Süddeutsche Zeitung

Hirnforschung:Das Gehirn voller Mozart

Musik gräbt sich tief ins Hirn ein. Ob sie auch die Denkfähigkeit und Sprachentwicklung von Kindern fördert, ist umstritten.

"Musik ist ganz nutzlos, das macht sie so wertvoll." Diesen Oscar Wilde zugeschriebenen Ausspruch zitierten gleich mehrere Sprecher auf der Tagung "Mozart and Science", die vergangen Woche in Baden bei Wien stattfand.

Dennoch ließen sie sich nicht daran hindern, eifrig mögliche Nutzanwendungen von Rhythmen und Melodien zu diskutieren.

Wo die Wissenschaft von Mozart Thema sein sollte, wurde selbstredend auch das Phänomen des umstrittenen "Mozart-Effekts" zum großen Thema.

Dass die Musik des Genies schlau macht, davon sind Gordon Shaw und Frances Rauscher schon seit 1993 überzeugt. Damals untersuchten die beiden Forscher an der University of California in Irvine an ein paar Dutzend College-Studenten die Auswirkungen einer Mozart'schen Hörprobe.

Besseres räumliches Vorstellungsvermögen

Nach dem Hören einer Mozart-Sonate hätten die Studenten ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen gehabt, folgerten sie daraus, wie ihre Probanden eine Art Origami-Aufgabe bewältigten.

"Inzwischen hat sich in den USA eine ganze Mozart-Industrie entwickelt", sagte Roland Haas, Rektor der Universität Mozarteum in Salzburg. Der Begriff "Mozart-Effekt" wurde geschützt und fördert seitdem den Verkauf von Büchern und CDs, die die graue Masse im Schädel auf Trab bringen sollen.

Eines zumindest ist unumstritten: Dass sich Musik tief ins Hirn eingräbt und dort fest mit Erinnerungen verknüpft ist. Frühe Musikerfahrungen bleiben oft ein Leben lang gespeichert: Der Song, der gerade die Charts stürmte, als man sich zum ersten Mal verliebte, hat auch nach Jahrzehnten noch besondere Bedeutung.

Was sich genau im Gehirn abspielt, wenn Menschen Musik hören, die mit intensiven Erinnerungen verknüpft ist, hat der Psychologe Petr Janata von der University of California in Davis erkannt. Dazu nutzte er die Methode der funktionellen Magnetresonanztomographie, welche jene Hirnregionen sichtbar macht, die gerade aktiv sind.

Das Ergebnis: Wenn eine Melodie erklingt, die wichtige Lebensphasen ins Gedächtnis ruft, werden vor allem Nervenzellen im Medialen Präfrontalen Cortex der linken Hirnhälfte aktiv. Je größer die autobiographische Bedeutung des Musikstücks ist, desto stärker sind diese Signale.

Musiktherapie für Alzheimerpatienten

Da es sich bei dieser Gehirnregion um ein Gebiet handelt, das bei Demenzpatienten kaum von der Krankheit betroffen ist, hofft Janata seine Ergebnisse für die Behandlung von Alzheimerkranken nutzen zu können.

Tatsächlich kann das musikalische Erinnerungsvermögen auch bei starker Demenz erhalten bleiben - selbst Patienten, die kaum noch sprechen, singen bekannte Lieder mit.

Und eine Musiktherapie kann die Aufmerksamkeit und das Erinnerungsvermögen von Menschen mit Alzheimer durchaus verbessern, wie Concetta Tomaino vom New Yorker Institute for Music and Neurologic Function auf der Mozart-Tagung berichtete.

Ob Musik auch bei Gesunden das Leistungsvermögen steigert, wird dagegen seit Jahren heftig diskutiert. Bis heute ist der gut vermarktete Mozart-Effekt umstritten geblieben. Während einige Arbeitsgruppen die intelligenzfördernde Wirkung von Musik im Allgemeinen und von Mozart im Besonderen bestreiten, fanden andere sie bestätigt.

Stefan Koelsch vom Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften in Leipzig ist zum Beispiel überzeugt, dass Musikunterricht vor allem die sprachlichen Leistungen von Kindern erhöht.

Hirnwellen von Chorknaben

Er verglich Jungen des Leipziger Thomanerchors mit Gleichaltrigen ohne musikalische Ausbildung. Dazu hat er Hirnwellen gemessen, die anzeigen, ob die Versuchsperson merkt, dass im Aufbau eines Satzes etwas nicht stimmt.

"Die Chorknaben haben viel ausgeprägtere Reaktionen gezeigt als andere Kinder", sagt Koelsch. Er ist daher sicher: "Die musikalische Ausbildung fördert die Sprachentwicklung."

Den Beweis aber, dass die kleinen Sänger Texte wirklich besser verstehen oder geschickter formulieren können als ihre Altersgenossen, hat Koelsch nicht erbracht. Diesen Aspekt hat er gar nicht untersucht.

Frances Rauscher, die vor 13 Jahren den Mozart-Effekt beschrieben hat, ist dagegen zurückhaltender geworden. Ihre aktuellen Ergebnisse bestätigen sie nicht eben in der Überzeugung, musikalische Förderung mache Kinder schlauer. Im Rahmen ihrer Studien erhielten Kinder aus sozial benachteiligten Familien drei Jahre lang Keyboard-Unterricht.

Musikunterricht schon im Kindergartenalter

Danach seien ihr räumliches Vorstellungsvermögen sowie die Leistungen im Rechnen etwas besser gewesen als bei Mitschülern ohne Musikunterricht, berichtete die Psychologin, die inzwischen an der University of Wisconsin arbeitet.

Allerdings fand sich der Effekt nur, wenn der Musikunterricht schon im Kindergartenalter begann. Und für die Sprachentwicklung haben die speziellen Musikklassen gar nichts gebracht - gleich, in welchem Alter sie begannen.

Dagegen verwies der Musikwissenschaftler Hans Günther Bastian von der Universität Frankfurt auf eindrucksvolle Erfolge einer Musikerziehung an Berliner Grundschulen. Nicht nur der Intelligenzquotient sei durch die Musik gestiegen, auch das Sozialverhalten habe sich stark verbessert, so Bastian.

Der Psychologe Oliver Vitouch von der Universität Klagenfurt bleibt dennoch skeptisch: "Es ist fraglich, ob die Leistungssteigerungen durch den Musikunterricht zustandekommen", sagt er.

Spezielle Förderung im Theaterspielen oder Sport hätten womöglich die gleiche Wirkung. "Da entsprechende Kontrollgruppen fehlen, ist ein Alleinstellungsmerkmal der Musik nicht zu erkennen."

Auch der Psychiater Manfred Spitzer stellt fest: "Nach den vorliegenden Daten gibt es keinen Mozart-Effekt", der Grundfähigkeiten verbessert. Spitzer glaubt schon gar nicht, dass eine Musikberieselung oder der Zwang zum täglichen Klavierüben die Intelligenz fördert.

"Druck verhindert Kreativität"

"Wer unter Druck lernt, aktiviert das Angstzentrum im Gehirn, den Mandelkern", erläutert er. Damit aber würden beim Erinnern an das Erlernte immer auch die Ängste aktiviert. "Das verhindert Kreativität."

Ohne äußeren Zwang ausgeübt, könne Musik dagegen Ängste besiegen, das Sozialverhalten fördern und Lernprozesse unterstützen, so der Psychiater: "Musik schaltet den Mandelkern aus und das Belohnungssystem im Gehirn an. Wir pfeifen nicht ohne Grund, wenn wir in den dunklen Keller gehen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.913221
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 12.10.2006
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.