Süddeutsche Zeitung

Riesenkalmar:Wink mit zehn Armen

Aufnahmen von Riesenkalmaren sind extrem selten. Jetzt ist Wissenschaftlern im Golf von Mexiko in 760 Metern Tiefe ein spektakuläres Video gelungen.

Wie aus dem Nichts taucht ein dünner Tentakel aus der Dunkelheit - 760 Meter unter dem Meeresspiegel - auf. Dann greift der Riesenkalmar an. Die spektakuläre Aufnahme eines Architeuthis dux im Golf von Mexiko, etwa 160 Kilometer südöstlich von New Orleans, ist Mitgliedern einer Expedition der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) gelungen. Als das Tier bemerkt, dass es sich geirrt hat - statt echter Beute hat es einen Köder attackiert, den die Wissenschaftler ausgelegt hatten - verschwindet es ebenso plötzlich in der Dunkelheit, wie es aufgetaucht ist.

Aufnahmen von Riesenkalmaren sind extrem selten, was unter anderem daran liegt, dass die Tiere in einer Tiefe von mehreren hundert Metern leben und sehr scheu sind. Die ersten Videoaufnahmen eines Riesenkalmars in seiner natürlichen Umgebung gelangen erst im Jahr 2005. Japanische Wissenschaftler filmten damals einen Riesenkalmar im Nordpazifik vor den Ogasawara-Inseln. Ein Jahr zuvor hatten dieselben Forscher das erste Foto eines solchen Tieres aufgenommen.

Bei dem jetzt im Golf von Mexiko gefilmten Exemplar handelt es sich nach Angaben der Biologen um ein junges Tier mit einer Größe von drei bis vier Metern. Ausgewachsene Riesenkalmare können wahrscheinlich bis zu fünf Meter groß werden. Allein der Kopf, an dem zehn Arme direkt angewachsen sind, kann einen Meter lang sein. Allerdings gibt es selbst in der Fachliteratur sehr unterschiedliche Angaben zur genauen Größe der riesigen Tiere, was unter anderem an der extremen Dehnbarkeit ihrer Arme liegt. Zwei davon sind deutlich länger als die übrigen acht; mit diesen Tentakeln fangen die Kalmare ihre Beute: Fische und andere Kalmare - auch der eigenen Art.

Das meiste, was man über Riesenkalmare weiß, haben Forscher anhand toter Tiere herausgefunden, die an Land gespült wurden, oder die sich in Schleppnetzen von Tiefseefischern verfangen haben. Sie haben riesige Augen, mit denen sie in der Tiefsee sehen und sich orientieren können, obwohl es dort nur sehr wenig Licht gibt. Sie haben einen scharfen Schnabel, mit dem sie ihre Beute zerreißen und sie können sowohl vorwärts als auch rückwärts schwimmen.

Lange Zeit dachte man, dass es diese Tiere, von denen Seeleute immer wieder berichtet haben, gar nicht gibt. Die Umstände, unter denen die Wissenschaftler das aktuelle Video gemacht haben, waren nicht weniger dramatisch, als die zahlreichen Legenden, die sich um die riesigen Meeresbewohner ranken. Kurz nachdem die Forscher die Aufnahmen gemacht hatten, gerieten sie in einen Sturm. Ihr Schiff wurde von einem Blitz getroffen, unmittelbar darauf türmte sich backbords eine Wasserhose auf. Zum Glück haben die Wissenschaftler es trotzdem geschafft, das erstaunliche Video sicher an Land zu bringen.

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Quelle:
SZ vom 26.06.2019
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