Süddeutsche Zeitung

Parasiten:Doppelagent im Kopf

Wenn sich Parasiten andere Organismen unterwerfen, verhalten sich die Wirtswesen wie Zombies. Doch Parasiten können zum Sklaven werden: Forscher haben Parasiten beobachtet, die sich im Gehirn anderer Parasiten einnisten.

Auch Jäger sind Gejagte und Bösewichte zuweilen selbst nur die Handlanger anderer. So lässt sich jenes bizarre Ringen um Leben und Tod zweier Parasiten zusammenfassen, das amerikanische Biologen im Inneren von Eichen entdeckt haben (Proceedings B der Royal Society, online). Das Team um Kelly Weinersmith von der Rice University in Houston untersuchte Eichen, die von einem Parasiten befallen waren. Nur etwa drei Millimeter große Gallwespen lassen auf noch nicht geklärte Weise im Stamm betroffener Bäume eine kleine Höhle entstehen. Sie bietet dem Parasiten einen geschützten Raum, um sich in Ruhe zu entwickeln. Dann gräbt er sich ein Loch durch die Baumrinde und verlässt seinen Wirt.

Doch nicht immer geht dieser Plan der Gallwespe auf, wie die aktuelle Studie zeigt. Nämlich dann nicht, wenn ein weiterer, ebenfalls parasitärer Akteur ins Spiel kommt: eine noch winzigere Erzwespe, die sich wiederum im Kopf der Gallwespe einnistet - ebenfalls, um dort ungestört heranzuwachsen. Doch mit so einem Untermieter gerät für die Gallwespe einiges durcheinander. So gräbt sie nur noch winzige Ausgangslöcher. Weil ihr der "Parasit zweiter Ordnung" in ihrem Inneren die Energie für umfangreichere Grabungen raubt? Oder weil die Erzwespe mittels chemischer Signale kleinere Ausgänge befiehlt? In jedem Fall bleibt eine betroffene Gallwespe mit dem Kopf im Ausgang stecken und stirbt in dieser selbstgegrabenen Falle. Die Erzwespe hingegen frisst sich nach vollendeter Entwicklung durch den Kopf der Gallwespe und entkommt wohlgenährt ins Freie. Dabei sind ihre Überlebenschancen dank ihres Wirtes besonders gut, wie die Forscher anhand von Experimenten zeigten. Mussten sich die Erzwespen in Versuchen selbst durch die Eichenrinde graben, lag ihre Sterberate drei Mal so hoch wie jene ihrer Artgenossen, die es nur durch den Kopf der Gallwespen schaffen mussten. Dies zeige eindeutig, dass die Erzwespe von dem sogenannten Hyperparasitismus profitiere, schreiben die Autoren.

Bemerkenswert ist dieser experimentelle Nachweis auch deshalb, weil überhaupt erst wenige Beispiele für mehrstufigen Parasitismus detailliert bekannt sind. Zu diesen Ausnahmen zählt eine weitere Erzwespen-Art, die sogar den Parasitismus dritter Ordnung beherrscht. So scheint der wissenschaftliche Name, den die Forscher der aktuellen Studie ihrer bislang unbekannten Erzwespe verpasst haben, auch auf andere Vertreter der Gruppe zu passen: Euderus set - angelehnt an den ägyptischen Gott Set, der für Chaos und Verderben steht.

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Quelle:
SZ vom 26.01.2017
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