Süddeutsche Zeitung

Posse um Klimastudie:Britischer Lord will Klimawandel widerlegen

Der britische Adelige Lord Monckton wettert gegen den Euro, gegen Homosexualität und vor allem gegen den Klimawandel. Mit einem wissenschaftlichen Aufsatz versucht der Brite nun, die Erderwärmung kleinzurechnen. Doch allein die Begleitumstände der Veröffentlichung sind abenteuerlich.

Von Christopher Schrader

Christopher Monckton wäre der geborene Politiker. Im Wortsinn: Der dritte Viscount Monckton of Brenchley ist ein englischer Peer. Eigentlich sollte damit ein Sitz im Oberhaus verbunden sein, 47 Jahre hatte Monckton darauf gewartet. Doch Großbritannien schaffte das Privileg der Aristokratie ab, bevor Monckton den Titel vom Vater übernehmen konnte. Er versuchte noch, sich als Parlamentarier ohne Stimme auszugeben - bis die Verwaltung des Oberhauses eine Verfügung gegen ihn veröffentlichte. Wählen wollte ihn auch niemand.

Politisch ist Monckton streng konservativ, er wettert gegen den Euro, Schwule und HIV-Infizierte. Und gegen den Klimawandel, genauer gegen die Erkenntnis, dass dieser ein Problem ist und dass die Menschheit etwas damit zu tun hat. In diesem Kampf, so dürfte er es sehen, hat er nun einen Erfolg errungen. Eine Fachzeitschrift, deren Artikel von Wissenschaftler-Kollegen begutachtet werden, veröffentlicht seine These: Die Klimamodelle, auf die sich der Weltklimarat IPCC beim Blick in die Zukunft stützt, gingen von falschen Voraussetzungen aus. Wenn man diese korrigiere, gebe es keine Klimakrise mehr.

"Aus der Luft gegriffen" ist noch fast der freundlichste Kommentar

"Abenteuerlich", "aus der Luft gegriffen", "ignoriert die simpelste Physik" lauten erste Reaktionen von seriösen Wissenschaftlern auf die Veröffentlichung. Der Aufsatz erscheint im Journal Science Bulletin (online), das die chinesische Akademie der Wissenschaften betreut.

Moncktons Aufsatz ist eine lange, komplizierte Behandlung einer wichtigen Rechengröße, der sogenannten Klimasensitivität. Darunter verstehen Wissenschaftler die Erwärmung, die sich nach langem Warten einstellt, wenn die Menge der Treibhausgase in der Atmosphäre verdoppelt wird. Der IPCC gibt sie in seinem jüngsten Bericht mit 1,5 bis 4,5 Grad Celsius an, nach den Berechnungen von Moncktons Team liegt sie hingegen unter einem Grad. Monckton und seine Mitstreiter ignorieren dabei gelassen den Teil der Literatur, der die Sensitivität aus dem Klima der Vergangenheit bestimmt, statt sie direkt zu berechnen - und die Zahlen des IPCC bestätigt. Das Team trifft außerdem eine Reihe fragwürdiger Annahmen und fummelt sich Zahlenwerte zurecht.

Das betrifft insbesondere den Umgang mit sogenannten Rückkopplungen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist in der Arktis zu beobachten. Bei höheren Temperaturen schmilzt das Eis, darunter kommt dunkleres Wasser oder Land zum Vorschein. Beides absorbiert mehr Sonnenlicht, heizt so die Umgebung auf - und verstärkt die Erwärmung noch. Ohne solche Effekte ist das Entstehen von Eiszeiten kaum zu verstehen. Moncktons Team nimmt aber an, die Rückkopplungen hätten den umgekehrten Effekt. Es ist ein Zirkelschluss: Sie erklären das Klima für stabil, berechnen daraus dämpfende Rückkopplungen, und sehen damit ein stabiles Klima bestätigt.

Verbindungen zum erzkonservativen Heartland Institute

Eine wichtige Rolle spielt zudem die Entwicklung der globalen Durchschnittstemperaturen, die seit 1998 nicht mehr so schnell verläuft wie zuvor, obwohl gerade 2014 wieder ein Rekordjahr war. Woran das liegt, ist in der Wissenschaft umstritten. Der IPCC vermutet, dass die Wärme zum Beispiel in den Tiefen der Ozeane stecke und zurückkomme. Aber Moncktons Team legt seine Berechnung so an, als sei nun das Ende der Erwärmung erreicht und bestätigt dieses Ergebnis dann.

Auch viele Begleitumstände der Veröffentlichung sind merkwürdig. Da sind zum einen Moncktons Ko-Autoren. William M. Briggs etwa stellt sich auf seinem Blog als "Statistiker der Stars" vor. Eine institutionelle Anbindung gibt er nicht an, aber das ultrakonservative Heartland Institute nennt ihn als einen seiner Experten.

Der bekannteste Wissenschaftler im Team ist Willie Soon, ein aus Malaysia stammender Astrophysiker von der Harvard University, der ebenfalls in Kreisen der Klimawandelleugner einen guten Namen hat. Er hatte 2003 in einem Artikel behauptet, die Wärme des 20. Jahrhunderts sei überhaupt nichts besonders. Dann wurden ihm und seiner damaligen Koautorin schnell entscheidende Fehler nachgewiesen, und die Fachzeitschrift distanzierte sich von der Veröffentlichung. Soon wird zudem vorgeworfen, eine Million Dollar Forschungsgeld von der Öllobby angenommen zu haben; er hat jedoch stets die Unabhängigkeit seiner Forschung betont.

Auch das neue Paper ist offenbar von einem konservativen Thinktank finanziert worden. Jedenfalls dankt das Team in einer Pressemitteilung explizit dem Heartland Institute. Zudem hebt Monckton das Science Bulletin in die Top Sechs der wissenschaftlichen Journale empor; das Blatt sei "das Äquivalent von Science oder Nature des Orients". Wo diese Einschätzung herkommt, ist unklar. Das Blatt ist westlichen Wissenschaftler nahezu unbekannt. Nach einem wichtigen Maß für die Bedeutung von Zeitschriften können die Chinesen jedenfalls nicht annähernd mithalten. Der sogenannten Impact Factor, der die Zahl der Zitierungen angibt, beträgt bei Science Bulletin 1,4. Bei Nature liegt er bei 42, Science erreicht einen Wert von 31.

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SZ vom 22.01.2015/chrb
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