Süddeutsche Zeitung

Weltrekord:Das schwärzeste Schwarz der Welt

  • 99,995 Prozent des Lichts verschluckt das neuartige Material.
  • Eigentlich wollten die Forscher die thermischen Eigenschaften von Nano-Röhrchen untersuchen, als sie die Entdeckung machten.
  • Das Super-Schwarz dürfte für zwei Berufsgruppen interessant sein.

Es war ein Affront gegen die Kunstwelt, als sich der indisch-britische Bildhauer Anish Kapoor vor drei Jahren die künstlerischen Exklusivrechte für das schwärzeste Schwarz unter den Nagel riss. Das "Vantablack", das 99,96 Prozent allen Lichts schluckt, war nun seins. Gebäude, Kunstfiguren - was Kapoor auch mit dem Labormaterial verzierte, erschien fortan wie ein schwarzes Loch. Es war ein künstlerisches Geschenk - und mündete in einen skurrilen Kollegen-Streit, in dessen Zuge ein Kollege Kapoor vom Erwerb wiederum eigener Über-Farben ausschloss. Es half nichts: Kapoor blieb der lachende Monopolist über das Superlativ-Schwarz.

Bis jetzt. Denn nun sind Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) auf ein noch schwärzeres Schwarz gestoßen, es ist das schwärzeste jemals gemessene Material. In ihrer Publikation in der Fachzeitschrift ACS Applied Materials & Interfaces beschreiben sie ein Schwarz, das 99,995 Prozent allen Lichts verschluckt - es ist das neue Super-Schwarz, eine Nicht-Farbe wie ein Tarnumhang, noch schwärzer als die bisherige Variante.

Wer es in Kunst gegossen sehen will, wird auf der New Yorker Börse fündig: Bis zum 25. November wird hier ein eigentlich golden leuchtender 16,78 karätiger Zwei-Millionen-Dollar-Diamant ausgestellt. Weil das Werk der deutschen Künstlerin Diemut Strebe mit dem neuen Super-Schwarz der Forscher beschichtet ist, sehen die Zuschauer auf eine scheinbar konturlose schwarze Fläche.

Das Super-Schwarz könnte im Inneren von Teleskopen Streulicht absorbieren

Die Entdeckung ist eine neue Zwischenetappe auf der Suche nach dem ultimativen Schwarz. Dabei ist sie ein Zufallsfund. Denn wie das MIT berichtet, waren die Forscher in diesem Fall eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem. Demnach experimentierten Brian Wardle und Kehang Cui mit Möglichkeiten, klitzekleine Kohlenstoff-Nanoröhrchen auf elektrisch leitenden Materialien wie Aluminium wachsen zu lassen, um ihre elektrischen und thermischen Eigenschaften zu verstärken.

Als sie sahen, dass die mikroskopisch kleinen röhrenförmigen Gebilde die Elektrik und Thermik des Aluminiums tatsächlich verstärkten, fiel den Forschern noch etwas anderes auf: Das Material sah noch dunkler aus als vor dem Experiment. Sie maßen das Licht und stellten fest, dass nur noch höchstens 0,005 Prozent des Lichts durch das Gestrüpp aus Röhrchen drang. Es war so dunkel, dass jegliche Unebenheit im Aluminium für das Auge unsichtbar wurde.

Genau wie sein Vorgänger dürfte das neue Super-Schwarz vor allem für zwei Berufsgruppen interessant sein: einmal für Astrophysiker, deren von innen mit Super-Schwarz ausgestattete Teleskope vielleicht noch mehr Streulicht als bisher ausblenden und Forschern einen ungetrübteren Blick ins All ermöglichen könnten. Und für die Rüstungsindustrie, wenn es um die Tarnung für Waffen oder Fahrzeuge geht: Denn wer oder was in das Dunkel gehüllt ist, lässt sich schlichtweg nicht mehr erkennen.

Wobei das Schwarz natürlich keine Wandfarbe ist, mit der bald jeder seine Wohnungswand verzieren kann. Vielmehr ist es eine Nicht-Farbe, ein künstlich hergestelltes und unerschwingliches Material. Vorstellen kann man es sich wie einen mikroskopisch kleinen Mini-Wald aus dicht aneinandergereihten Kohlenstoff-Röhrchen in Nano-Größenordnung - wie ein enges Geflecht, in dem sich fast alles Licht verfängt.

In Streitereien verfangen sollen sich die Künstler diesmal nicht, dafür hat das MIT gesorgt. Es möchte Künstlern die Methode für nicht-kommerzielle Zwecke zur Verfügung stellen. Eine Egalisierung des schwärzesten Schwarz, die die Kunstwelt erfreuen dürfte. Alle, bis auf einen: Dem britisch-indischen Bildhauer Anish Kapoor ist nun sein farbschluckendes Kunst-Monopol abhanden gekommen. Aber vielleicht schlägt er ja wieder zu: Dann, wenn Wissenschaftler ein noch schwärzeres Schwarz entdecken.

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Quelle:
SZ vom 19.9.2019
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