Süddeutsche Zeitung

Ernährung:Was zum Leben reicht

Wie können alle Menschen auf der Welt satt werden, ohne den Planeten komplett auszubeuten? Experten haben einen Speiseplan erstellt, der das möglich macht - aber Ernährungs­gewohnheiten infrage stellt.

Sieben Gramm Rindfleisch pro Tag. So einfach soll das Rezept sein, nicht nur für ein gesünderes Leben, sondern auch für einen gesunden Planeten. Dabei handelt es sich natürlich nur um einen Durchschnittswert - um einen von vielen, den eine Gruppe von Experten jetzt in einer Art Ernährungsplan für die Welt zusammengestellt hat. Erklärtes Ziel: eine wachsende Bevölkerung gesund zu ernähren, ohne dabei den Planeten zu zerstören.

Selbstverständlich muss nicht jeder Mensch jeden Tag exakt ein Mikrosteak verzehren, um sich und der Erde etwas Gutes zu tun. Die obskur klingende Menge ist einer von vielen errechneten Werten, auf die sich das 37-köpfige Gremium der "EAT- Lancet Kommission" einigen konnte, eine Kooperation der privatfinanzierten Ernährungs- und Umweltschutzorganisation "The EAT" aus Oslo und der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet. Drei Jahre lang haben die Fachleute für Ernährung, Landwirtschaft, Ökologie, Wirtschaft und Politikberatung zusammengesessen, um diese Zutatenliste zu erstellen - mit Blick sowohl auf die Gesundheit des einzelnen Menschen als auch auf die des gesamten Planeten.

Bis zu 11,6 Millionen Todesfälle wegen falscher Ernährung könnten sich vermeiden lassen

Bis zum Jahr 2050 soll die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen anwachsen. Um jeden einzelnen davon gesund zu ernähren, wären die berechneten Nahrungsmittelmengen pro Person nötig. Diese zu produzieren sollte, so die Kommission, ökologisch und nachhaltig möglich sein, vorausgesetzt, das Landwirtschaftssystem werde entsprechend umgebaut.

In dem Bericht der Kommission heißt es, bereits heute seien drei Milliarden Menschen fehlernährt, mehr als 800 Millionen Menschen hätten nicht genug zu essen, mehr als zwei Milliarden Menschen lebten mit Übergewicht. Die Zahl der Diabetiker habe sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verdoppelt. Gleichzeitig sei die Nahrungsmittelproduktion für die großflächige Zerstörung der Umwelt verantwortlich. Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie verursachen etwa ein Drittel der menschengemachten Treibhausgasemissionen, verbrauchen riesige Landflächen und Wassermassen. Die beiden Probleme, menschliche Gesundheit und Integrität des Ökosystems Erde, möchte die Kommission gerne mit einem Handstreich lösen.

Bis zu 11,6 Millionen ernährungsbedingte Todesfälle sollen sich mit dem globalen Ernährungsplan vermeiden lassen. Neben dem Rinder-Happen stehen darauf auch noch weitere sieben Gramm Schweinefleisch pro Tag, 250 Gramm Milch oder Milchprodukte, etwa 230 Gramm Getreide, 50 Gramm Kartoffeln oder andere stärkehaltige Knollen, circa 0,2 Eier, 25 Gramm Erdnüsse, 25 Gramm Soja, 50 Gramm Bohnen oder Linsen, ein Hauch Schweinefett - aber keine Butter. Beim Gemüse gibt es sogar Farbempfehlungen: 100 Gramm sollten dunkelgrün sein wie Spinat oder Mangold, 100 Gramm rot oder orangefarben, wie rote Bete, Rotkohl oder Karotten - auch wegen der gesundheitsfördernden sekundären Pflanzenstoffe, die diese Sorten enthalten. Beim letzen Gemüsedrittel gibt es freie Auswahl. Dazu 200 Gramm Obst.

Der Ernährungsplan sieht 2500 Kilokalorien pro Tag vor. Für Sportler wäre das arg wenig

Alles zusammen stellt dem Körper etwa 2500 Kilokalorien zur Verfügung, reichlich für mittelgroße, halbwegs aktive Erwachsene. In manchen Ländern wäre das eine extrem üppige Zufuhr, für Schwerstarbeiter sicher Magerkost und nicht nur daran lässt sich erkennen, dass die Empfehlungen höchstens eine Orientierung liefern können.

Ob diese Einheitskost auch für alle Menschen gleichermaßen gesund wäre, lässt die Kommission jedoch offen. Sie geht nicht auf genetische Unterschiede der Bevölkerungsgruppen ein. Immerhin gibt die Kommission für die meisten Zutaten eine umwelt- und gesundheitsverträgliche Spanne an, beim Rindfleisch etwa liegt die Menge zwischen 0 und 15 Gramm pro Tag, Bohnen: 0 bis 100 Gramm, Obst: 100 bis 300 Gramm - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dies erlaube genug Flexibilität, um alle Ernährungsstile, Anbausysteme und kulturelle Traditionen zu berücksichtigen, sagt Kommissionsmitglied und Ernährungsexperte Walter Willett von der Harvard University. Wer sich vegetarisch ernähren will, lässt das Fleisch weg und erhöht die anderen Proteinkomponenten, genauso verfahren Menschen mit veganer Ernährungsweise oder mit Lebensmittelallergien, die aus gesundheitlichen Gründen auf einzelne empfohlene Lebensmittel verzichten müssen.

Wenn jedoch diese Durchschnittswerte eingehalten würden, sollte sich nach den Berechnungen der Kommission die Weltbevölkerung in Jahr 2050 ohne Mangel so ernähren lassen, dass der Planet nicht noch mehr geschunden wird als zurzeit. Wie schwierig das wird, zeigen ein paar Zahlen: In Nordamerika wird zurzeit etwa die sechseinhalbfache Menge der empfohlenen Fleischration gegessen, in Teilen Asiens nur die Hälfte. Alle Länder verzehren zu viel stärkehaltige Gemüsesorten wie Kartoffeln, in den Ländern südlich der Sahara gleich siebeneinhalb Mal so viel, wie empfohlen. Insgesamt muss der Konsum von rotem Fleisch und Zucker halbiert und der Verzehr von Nüssen, Früchten und Gemüse verdoppelt werden.

Um das zu erreichen, schlagen die Expertinnen und Experten eine fünfteilige Strategie vor. Darunter wahrscheinlich die höchste Hürde: Die Bevölkerung dazu zu bringen, sich für die gesunde Ernährungsweise zu begeistern. Dazu müssten die empfohlenen Lebensmittel in allen Ländern verfügbar sein, und das zu einem bezahlbaren Preis.

Zudem müsste die Landwirtschaft so reformiert werden, dass sie große Mengen nährstoffreicher Lebensmittel liefert. Wasser und Dünger müssten effektiver genutzt und neue ökologische Anbauverfahren entwickelt werden, die mehr Biodiversität möglich machen. Die Nutzung der Landflächen, Meere und Gewässer müsse neu geordnet und der Abfall der Lebensmittelindustrie mindestens halbiert werden.

All das bis 2050 zu erreichen, sei kein einfaches Unterfangen, das versichert die Kommission in ihrem Bericht. Aber durchaus machbar.

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Quelle:
SZ vom 18.01.2019
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