Süddeutsche Zeitung

Sportwetten:Ironie der Glückssträhne

Wie entstehen Glücks- und Pechsträhnen bei Sportwetten? Forscher haben sich Hunderttausende Wettkämpfe angesehen - und wissen nun, wie solche Siegesserien zustande kommen.

Von Christoph Behrens

Jeder Spieler kennt wohl dieses Gefühl: Eine sicher geglaubte Wette auf ein Pferd oder eine Fußballmannschaft geht daneben. Der Einsatz ist weg und die Versuchung groß, ihn mit einer neuen Wette zurückzugewinnen - das nächste Mal sollten die Chancen doch besser stehen, da man ja schon einmal verloren hat. Dieser fatale Irrglaube ist unter dem Namen Spielerfehlschluss bekannt.

Forscher um Juemin Xu und Nigel Harvey vom University College in London wissen, dass es keine gute Idee ist, nach einer Niederlage verbissen weiter zu zocken. Sie untersuchten 370 000 einzelne Sportwetten von 400 britischen Spielern einer Onlineplattform. Der Datensatz bildete so die gesamte Spielhistorie dieser Zocker über ein Jahr ab - im Durchschnitt wettete jeder also beachtliche 900 Mal.

Dabei stellten die Forscher fest, dass Glück und Pech sich multiplizieren (Cognition, Bd.131, S.173, 2014). Wer die erste und zweite Wette gewann, hatte auch bei der folgenden höhere Chancen auf einen Sieg. Danach steigerte sich das Glück rasant: Nach einem Lauf von fünf gewonnenen Spielen betrug die Wahrscheinlichkeit, erneut zu gewinnen, 0.75 - in drei von vier Fällen siegten diese Glückspilze also wieder.

Verloren die Spieler umgekehrt schon das erste Spiel, so sank ihr Glücksstern in den weiteren Spielen rapide. Nach fünf verlorenen Wetten fiel die Wahrscheinlichkeit, das nächste Mal zu gewinnen, auf 0.25.

Ironie des Glücks

Verantwortlich für die Strähnen zeichnet in beiden Fällen nicht Fortuna, sondern die Spieler selbst. So stellten die Forscher fest, dass Zocker im Verlauf einer Glückssträhne immer sicherere Tipps abgaben, aus Angst, das nächste Spiel jetzt aber zu verlieren. Umgekehrt gingen Spieler auf der Verliererstraße immer riskantere Wetten ein, weil sie dem Trugschluss erlagen, ihr Blatt müsse sich bald wenden. Das Resultat sei ironisch: "Gewinner sorgten sich darum, dass ihr Glück nicht anhalten würde, also wählten sie sicherere Tipps", schreiben die Forscher. Das habe sie erfolgreicher gemacht. Die Verlierer erzeugten mit der umgekehrten Erwartung - zu gewinnen - ihr eigenes Pech. "Der Spielerfehlschluss erzeugte die Strähnen", schreiben die Forscher.

Jedoch gibt es noch eine Möglichkeit: Es könnte sein, dass Spieler mit Glückssträhnen auch langfristig erfolgreicher sind, etwa weil sie sich besser in der jeweiligen Sportart auskennen. Doch die Wissenschaftler widerlegten auch dies mit den Daten. Auf das ganze Jahr gesehen verloren Spieler, die lange Glückssträhnen vorweisen konnten, ungefähr genauso viel Geld wie Zocker ohne solche Serien. "Sie waren nicht besser darin, Geld zu gewinnen", schreiben die Forscher.

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