Süddeutsche Zeitung

Geiselnehmer aus dem Chiemgau:Strafe trotz Alters

Die "Rentner-Bande", die vor einigen Wochen einen Geschäftsmann entführt und im Keller gefangen gehalten hat, kommt nicht auf freien Fuß.

Heiner Effern und Klaus Ott

Die fünf Geiselnehmer, die im Juni einen amerikanischen Geschäftsmann vier Tage lang im Chiemgau gefangen hielten und so erst ins Gefängnis und dann in die Schlagzeilen kamen, bleiben voraussichtlich trotz ihres teils hohen Alters in Untersuchungshaft.

Der jüngste Entführer ist 60, der älteste 79 Jahre alt. Der Ermittlungsrichter am Amtsgericht in Traunstein hat diese Woche bei einem Haftprüfungstermin entschieden, dass das in den Fall verwickelte Ärzteehepaar aus der Schlierseer Gegend nicht freikommt. Es bestehe ein hoher Fluchtanreiz, weil Auslandsbeziehungen in die USA bestünden.

Auch die Kaution nutzt nichts

Der Münchner Anwälte des Paares, Walter Lechner und ein Kollege, hatten 600.000 Euro Kaution angeboten, aber das nützte nichts. Die fünf Geiselnehmer, die alle ein Geständnis abgelegt haben, werden wohl bis zum Prozessbeginn einsitzen. "Auf Geiselnahme steht eine Strafe von mindestens fünf Jahren. Und wir haben derzeit keine Anhaltspunkte auf einen minder schweren Fall", sagt der Traunsteiner Staatsanwalt Volker Ziegler. Mitgefühl für die "Rentner-Bande", wie sie in manchen Medien genannt wird, lässt er gar nicht aufkommen. "Selbstjustiz ist keine Möglichkeit, um sich Geld zurückzuholen. Da verschafft man sich selbst auf kriminelle Weise Vorteile gegenüber denjenigen, die es sich rechtmäßig zurückholen wollen."

Die erste Gerichtsentscheidung in dieser Causa deutet darauf hin, dass die Geiselnehmer ins Gefängnis müssen. Freiheitsstrafen auf Bewährung sind auch bei den beiden Frauen, die als Mitläuferinnen gelten, offenbar nicht zu erwarten. Das Ärzteehepaar kam zur Geiselnahme später hinzu, als der US-Geschäftsmann bereits von seinem Wohnsitz in Speyer am Rhein nach Chieming verschleppt worden war und dort im Haus eines anderen Paares gefangen gehalten wurde.

In die eigene Tasche gewirtschaftet

Die beiden Paare wollten von dem Finanzmakler mehrere Millionen Dollar eintreiben, um die er sie betrogen haben soll. Inzwischen wird auch gegen ihn wegen Betrugs ermittelt. Anwalt Lechner hat Strafanzeige gestellt. Der Vorwurf: Der Geschäftsmann habe von dem vielen Geld, das ihm fast 100 Kapitalanleger anvertraut hätten, etwa 13 Millionen Dollar in die eigene Tasche gewirtschaftet, statt es gewinnbringend anzulegen. Der Amerikaner hat gegenüber der Kriminalpolizei sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen.

Beim Amtsgericht Traunstein hat Anwalt Lechner vorgetragen, der US-Mann habe das Arztehepaar "skrupellos" um dessen Vermögen betrogen, das als Altersgeld gedacht gewesen sei. Das rechtfertige zwar nicht die Geiselnahme, erkläre aber die Tat. Auch halte er im Falle einer Haftverschonung eine Flucht für ausgeschlossen. Der 66-jährige Arzt leide seit Jahren an einer schweren Herzerkrankung und bekomme täglich vier Spritzen und müsse sieben Medikamente einnehmen. "Eine Flucht wäre lebensgefährlich."

Das Amtsgericht Traunstein entgegnete, das Arztehepaar besitze ein Haus in Florida, dorthin könne es fliehen. Lechner will nun versuchen, seine Mandanten mit Haftbeschwerden beim Landgericht Traunstein und notfalls beim Oberlandesgericht München aus dem Gefängnis zu holen. Die drei anderen Geiselnehmer sind ein 60-jähriger Amerikaner und ein 74 und 79 Jahre altes Ehepaar aus dem Chiemgau. In dessen Haus hielten die fünf ihr Opfer fest.

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SZ vom 11.7.2009/vw
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