Süddeutsche Zeitung

Wohltätige Bakterien:Nachbarschaftshilfe in der Petrischale

Wohltäter findet man unter Menschen und bei vielen Tierarten. Doch auch Bakterien zeigen offenbar altruistisches Verhalten.

Britta Verlinden

Aggressive Bakterien geben sich untereinander überraschend selbstlos: Um das Überleben ihrer Population zu sichern, opfern sich einzelne Keime für das Gemeinwohl, wie Forscher der Universitäten Boston und Harvard um James Collins entdeckt haben ( Nature, online).

Wichtig für dieses Verhalten ist ein Molekül namens Indol. Stehen die Bakterien unter Stress, bilden sie Indol sowohl als Alarmsignal als auch zur Stärkung der Abwehr der anderen. Sterben empfindliche Keime etwa aufgrund einer Antibiotikagabe ab, sinkt der Indol-Spiegel in der Bakteriengemeinschaft.

Wie die Wissenschaftler nun beobachteten, geben widerstandsfähigere Erreger den Stoff dann in größeren Mengen ab. Dabei verbrauchen sie jedoch viel Energie, die ihnen zur Zellteilung fehlt.

Evolutionsbiologen kennen das Phänomen, dass einzelne Individuen sich als Wohltäter gegenüber Angehörigen derselben Art verhalten, von vielen Spezies. Neu ist allerdings, dass ein solcher Altruismus auch bei Bakterien auftritt.

Die Forscher vermuten hier "eine Form der Verwandtenselektion, bei der eine kleine Anzahl resistenter Mutanten andere, gefährdetere Zellen schützen und so die Überlebensfähigkeit der gesamten Kolonie verbessern". In den Experimenten von Collins und seinem Team erlaubte es der Indolschutz den schwachen Bakterien nicht nur, dem Antibiotikum zu trotzen sondern auch, sich zu vermehren.

Was für Evolutionsforscher vermutlich hoch spannend ist, dürfte Ärzten indes größte Sorge bereiten: Offenbar lässt sich die Widerstandsfähigkeit von Krankheitserregern nicht so einfach messen wie bislang gedacht. Spricht ein isolierter Keim im Labor auf ein Antibiotikum an, heißt das nicht, dass er im Körper eines Patienten keine Nachbarn hat, die ihm helfen, sich dagegen zu wehren.

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Quelle:
SZ vom 02.09.2010
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