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Schwere Vorwürfe gegen Stammzell-Forscher:Versehen oder Vergehen

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Die Meldung vom geklonten Embryo verursachte in der vergangenen Woche weltweites Aufsehen. Nun gibt es Zweifel an der wissenschaftlichen Exaktheit der Arbeit. Unklar ist noch, ob es sich um Flüchtigkeitsfehler oder gar Fälschung handelt. Sicher ist, die Fachzeitschrift "Cell" nahm sich erstaunlich wenig Zeit für die Prüfung der Ergebnisse.

Von Katrin Blawat

Schludrigkeit oder Fälschung - diese Erklärungen stehen im Raum, nachdem Vorwürfe gegen eine Stammzell-Studie der Health and Science University in Oregon bekannt geworden sind. Diese betreffen mehrere Abbildungen in der Veröffentlichung, die vergangene Woche weltweit Aufregung verursacht hatte.

In der Fachzeitschrift Cell haben Forscher um Shoukrat Mitalipov beschrieben, wie sie zunächst menschliche Embryos geklont und aus diesen embryonale Stammzellen gewonnen hatten. Nun beschuldigt ein anonymer Gutachter auf der Online-Plattform PubPeer die Autoren, identische Mikroskop-Aufnahmen verwendet zu haben, um unterschiedliche Versuchsergebnisse zu belegen. Ein weiterer Vorwurf betrifft eine Darstellung zur Aktivität von Genen verschiedener Stammzellen: Deren Ergebnisse glichen sich zu sehr, um realistisch zu sein.

Die Internet-Plattform PubPeer ermöglicht es Wissenschaftlern, eine Studie nach deren Veröffentlichung öffentlich zu begutachten. Eine solche Qualitätskontrolle führen auch die Fachzeitschriften durch, ehe sie ein Manuskript publizieren.

Im Fall des Cell-Artikels dauerte diese Prüfung jedoch auffallend kurz: Drei Tage, nachdem die Forscher ihr Manuskript eingereicht hatten, akzeptierte die Zeitschrift es zur Veröffentlichung. "Das ist absurd", sagt der Düsseldorfer Stammzell-Experte James Adjaye. "Bei einer so kontroversen Studie, die noch dazu erhebliche ethische Implikationen hat, würde ich erwarten, dass die Überprüfung Wochen oder Monate dauert."

Eine Sprecherin der Zeitschrift bestätigte dem Magazin Science Insider, dass die Cell-Redaktion die Vorwürfe derzeit prüfe. Erst danach wolle man sich weiter äußern. Ob die Vorwürfe etwas am wissenschaftlichen Wert der Experimente ändern, ist noch unklar.

Der Studienleiter räumt Fehler ein

Studienleiter Mitalipov räumte auf der Online-Nachrichtenseite Nature News ein, dass sein Artikel einfache Fehler enthalte. Sie seien durch zu große Eile passiert. Er habe den Erstautor kontaktiert, der die Daten für die Veröffentlichung zusammen gestellt habe. Mit der Zeitschrift Cell werde er über eine Korrektur diskutieren. Zugleich betonte Mitalipov: "Die Ergebnisse sind real, die Zelllinien sind real, alles ist real."

Dass Abbildung mehrfach auftauchten, sei ein Beschriftungsfehler in der Legende, so Metalipov. Die ungewöhnlich hohe Übereinstimmung in der Gen-Aktivität verschiedener Zellen sei hingegen so beobachtet worden. Das könne jeder in den Rohdaten selbst überprüfen.

"Die Rohdaten helfen hier aber nicht viel, um die Fragen zu klären", sagt Adjaye, der die außergewöhnliche Übereinstimmung als schwersten Kritikpunkt wertet. "So etwas ist absolut unmöglich." Das müssten Forscher, die ihr Manuskript bei Cell einreichen, ebenso wissen wie die Gutachter der Zeitschrift. Für den Fall, dass es sich bei den beanstandeten Daten um eine Fälschung handeln sollte, sagt Adjaye: "Dann müssten die Forscher sehr naiv gewesen sein zu glauben, mit so etwas durchzukommen."

Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass eine weltweit beachtete Studie zum Klonen menschlicher Embryos und daraus gewonnener Stammzellen unter Fälschungsverdacht gerät. Die derzeitige Diskussion erinnert an den Fall des Südkoreaners Hwang Woo Suk. Er hatte vor neun Jahren behauptet, embryonale Stammzellen aus einem geklonten Embryo gewonnen zu haben. Kurz darauf wurde er als Fälscher entlarvt.

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SZ vom 24.05.2013
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