Süddeutsche Zeitung

Pandemie:Wildschwein gehabt

Das Seuchenjahr 2020 hat auch etwas Gutes: Spätestens mit der Schweinepest wird nun klar, wie sich die Menschheit gegen Pandemien schützen kann.

Kommentar von Christina Berndt

Das Szenario kommt einem ja irgendwie bekannt vor. Deutschland wird von einer nie dagewesenen Seuche bedroht. Sie ist aus dem Osten gekommen - schon wieder! Sie ist eine echte Herausforderung für Seuchenschützer und für Ökonomen. Und in China tut die Regierung gerade so, als habe sie das Problem gelöst.

Aber, man reibt sich die Augen: Diese neue Seuche trifft das Land nicht unvorbereitet. Sie wird seit langem erwartet. In dem Moment, in dem der erste Fall erkannt wird, werden schon die geplanten Maßnahmen eingeleitet: Weitere Infizierte werden gesucht, umzingelt und das Virus damit an der Verbreitung gehindert. Und dort, wo es besonders viele potentielle Opfer gibt, gelten schon seit Jahren strenge Regeln. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Millionen Tote verhindert und ein immenser wirtschaftlicher Schaden abgewendet werden können.

Es war klar, dass eines nicht so fernen Tages eine Pandemie kommen würde

So ähnlich wie es gerade mit der Afrikanischen Schweinepest läuft, die nun erstmals Deutschland erreicht hat, hätte man es sich bei Corona auch gewünscht. Das Landwirtschaftsministerium und das für Tiergesundheit zuständige Friedrich-Loeffler-Institut müssen nur die Notfallpläne aus der Schublade ziehen, und all jene, die mit wilden oder zahmen Schweinen zu tun haben, kennen die nötigen Regeln der Biosicherheit. Vor jeder Stalltür steht ein anderes Paar Gummistiefel bereit, und Jäger wissen, dass sie mit ihren Jeeps gefälligst nicht auf den Hof fahren.

Wenn diese Seuche gut unter Kontrolle gebracht wird, hat das Land mehr als einfach Schwein gehabt. So reißt die zweite neue Seuche des Jahres 2020 eine neue Wunde in Sachen Corona auf: Auch auf Sars-CoV-2 hätte man vorbereitet sein können - und müssen.

Keine Frage: Sars-CoV-2 ist ein neuartiges Virus, das hat die Sache zweifellos erschwert. Aber dass eines nicht so fernen Tages eine Pandemie kommen würde, in welcher Form auch immer, war klar. Seit Jahrzehnten warnen Fachleute davor, dass durch das Vordringen des Menschen in die Natur Viren vom Tier überspringen werden und dann mit Frachtschiffen, Geschäftsleuten oder Rucksacktouristen um die Welt reisen. Aber die Warnungen wurden nicht ernst genommen. Die Notfallpläne alterten vor sich hin, und die Bestände an Schutzausrüstung wurden entsorgt, ohne Ersatz einzukaufen.

Ob Schweinepest, Supergrippe oder eine Unkown-Virus-Disease: Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Aber Menschen sind ihr nicht schutzlos ausgeliefert. Es gibt genügend Maßnahmen, die gegen fast jeden Erreger schützen. Saubere Finger, Masken, Sorgfalt, Obacht, Rücksichtnahme gehören dazu. Das Seuchenjahr 2020 könnte sogar noch nachhaltig Gutes für die Gesundheit auf diesem Planeten bedeuten, wenn diese Erkenntnis nun das Bewusstsein Vieler infizieren würde.

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