Süddeutsche Zeitung

Langlebige Umweltgifte:Kunststoff in der Blutbahn

Im Fisch, in der Arktis, in der Muttermilch: "Langlebige Umweltgifte" verbreiten sich überall im Ökosystem. Eine EU-Datenbank, die Auskunft über die Gefährlichkeit der Stoffe geben soll, ist voller Fehler. Schuldig fühlt sich niemand.

Sie zirkulieren im Blut von Menschen und Fischen, stecken in Pommes Frittes, Säuglinge nehmen sie mit der Muttermilch auf. Selbst in der Leber von Eisbären hat man sie schon entdeckt. "Perfluorierte Tenside" (PFTs) sind einfach überall, in der Luft, im Staub, gelegentlich im Trinkwasser. Auch im Blut von Schriftstellerin Karen Duve und Schauspieler Peter Lohmeyer fand Greenpeace die Substanzen, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen. Im Schnitt 16 solcher bedenklichen Industriechemikalien wie PFTs zirkulierten durch die Adern der Prominenten, die der Umweltverein 2006 untersuchte. Die Industrie braucht sie als Kühlmittel, in Medikamenten oder um Insekten zu töten, über Abwässer oder Unfälle gelangen sie in die Umwelt. Und irgendwann zum Menschen zurück.

Die Belastung der Ökosysteme mit solchen "langlebigen Schadstoffen" wie PFT wächst. Das Problem ist gar nicht so sehr, dass diese Stoffe da sind - sondern dass sie einfach nicht mehr verschwinden. Nur mit hohem technischen Aufwand lassen sich etwa PFTs zersetzen, Pflanzen und Tiere können sie schon gar nicht abbauen. Niemand fällt tot um, weil er eine falsche Pommes ist. Viele Jahre passiert vielmehr: nichts. "Die Stoffe haben Zeit, um sich in der Umwelt zu verteilen, im Ökosystem, im Organismus. Erst viel später nach der Freisetzung sieht man erste Schäden", sagt der Chemiker Martin Scheringer, der an der ETH Zürich zu "Pops" forscht. So nennt man langlebige Umweltgifte wie PFTs, die sich langsam in der Nahrungskette anreichern und irgendwann im Menschen. "Es ist nicht so wie bei der Ölpest, dass Schäden sofort sichtbar sind. Man hat erst Jahre später ein Problem, dann hält es aber sehr lange an", sagt Scheringer.

"Pops können nahezu überall auf der Welt nachgewiesen werden", erklärt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Weil sie sich im Ökosystem anreichern, findet man die höchsten Konzentrationen an der Spitze der Nahrungskette - also auch beim Menschen.

Ermittlung der Schäden ist schwierig

Die lange Zeitspanne macht es so schwierig, genaue Aussagen über Pops zu treffen. Bis in die 1960er hinein feierten Experten das Insektengift DDT noch als Heilsbringer für die Landwirtschaft. Zu spät erkannten Wissenschaftler, dass der Giftstoff bei einigen Vogelarten fatal wirkte: Sie legten nur noch so dünne Eier, dass diese bei der geringsten Belastung zersprangen. Der Wanderfalke starb daraufhin in Teilen Nordeuropas und in vielen Bundesstaaten der USA aus, Behörden in Europa und den USA verboten DDT. Doch es dauerte Jahre, bevor das Problem überhaupt sichtbar wurde.

Und selten ist die Beweiskette so stringent. Vielen Studien zu Pops sprechen nur von "chronischen Belastungen", möglichen neurologischen Schäden, Kindern die wegen der Belastung mit Pops im Mutterleib möglicherweise mit einem geringeren IQ zur Welt kommen. Eine schwedische Arbeitsgruppe ermittelte, die chronische Belastung der Nahrung mit Dioxinen und Furanen vermindere die Abwehrzellen im Blut. Vage, statistische Schlüsse sind das, gewonnen aus Massen an Daten. Diese langfristigen Schäden aber auf ein bestimmtes Molekül zurückzuführen, ist fast unmöglich.

"Datenbank mit Fehlern durchsetzt"

Darunter leidet die Regulierung der Stoffe. Zwar gibt es seit 2004 das "Stockholmer Übereinkommen", das den Einsatz von 23 Pops weltweit verbietet. Die Politiker einigten sich in Stockholm jedoch nur auf das Verbot alter Schadstoffe, das sogenannte "dreckige Dutzend", an denen keiner mehr ein wirtschaftliches Interesse hatte. Die meisten Pops sind dagegen unreguliert: Mit Kollegen hat Martin Scheringer abgeschätzt, wie viele Chemikalien in der EU wirklich als langlebige Umweltgifte gelten müssten. Sie kommen auf über 500, die "langlebig", "anreichernd" und "toxisch" sind - also eigentlich nicht in die Umwelt gelangen sollten.

An viele davon wie etwa bromierte Flammschutzmittel wagen sich Politiker nicht heran; denn die Stoffe stecken zu tausenden von Tonnen in Elektronik und Gebäuden, um Kurzschlüsse zu vermeiden. Landen die Elektrogeräte auf dem Müll, entweichen die Stoffe unkontrolliert.

Experten beobachten noch einen gefährlichen Trend: Sobald ein Giftstoff reguliert ist, schwenkt die Industrie auf einen ganz ähnlichen Stoff um, der aber anders heißt. Die Gefahr bleibt, rechtlich gesehen ist die neue Chemikalie aber ein unbeschriebenes Blatt. "Auf dem Papier hat man zwar einen Erfolg", sagt Scheringer. "Aber in Wahrheit ändert sich nichts."

Umweltdaten fehlen

Die Politik sieht auch vor, alle rund 140 000 in der EU verwendeten Chemikalien zu registrieren - ein ehrgeiziges Ziel, das die EU unter dem Schlagwort "Reach" verfolgt. Rund sieben Jahre nach dem Start werden jedoch große Probleme sichtbar: 70 Prozent der 20 000 von der Industrie eingereichten Dossiers seien fehlerhaft, musste die Europäische Chemikalienagentur ECHA jüngst einräumen. Sie enthielten teils falsche Daten, wichtige Studien fehlten in der Bewertung. Schlimmer noch: Die Prüfer testeten die Dossiers nur stichprobenartig - über den Großteil der Dossiers lässt sich daher gar nicht sagen, wie gut sie sind. Alles halb so schlimm, wehrt sich die ECHA: Man habe sich bewusst auf die schwierigen Fälle konzentriert, die Stichprobe sei nicht repräsentativ für die ganze Datenbank.

Wissenschaftler sehen das anders. "Die Datenbank ist durchsetzt mit Fehlern", sagt Martin Scheringer von der ETH Zürich. Das eigentliche Problem sei, dass man überhaupt nicht wisse, wie viele falsch seien. Wie solle man dann als Wissenschaftler damit arbeiten? Bei den 36 bromierten Flammschutzmitteln waren etwa nur bei sieben umweltrelevante Daten überhaupt hinterlegt. Das Umweltbundesamt (UBA) teilt die Kritik: Durch fehlerhafte Daten werde eins der wichtigsten Ziele von Reach gefährdet - die Risiken für Mensch und Umwelt zuverlässig einzuschätzen. "Die ECHA müsste viel mehr Daten überprüfen", sagt Christoph Schulte vom UBA. "Das würde die Gefahr für die Unternehmen erhöhen, erwischt zu werden."

Bei der Echa gibt man den Schwarzen Peter weiter. Eine höhere Quote könne nur die Politik festlegen, heißt es dort.

Derweil plant das UBA eine eigene Initiative: Auf der Plattform www.reach-info.de können Verbraucher bereits Anfragen zu Produkten stellen, die möglicherweise besorgniserregende Stoffe enthalten. Dazu geben Konsumenten einfach den Barcode des Produkts ein. Das UBA erstellt daraus automatisierte Anfragen an die Hersteller, diese sind gesetzlich verpflichtet, Auskunft zu geben. Das Tool nutzen Verbraucher bereits rund 2000 Mal im Monat, schätzt Schulte. 2014 möchte das UBA auch eine Smartphone-App vorstellen, mit der die Abfrage der Stoffdaten auch unterwegs klappt.

Die Sache hat nur einen Haken: Die Firmen haben 45 Tage Zeit zu antworten - für den spontanen Einkauf ist das etwas unpraktisch.

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