Süddeutsche Zeitung

Exotisches Virus:Tod aus der Leckerei

Immer wieder werden bislang unbekannte, tödliche Krankheitserreger entdeckt. In Bangladesch haben Ärzte ein exotisches Virus enträtselt, das bereits 111 Menschen getötet hat.

Richard Stone

Als Anwara Begum am 28. Dezember 2010 hohes Fieber bekam, dachte sie zunächst an Grippe. Sie wurde schwächer und schwächer. Im Krankenhaus behandelten die Ärzte zwei Tage später nur ihre Diarrhö und schickten sie heim. Doch schon bei der Rückkehr in ihr Haus in Rajbari, wo in Bangladesch Ganges und ein Brahmaputra-Arm zusammenfließen, war die Frau zu schwach, um zu sprechen - sie starb am Morgen des 1. Januar.

Drei Tage später erkrankte ihre zweijährige Tochter Dilruba. Bevor Ärzte im Nachbarort Faridpur sie auf eine Isolierstation bringen konnten, war auch das Mädchen tot.

Erst anhand von Blutproben der Kleinen stellten Experten des Institute for Epidemiology, Disease Control and Research (IEDCR) in der Hauptstadt Dhaka eine Diagnose. Dilruba war dem Nipah-Virus zum Opfer gefallen.

Der Erreger wurde erst 1999 entdeckt. Er ist nicht weit verbreitet, aber keineswegs harmlos. Nur einer von vier Infizierten überlebt und behält oft schwere neurologische Schäden zurück. Nipahs wichtigstes Symptom ist eine Gehirnentzündung. "Gesunde junge Menschen sterben daran, und sie sterben in Gruppen", sagt Stephen Luby von der amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control (CDC), der seit 2004 in Dhaka arbeitet. "Das Virus bedeutet eine Krise für die Gemeinden."

Zurzeit ist nur eine Region im Westen Bangladeschs betroffen, wo 111 Menschen gestorben sind. Das Virus schlägt vor allem in den Wintermonaten zu, das schlimmste Jahr war 2004 mit 50Toten. Aber auch in diesem Winter gab es schon 27 Opfer, und die Nipah-Saison dauert noch zwei Monate.

Das Virus war Forschern zum ersten Mal 1998 auf Schweinefarmen in Malaysia aufgefallen. Es wurde nach dem Dorf benannt, in dem es zuerst isoliert wurde. 106 Menschen kamen bis Juni 1999 in Malaysia und Singapur ums Leben, 40 Prozent der Erkrankten.

Aufnahmen mit einem Elektronenmikroskop der CDC in Fort Collins, Colorado, bestätigten den Verdacht, dass Nipah ein Paramyxovirus ist, verwandt mit Masern, Mumps und dem aus Australien stammenden Hendra-Erreger.

Das brachte die Forscher auf die Fährte. Viren dieses Typs werden bei engem Kontakt, durch Speichel oder Auswurf übertragen. Und bei Hendra hatte man sogenannte Flughunde, große Fledermäuse, als natürliches Reservoir des Virus identifiziert. Offenbar waren in Malaysia Tiere einer verwandten Art Auslöser des Leidens.

Malaysia bekam den Ausbruch schließlich in den Griff. Doch zwei Jahre später tauchte Nipah 2500 Kilometer nordwestlich in Bangladesch und Indien auf. Einiges hatte sich geändert: Die Infektionen gingen nicht von Schweinefarmen aus, das war in einer muslimischen Gegend auch nicht zu erwarten.

Den Infektionsweg vom Reservoir, vermutlich auch einer Fledermaus, in die Bevölkerung kannten die Forscher nicht. Die Sterblichkeit hatte sich fast verdoppelt - auch weil die Gesundheitsversorgung in Bangladesch schlechter als in Malaysia ist.

Seit 2003 gibt es die Ausbrüche nur noch im Westen von Bangladesch. Hier sind die Forscher auch der Übertragungsroute auf die Spur gekommen. Sie hat mit der Arbeit zu tun, die Badsha Shaik im Winter ausübt. Er ist dann ein Gachhi, sammelt also Palmensaft, der zu dieser Jahreszeit süß ist.

Shaik klettert jeweils am späten Nachmittag auf die Bäume, macht V-förmige Schlitze in den Stamm direkt unter den Palmwedeln. Über Nacht tropft der Saft in ein Gefäß, und Shaik holt es vor Sonnenaufgang herunter, bevor die Flüssigkeit gärt. Der meiste Saft wird zu Sirup eingekocht, aber das Beste wird roh getrunken. Kinder lieben es mit Puffreis.

Inzwischen wissen Forscher, dass Fledermäuse nachts den Palmensaft auflecken und Speichel und Urin in den Gefäßen hinterlassen: 2008 lieferten Infrarotkameras mit Bewegungsmeldern die Belege. Der Palmensaft erwies sich als Bindeglied vieler Erkrankungen, die nicht auf eine Ansteckung von Mensch zu Mensch zurückzuführen waren.

Um die Infektionen zu stoppen, "müssen die Leute aufhören, rohen Palmensaft zu trinken", sagt IEDCR-Direktor Rahman. Das dürfte schwer werden, der Konsum ist alte Tradition in Bengalen. Aber die Tradition enthält womöglich auch eine Lösung.

Früher wurden die Schnittstellen und Sammelgefäße mit Bambus-Brettchen geschützt, wie ein Anthropologe entdeckte. Seit 2007 ermuntert ein internationales Zentrum in Dhaka die Gachhi, wieder Bambusschürzen aufzuhängen. "Sie halten die Fledermäuse fern, der Saft ist sauberer", sagt CDC-Mann Luby. Dieses Jahr wird das Programm mit amerikanischer Entwicklungshilfe erweitert, nun kommen Jute und Plastik zum Einsatz.

Von Dorf zu Dorf sind die Helfer gegangen und haben auf Gemeindeversammlungen erklärt, wie gefährlich der rohe Palmensaft sein kann, und wie wichtig die Schürzen an den Zapfstellen sind. Die Besitzer der Dattelpalmen scheinen sich für das Konzept zu erwärmen: "Ich kann auf den rohen Palmensaft verzichten, aber es ist schwer, meine Kinder davon abzuhalten", sagt Abdus Sobhan Shaik, der jetzt auf zwei seiner 20 Palmen eine Juteschürze benutzt.

Die Informationskampagne hätte Anwara Begum und ihre Tochter womöglich retten können. Begum hat im Dezember mindestens dreimal den süßen Saft getrunken. Jedesmal hatte sie die Delikatesse mit anderen Frauen geteilt. Warum keine von ihnen erkrankte, ist ein ungelöstes Rätsel.

Dieser Text erscheint heute im Original im Wissenschaftsmagazin Science, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.sciencemag.org, www. aaas.org.

Dt. Bearbeitung: cris

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Quelle:
SZ vom 04.03.2011/mcs/cat
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