Süddeutsche Zeitung

Drogen-Forschung:Die "Grüne Fee" ist entzaubert

Der Legende zufolge stimuliert Absinth zu kulturellen Höchstleistungen wie jenen von Oscar Wilde oder Henri de Toulouse-Lautrec. Doch der Kräuterschnaps enthält kaum psychoaktive Substanzen - außer Alkohol.

Sebastian Herrmann

Absinth ist von Legenden umgeben. Wer nur genug von dem Kräuterschnaps trinke, dem ergehe es wie einst Oscar Wilde, Vincent van Gogh, Paul Gauguin oder Henri de Toulouse-Lautrec, heißt es oft. Dem erscheine die "Grüne Fee" und stimuliere ihn zu kulturellen Höchstleistungen.

Absinth - so die Legende - rufe nicht nur einen Alkoholrausch hervor. Der Schnaps versetze seinen Trinker in ganz andere Zustände. Als Auslöser dieser Bewusstseinsveränderung galt lange Zeit der Stoff Thujon, der aus Wermutkraut gewonnen wird.

Doch eine Analyse alter Flaschen zeigt nun: Absinth, der im 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts getrunken wurde, enthält fast kein Thujon (Journal of Agricultural and Food Chemistry, online).

Das einzige psychoaktive Gift der Grünen Fee sei Alkohol gewesen, sagen Wissenschaftler um Dirk Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt in Karlsruhe. Davon enthält Absinth aber reichlich, bis zu 75 Volumenprozent.

Der Schnaps aus Wermut, Fenchel, Anis und weiteren Kräutern verdankt seinen Ruf den vielen Künstlern, die ihn mit Wasser verdünnt genossen. Wegen der angeblichen Folgen übermäßigen Konsums wurde Absinth 1915 in Frankreich verboten. Absinthiker litten angeblich an Wahnvorstellungen, Krämpfen oder verloren ihr Augenlicht.

Daran sei die hohe Thujon-Konzentration Schuld gewesen, die etwa der britische Suchtforscher John Strang 1999 im British Medical Journal unter Berufung auf historische Quellen mit 260 Milligramm pro Liter angab - viel zu viel wie sich nun zeigt.

Wenig Thujon in der Flasche

Lachenmeier und David Nathan-Meister, der ein "Online-Absinth-Museum" betreibt, fahndeten für ihre Studie nach alten Absinth-Flaschen. Der Schnaps musste vor 1915 abgefüllt worden sein. "Wir haben nur Flaschen genommen, die versiegelt waren und noch ein Etikett hatten", sagt Lachenmeier.

Fündig wurden sie unter anderem in Weinkellern in Frankreich, der Schweiz und den USA. Den Schnaps hatten Absinth-Freunde vor 1915 eingelagert, als sich ein Verbot der Spirituose abzeichnete.

Für die Studie analysierte Lachenmeier den Inhalt von 13 Flaschen. Im Schnitt enthielten diese nur 25,4 Milligramm Thujon je Liter. Die Marke mit dem höchsten Thujon-Anteil hatte einen Gehalt von 48,3 Milligramm pro Liter, die mit dem geringsten 0,5 - viel weniger also als die oft zitierten 260 Milligramm pro Liter. Dass sich die Substanz im Laufe der Jahre abgebaut hat, schließt Lachenmeier aus. "Thujon ist sehr stabil und wir haben keine Spuren von Abbauprodukten gefunden."

Seit 1998 wird in vielen europäischen Staaten wieder Absinth verkauft, der laut EU-Richtlinie maximal 35 Milligramm Thujon je Liter enthalten darf. Das wäre etwa so viel Thujon wie vor knapp 100 Jahren. Ist die Grüne Fee also noch am Leben? Die psychoaktive Wirkung von Absinth und Thujon sei schon immer ein Märchen gewesen, sagt Lachenmeier.

Begründet wurde dieses, als man im 19. Jahrhundert Tieren Wermutöl verabreichte, das auf Französisch so heißt wie der Schnaps - Absinthe. Dieses enorm konzentrierte Thujon habe bei den Versuchstieren meist tödliche Krämpfe ausgelöst. Aber für einen reinen Thujon-Rausch müsse man weit mehr als 260 Milligramm zu sich nehmen. Das ist angesichts des enormen Alkoholgehalts von Absinth praktisch unmöglich.

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SZ vom 06.05.2008/mcs
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