Süddeutsche Zeitung

Ungewöhnliche Nahrungsmittel:Geheimnis des bunten Honigs

Im Elsass verzweifeln Imker an ihren Bienen: Die Insekten produzieren Honig in blauen und grünen Farbtönen, weil sie Reste einer M&M's-Produktion dem Blütennektar bevorzugen. Es ist nicht das erste Mal, dass Bienen auf solche Art fremdgehen.

Honig kann weiß sein, gelb, braun oder sogar fast schwarz. Welche Farbe er hat, hängt davon ab, an welchen Pflanzen die Bienen Nektar gesucht haben, und wie viel Honigtau in ihm enthalten ist. Der Nektar selbst ist eigentlich farblos. Über Pollen geraten jedoch Farbstoffe wie Flavone, Carotinoide oder Anthocyane in den Honig, weshalb zum Beispiel der Sonnenblumenhonig gelb ist, Rapshonig dagegen weiß. Und bei Honigtau handelt es sich um das Ausscheidungsprodukt einiger Insekten wie Blattläuse, die die Bienen von den Blättern lecken, und die etwa den dunklen Waldhonig ergeben.

Aber grüner und blauer Honig?

Damit haben ein Dutzend Imker in der Umgebung der französischen Stadt Ribeauvillé (Rappoltsweiler) im Elsass zu tun. Zu ihrer großen Überraschung beobachteten sie, dass ihre Bienen nicht normalen Nektar, sondern Substanzen in den Farben blau, grün oder schokoladenbraun nach Hause brachten. Die Folge: In den Waben der Bienenstöcke entsteht Honig in Schattierungen genau dieser Farben.

Wie sich nun herausgestellt hat, besuchten die betroffenen Sammlerinnen offenbar nicht mehr, wie vorgesehen, Blumen und Blüten, sondern eine Biogasanlage in der Umgebung. Angelockt, so berichtet Le Monde, wurden sie von Rückständen aus der Produktion von M&M's. Die kleinen bunten Schokolinsen werden unter anderem in einer Fabrik der Firma Mars in der Nähe von Strasbourg hergestellt. Der süße Müll aus der Anlage wird in der Biogasanlage verwertet.

Der Betreiber der Anlage, Agrivalor, hat zugesagt, die für die Bienen interessanten Rückstände in Zukunft in "dichten Behältern zu transportieren und schnell zu verarbeiten".

Was für Substanzen den Honig bunt färben, ist noch unklar. Aber wenn die Quelle tatsächlich die M&M's-Reste sind, dürfte es sich um Lebensmittelfarbstoffe handeln. Trotzdem halten die Imker von Ribeauvillé das farbige Produkt für unverkäuflich.

Vielleicht sollten sie einen Blick nach North Caroline werfen. Auch dort stoßen die Imker in den Sandhills um die Stadt Fayetteville immer wieder auf blauen Honig in ihren Bienenstöcken - und betrachten das als Glücksfall. Das blaue Gold lässt sich sogar für den doppelten Preis verkaufen - obwohl bis heute nicht eindeutig geklärt ist, woher die blaue Farbe stammt.

Heidelbeersaft, Aluminium und Kirschlikör-Sirup

Die Imker selbst sind überzeugt davon, dass die Bienen sich - vor allem in trockenen Jahren, wenn nur wenig Blumen und Blüten Nektar liefern - am Saft von wilden Heidelbeeren gütlich tun. Sie behaupten sogar, der blaue Honig hätte ein besonderes Beeren-Bouquet. Dafür spricht, dass er in den Monaten Juli und August auftaucht, wenn die Heidelbeeren reifen.

Es gibt allerdings auch die Vermutung, die Farbe könnte von den violetten Blüten der japanischen Kudzu-Pflanze stammen, die sich seit den fünfziger Jahren in den USA ausbreitet.

Eine ganz andere Erklärung bietet dem Our State Magazine zufolge der Bienenforscher John Ambrose von der North Carolina State University in Raleigh. Der Wissenschaftler hat bereits in den siebziger Jahren Bienen von Stöcken mit blauem Honig untersucht und festgestellt, dass Sammlerinnen, die heimkamen, keine blaue Farbe enthielten - abfliegende Tiere, die von den Honigvorräten genascht hatten, dagegen schon.

Demnach würde der Nektar erst im Bienenstock seine Farbe bekommen. Die Erklärung: Die Insekten sammeln den Nektar der Sauerbäume, die auf Boden mit hohem Aluminiumgehalt wachsen. Wenn die Stockbienen Nektar in Honig verwandeln, indem sie die aluminiumhaltige Flüssigkeit wiederholt einsaugen und wieder abgeben, steigt der Säuregehalt und die Farbe ändert sich zu blau.

Möglicherweise haben ja alle recht, und der Honig ist in der Umgebung von Heidelbeersträuchern oder Sauerbäumen aus unterschiedlichen Gründen gelegentlich blau. Dafür spricht auch eine Beobachtung aus dem Bundesstaat New York aus dem Jahre 2010. Wie die New York Times berichtete, beobachteten Imker aus in Brooklyn, New York, dass viele ihrer Bienen nicht mit normalem Blütennektar in den heimischen Stock zurückkehrten, sondern mit einer roten Flüssigkeit. Auch die Waben strahlten bald in hellem Rot.

Eine Untersuchung staatlicher Behörden ergab, dass das, was die Bienen da anstelle eines anständigen Honigs produzierten, einen Lebensmittelfarbstoff enthielt: Allurarot (Red Dye No. 40). Und auch die Quelle war bald identifiziert: Dell's Maraschino Cherries Company in Brooklyn, ein Hersteller von Kirschlikör. Die Bienen bedienten sich an dem, was im Hof der Anlage aus Bottichen mit Kirschdicksaft schwappte.

Die Tierchen zeigten - wie nun in Frankreich - offenbar eine ähnlich große Vorliebe für künstlich hergestellte Süßigkeiten wie wir Menschen, wofür man ihnen ja nicht böse sein darf. Was die Insekten in Brooklyn aus dem süßen Saft machten, schmeckte allerdings - anders als der blaue Heidelbeer-Honig aus North Carolina - einfach nur furchtbar, wie das Grist Magazine berichtete.

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