Süddeutsche Zeitung

Bildungspolitik der CSU:Bloß keine Fehler mehr

Steht Bayern wieder vor einer großen Reform des Gymnasiums? In der CSU gibt es Überlegungen, auch die Rückkehr zum G 9 wieder zuzulassen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Konzept des Philologenverbandes.

Steht Bayern wieder vor einer großen Reform des Gymnasiums? In der CSU gibt es Überlegungen, auch die neunjährige Gymnasialzeit wieder zuzulassen. Doch das kann nur funktionieren, wenn ein breiter Konsens zwischen den Beteiligten gelingt. Die Opposition signalisiert Gesprächsbereitschaft. Wichtig dürfte das Konzept werden, das der Philologenverband mit seinem Chef Max Schmidt erarbeitet. Eckpunkte zeichnen sich schon ab.

Der Zeitpunkt

Sicher ist, nächstes Schuljahr wird es noch kein G 9 geben. Alle Befürworter des neunjährigen Gymnasiums sind sich einig, dass Stoibers Fehler bei der überstürzten Einführung des G 8 auf keinen Fall wiederholt werden darf. Start kann deshalb frühestens im Schuljahr 2015/2016 sein. Bei den Philologen arbeiten derzeit verschiedene Arbeitsgruppen an einem Konzept als Diskussionsgrundlage. Bis März soll es auf dem Tisch liegen.

Die Wahlmöglichkeit

Vieles deutet darauf hin, dass es eine Wahl zwischen G 8 und G 9 geben wird. Wie die genau aussieht, ist noch offen. Einige favorisieren die Möglichkeit, das G 8 wie in Rheinland-Pfalz obligatorisch als Ganztagsschule anzubieten. Im Gespräch ist bei den bayerischen Philologen auch, nach der zehnten Klasse ein Jahr einzuschieben, das unterschiedlich genutzt werden könnte: zur Vorbereitung auf die Oberstufe, das wäre dann die G-9-Variante. Für einen Auslandsaufenthalt oder zum Überspringen, was dem G 8 entspräche.

Förderung begabter Schüler

Ein Schwachpunkt des G 8 ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, sehr gute Schüler zu fördern. Eine Überlegung ist deshalb, das P-Seminar und das W-Seminar zeitlich auszuweiten, um den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich vertieft mit bestimmten Themen zu befassen.

Die Oberstufe

In der Oberstufe will zumindest der bayerische Philologenverband keine unterschiedlichen Geschwindigkeiten einführen. "Das führt zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten", sagt Schmidt. In diesem Punkt dürfte es noch Gesprächsbedarf geben, denn andere Modelle, wie etwa das der Grünen, sehen genau das vor.

Entlastung

Klar ist, dass die Schüler der Unter- und Mittelstufe entlastet werden müssen. Wie genau das aussehen könnte, muss noch diskutiert werden. "Wir wünschen uns, dass alle Abiturfächer also Deutsch, Mathe und die Fremdsprachen in allen Jahrgangsstufen vier Stunden pro Woche unterrichtet werden", sagt Schmidt. Im G 8 werden diese Fächer in manchen Jahrgangsstufen nur dreistündig unterrichtet, was wegen der Stofffülle zu Stress sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern führt. Damit die Zusatzstunden nicht zur Zusatzbelastung werden, denken die Philologen darüber nach, "ob tatsächlich alle Fächer in allen Jahrgangsstufen unterrichtet werden müssen".

Der Weg

Die Oppositionsparteien stehen mit offenen Armen da und wären bereit, von ihren eigenen, bislang kompromisslos verteidigten Konzepten ein Stück abzurücken, um zu einer fraktionsübergreifenden Lösung zu kommen. "Ich bin da total schmerzfrei", sagt Martin Güll, Bildungssprecher der SPD. "Es muss für die Schüler passen." Thomas Gehring, Bildungssprecher der Grünen, sagt: "Wir sind gesprächsbereit. Auch die Freien Wähler seien zur Zusammenarbeit bereit", sagt Bildungsexperte Michael Piazolo. Es dürfe aber nicht "alles von oben dekretiert werden". Sogar in der CSU schwebt manchem nun eine ganz große Koalition für eine weitere Schulreform vor. Die Philologen wollen außerdem die Expertise von Fachleuten an den Universitäten einholen.

Das Ziel

Die meisten sind sich einig, dass die gewonnene Zeit genutzt werden muss, um Inhalte wieder zu vertiefen. Julian Nida-Rümelin, Philosoph mit SPD-Parteibuch, formuliert es so: "Wir müssen weg vom Beschleunigen, Standardisieren und Vereinfachen und Hin zu Vertiefung, Entschleunigung und Konzentration auf das Wesentliche".

Der Widerstand

Die Landtags-CSU hat viele Prügel einstecken müssen für die übereilte Einführung des G 8 durch den damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Stoiber ist längst weg, die Probleme blieben und die CSU hielt Kurs. Nun will sie auch dabei bleiben, es wird Mühe kosten, sie in Richtung G 9 zurückzuführen. Der CSU-Abgeordnete Thomas Goppel, früher selbst Wissenschaftsminister, sagt es klipp und klar. "Ich bin die ewige Wechselei leid." Beim G 8 sei man auf einem "ganz guten Weg". "Zwei Drittel aller Gymnasiasten kommen gut damit zurecht, ein Drittel nicht." Den Ärger über das G 8 sieht er vor allem durch "Theater der Eltern, die ihren Ehrgeiz nicht befriedigt sehen", und "unzufriedene Lehrer" befeuert. Auch Fraktionschef Thomas Kreuzer stellt am Freitag klar: "Es gibt keine Rückkehr zum G 9."

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SZ vom 15.02.2014
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