Süddeutsche Zeitung

Schöpfungslehre vs. Evolution:Mach mir den Affen!

Der Kreationismus hat neuerdings gar in der deutschen Politik Anhänger gefunden. Die Schnapsidee von der "Schöpfungslehre" nistet sich über ein fein gesponnenes Netzwerk in unserer Gesellschaft ein. Ganz wider besseres Wissen.

In Deutschland entwickelt sich ein neuer Kulturkampf. Kirchenpolitiker, denen unsere Welt zu komplex geworden ist, wollen das alte Weltbild erhalten, wie es den kleinen Kindern im Kindergarten und Kindergottesdienst vermittelt wird. "Schöpfungslehre" wird das neuerdings genannt.

Sie soll nach dem Willen der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU), einer ehemaligen evangelische Religionslehrerin, in den Biologieunterricht der Schulen eingeführt werden. Die stellvertretende hessen-nassauische Kirchenpräsidentin (Bischöfin) Cordelia Kopsch sowie der Augsburger katholische Bischof Walter Mixa stimmen begeistert zu.

Glaube und Wissen haben dieselbe Wurzel. Der Mensch sucht Antwort auf die Frage aller Fragen: Warum? Etwas zu Glauben oder etwas zu wissen, gibt beides Gewissheit. Und beides ist das Ergebnis einer besonderen Fähigkeit des Menschen. Er hat nämlich gelernt, sich aus unvollständigen Informationen ein einigermaßen zutreffendes Bild seiner Welt zu machen.

Glaubenssysteme entstehen wie Wissenssysteme, weil die Notwendigkeit, sich in der Welt zurecht zu finden, den Menschen dazu bringt, "Systeme" oder "Lehren" zu entwickeln.

Die Welt und das Leben sind Ergebnis einer Evolution

Freilich ist der Mensch unfähig, den Zufall zu erkennen. Sein Bedürfnis, hinter allem Ursachen oder Absichten zu identifizieren, hat ihn bereits in Urzeiten dazu gebracht, allerlei Schöpfungsmythen zu entwickeln. Der christliche Schöpfungsmythos im biblischen Buch "Genesis" ist Ergebnis des Wissens und noch mehr der Vorstellungen der Menschen im Alten Orient.

Ergebnis kulturwissenschaftlicher Forschung ist, dass man dies heute in vielen Einzelheiten erkennen kann und immer wieder im Lichte neuer Erfahrungen etwa der Archäologen differenzierter interpretiert. Besseres Wissen ersetzt damit den als abwegig identifizierten Teil des Glaubens, der nunmehr zum Aberglauben wird.

Denn mittlerweile wissen wir sehr genau, dass die Welt und das Leben in seiner Vielfalt Ergebnis einer Evolution sind. Die Tatsache, dass immer wieder Krankheitskeime resistent, gegen Antibiotika werden, ist ein unmittelbar anschauliches Beispiel für die Evolution. Der Mensch bis zum Auftreten von Homo sapiens hat sich entwickelt, um zu überleben, nicht um die Welt zu erkennen.

Katholische Kirche fordert fragloses Glauben ein

Die Möglichkeit zu Welterkenntnis ist ein fantastischer Nebeneffekt der Evolution. Wissenschaftliche Erkenntnis lebt vom Zweifel. Insofern unterscheidet sie sich fundamental von allen Glaubenslehren. Zwar ist auch die Wissenschaft anfällig für Ideologien, wie die auf falschen Interpretationen von Beobachtungen beruhende "Rasselehre" Anfang des 20. Jahrhunderts beweist. Doch ist das Prinzip aller naturwissenschaftlichen Arbeit, sie durch immer neue Überprüfung fortzuentwickeln.

Glaubenslehren dagegen kennen den Zweifel nicht. Deshalb nehmen die christlichen Kirchen nicht einmal die Erkenntnisse ihrer wissenschaftlich arbeitenden Theologen zur Kenntnis, geschweige denn die der Naturwissenschaftler.

"Fraglos glauben" ist ein Motto der katholischen Kirche, die den Geist der Aufklärung zurückdrängen will, indem sie neu definiert, was Vernunft heißt. Die evangelischen Kirchen in Deutschland haben vergessen, dass sie auch Kirchen der Aufklärung sind.

Einst verließen die frommen Protestanten, die den Zweifel nicht aushalten wollten, Europa, und gingen in die Neue Welt. Jetzt kommen ihre Schnapsideen als "Kreationismus" und "Schöpfungslehre" zurück und nisten sich über ein fein gesponnenes Netzwerk in unserer Gesellschaft ein. Die Kirchen haben keine Resistenz dagegen entwickelt.

Martin Urban war Gründer und jahrzehntelang Leiter der SZ-Wissenschaftsredaktion. Von ihm erscheint Anfang September im Verlag Eichborn Berlin das Buch Wer leichter glaubt, wird schwerer klug / Wie man das Zweifeln lernen und den Glauben bewahren kann.

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