - und was davon Vermögen ist. Bis dahin muss sich auf Spurensuche begeben, wer den Besitz der Kirche zumindest erahnen will.

Der Haushalt

Dem Haushaltsplan zufolge verfügt die Erzdiözese München und Freising im Jahr 2013 über 664 Millionen Euro. Das Vermögen ist damit nicht erfasst, lediglich die laufenden Einnahmen der zentralen Kirchenverwaltung. Gemeinden, Ordensgemeinschaften, Verbände und Stiftungen haben jeweils einen eigenen Etat.

Der Haushalt der Erzdiözese ist ausgeglichen und stabil: Die Einnahmen sind im Vergleich zum Vorjahr um 21 Millionen Euro gestiegen. Mehr als zwei Drittel der Summe, 474 Millionen Euro, bestreitet die Erzdiözese aus der Kirchensteuer. Für diözesaneigene Schulen und Kindertagesstätten sowie für Geistliche und Religionsunterricht schießt der Staat Bayern 109 Millionen Euro zu, das Übrige stammt etwa aus Schulgeld, Pachteinnahmen oder Rücklagen.

Finanzdirektor Reif zufolge ist die Summe traditionell vorsichtig berechnet: 2012 etwa kassierte die Erzdiözese 75 Millionen Euro mehr als veranschlagt, vor allem wegen unerwartet hoher Einnahmen aus der Kirchensteuer. So konnte die Kirche 55 Millionen Euro als "kurzfristige strategische Investitionsreserve" für Bauprojekte zurücklegen.

Grundbesitz und Gebäude

Nach Angaben des Ordinariats sind im Erzbistum 5000 Hektar Wald in Besitz der Kirche - genauer: in Besitz von rund 850 zur katholischen Kirche gehörenden Rechtsträgern. Über darüber hinausgehenden Grundbesitz, etwa das Eigentum an Ackerböden, Bauland oder bebautem Grund, macht die Kirche keine Angaben. Besonders örtliche Pfarreien haben oft große Flächen in Erbbaurecht verpachtet.

An Immobilien gehören der Erzdiözese 7000 Gebäude inklusive Grundstücke. Etwa 1200 von ihnen sind Kirchen, die übrigen Pfarrgebäude, Wohn- und Gewerbeimmobilien. Den Wert der Gebäude beziffert die Kirche nicht. Zudem sind die Verhältnisse im Einzelnen kompliziert. Nicht jede Kirche etwa gehört der Erzdiözese: Grundstückseigentümerin der Asamkirche in der Sendlinger Straße ist beispielsweise eine Personengesellschaft, und die Grundstücke der Frauenkirche und des Alten Peter in der Münchner Innenstadt gehören zwei Kirchenstiftungen. Auch das Palais Holnstein, der Dienstsitz des Erzbischofs, ist nicht Eigentum der Kirche. Es befindet sich in Staatsbesitz.

Keine Angaben zur Höhe der Geldanlagen

Dagegen ist die Erzdiözese Hauptgesellschafterin des Katholischen Siedlungswerks KSWM, das Wohnungen und Eigenheime errichtet, vermietet, verwaltet und verkauft. Dabei geht es nicht um Luxuswohnungen; das KSWM soll Wohnraum für die breite Bevölkerung schaffen, besonders für Familien.

Seit 1949 entstanden so 7335 Wohnungen. Ende 2012 verwaltete das KSWM 2882 eigene und 728 fremde Wohnungen sowie zwölf eigene und 32 fremde Gewerbeeinheiten. Im Geschäftsjahr 2012 wies das Siedlungswerk eine Bilanzsumme von 174 Millionen Euro aus, bei Eigenkapital in Höhe von etwa 110 Millionen Euro.

Geldanlagen und Beteiligungen

Zur Höhe der Geldanlagen der Erzdiözese macht das Ordinariat keine Angaben, verweist aber auf ein Nachhaltigkeitskonzept für ethisches Finanzmanagement. Investments in die Sex- oder Waffenindustrie sind demnach tabu, auch Abtreibungskliniken oder Tabakfirmen erhalten kein Geld der Kirche. In welcher Größenordnung sich die Anlagen bewegen, lässt sich nicht zuverlässig feststellen. Rückschlüsse lässt begrenzt ein Posten im Etat der Erzdiözese für 2013 zu: 21,3 Millionen Euro sind hier allein aus Pfründe-, Pacht- und Zinseinnahmen ausgewiesen.

Die Liste kirchlicher Betriebe und Beteiligungen hingegen ist lang - auch wenn sich kein Gesamtwert errechnen lässt, schon weil die Akteure so verschieden sind. Da sind Klosterbetriebe wie die Adelholzener Alpenquellen, die den Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul gehören, da ist die Klosterbrauerei Andechs oder etwa die Brauerei, Brennerei und Käserei der Benediktiner in Ettal. Die Erzdiözese selbst ist unter anderem mit sieben weiteren Diözesen am Bayerischen Pilgerbüro beteiligt. Der Veranstalter für Pilger- und Studienreisen bietet 2013 etwa 150 Fahrten an, von der Pilgertour nach Lourdes bis zur elftägigen Peru-Reise.

Die Erzdiözese ist zudem die zweitgrößte Gesellschafterin der Medienholding Tellux. Während Medien wie die Münchner Kirchenzeitung oder das im Internet empfangbare Münchner Kirchenradio vom katholischen Sankt Michaelsbund herausgegeben und betrieben werden, gehören zu Tellux Film-Produktionsfirmen wie Tellux-Film, Provobis oder das Katholische Filmwerk. An Tellux ist auch die Deutsche Provinz der Jesuiten mit Sitz in München beteiligt.

Und die Erzdiözese hält 13,2 Prozent an der Verlagsgruppe Weltbild. Sie ist damit die größte Gesellschafterin nach dem Verband der Diözesen, Generalvikar Beer ist Vorsitzender des Weltbild-Aufsichtsrats. Über Weltbild ist die Erzdiözese unter anderem an der Verlagsgruppe Droemer-Knaur beteiligt, ebenso am Spielwarenhändler Kidoh, dem Internetportal buecher.de und gemeinsam mit Bertelsmann am strauchelnden Online-Kiosk "pubbles". Zudem hält Weltbild die Hälfte der "DBH Buch Handels GmbH & Co. KG": Die betreibt unter anderem die Bücherhäuser Hugendubel und Jokers. Die Verlagsgruppe Weltbild/DBH erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2011/2012 nach eigenen Angaben 1,59 Milliarden Euro Umsatz.

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SZ vom 21.08.2013/mmo
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