Süddeutsche Zeitung

80 PS zusätzlich:Volvo will Formel-1-Technik auf die Straße bringen

Das sogenannte KERS-System ist in der Formel 1 Standard und beschert den Fahrzeugen kurzfristig ein dickes Leistungsplus. Volvo forscht nun mit Hochdruck daran, die Schwungradtechnik in Serie zu bringen. Doch die Serienreife wird noch bis mindestens 2017 dauern. Eine erste Ausfahrt.

Wer hätte nicht gern per Knopfdruck für knapp zehn Sekunden 80 PS mehr zur Verfügung? Ingenieure aus dem Hause Volvo haben das aus der Formel 1 bekannte KERS, Kinetic Energy Recovery System, schon lange vor dem ersten Einsatz in der automobilen Königsklasse für sich entdeckt. Bereits in den 80er Jahren experimentierten sie mit der Schwungradtechnik in einem Volvo 260. Doch die damalige Verwendung von Stahl bot keine ausreichend guten Ergebnisse - das Thema wurde auf Eis gelegt. Bis heute. Denn der Stahl ist Kohlefaser gewichen, die Forschung wurde wieder aufgenommen.

Das KERS der neuesten Generation arbeitet an der Hinterachse eines frontgetriebenen Volvo S60 T5 mit 254 PS und ist noch gut hör- und sehbar im Kofferraum platziert. Der Sound, der durch das bis zu 60.000 Mal in der Minute rotierende und sechs Kilogramm schwere Rad entsteht wird in einer Serienversion vermutlich wegfallen.

Das in einem Vakuum drehende 20 Zentimeter im Durchmesser große Kohlefaserrad wird bei der Verzögerung des Fahrzeugs beschleunigt. Während des Bremsvorgangs wird der Verbrennungsmotor abgeschaltet. Die so gespeicherte Energie leitet das Schwungrad beim Anfahren oder Beschleunigen über ein spezielles Getriebe auf die Hinterräder.

Energiesparpotenzial von bis zu 25 Prozent

"Die Energie des Schwungrads treibt das Fahrzeug für kurze Zeit allein an. Dies hat maßgeblichen Einfluss auf den Kraftstoffverbrauch. Nach unseren Berechnungen wäre der Verbrennungsmotor im Neuen Europäischen Fahrzyklus die Hälfte der Zeit abgeschaltet", erläutert Derek Crabb, Vizepräsident der Antriebsentwicklung bei der Volvo Car Group.

Neben dem Energiesparpotenzial von bis zu 25 Prozent sind die dabei entstehenden zusätzlichen Pferdestärken ein äußerst angenehmer Nebeneffekt. "Durch die kurzzeitige Bereitstellung von 80 zusätzlichen PS beschleunigt der Vierzylinder so gut wie ein Sechszylinder." In Zahlen ausgedrückt: Der Sprint aus dem Stand bis Tempo 100 wird anstatt in 6,8 in nun 5,5 Sekunden absolviert.

So vorteilhaft der kurzfristige Leistungsgewinn auch sein mag, birgt die spontane Umstellung von einem reinen frontangetriebenen Fahrzeug hin zu einem Allradler in der aktuellen Prototypenphase noch seine Kinderkrankheiten. Ohne KERS-Einsatz, ob im abgeschalteten oder im aktivierten aber entleerten Energiespeicher-Zustand, verhält sich der Volvo wie ein ganz normaler Fronttriebler.

Bei zu starkem Herausbeschleunigen aus einer Kurve schiebt er über die Vorderachse, er untersteuert. Mit einsetzendem KERS verändert sich in Sekundenbruchteilen das Kurvenverhalten des Fahrzeugs und die Hinterachse wird unruhig. Bis zu einer eventuellen Serienreife, die frühestens 2017 geplant ist, soll dieses Problem jedoch behoben sein.

Auf gerader Strecke hingegen kommt der Fahrer bei einem beherzten Tritt auf das Gaspedal für bis zu zehn Sekunden in den gefahrlosen Genuss der zusätzlichen Kraft. Wünschenswert wäre ein aus der Formel 1 bekannter "Push to pass"-Knopf, der auf Geheiß des Fahrers die 80 PS an die Hinterachse schickt. Was die über drei Modi verfügende punktuelle Leistungssteigerung in Form des KERS kosten soll, ist nochv unbekannt. Thomas Hannebäck, Direktor der Getriebeentwicklung bei Volvo, verrät jedoch: "Der Aufpreis wird weniger 10.000 Euro betragen."

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