Süddeutsche Zeitung

Ernährung:Nutzen von Intervallfasten nicht erwiesen

Die dünne Studienlage zeigt keine Vorteile im Vergleich zur Diät nach Stechuhr - die Risiken sind unklar.

Kommentar von Werner Bartens

Manchmal ist der Wille zur Wirkung größer als die wissenschaftliche Beweiskraft. Das gilt für einige Methoden der konventionellen Medizin, für etliche alternative Verfahren, aber auch für den großen Grenzbereich zwischen Erfahrungswissen, Volksglauben und dem alltäglichen Irrsinn, den Menschen gelegentlich mit sich anstellen. Populäres Beispiel ist das Intervallfasten. Es erfreut sich großer Beliebtheit, und zu Recht vergessene Schauspielerinnen, selbsternannte Ernährungsexperten und andere hauptberufliche Ego-Darsteller schwärmen davon. Schließlich haben sie es ja selbst ausprobiert - außerdem gibt es "Studien".

Ein Nutzennachweis für das Intervallfasten ist bislang nicht erbracht

Genau damit beginnt das Problem. Die Studienlage zum Intervallfasten ist äußerst dürftig - aller noch so positiven Selbsterfahrungen zum Trotz. Die Methode, über längere Zeit am Tag (16:8-Methode) oder während der Woche (5:2) keine Kalorien zu sich zu nehmen, wird hauptsächlich mit Studien beworben, die auf Tierversuche zurückgehen. Bei manchen Tieren hat diese Art der Kalorienreduktion günstige Auswirkungen auf den Stoffwechsel gehabt oder dazu geführt, dass sie länger lebten. Längst nicht bei allen Tiermodellen funktionierte das - außerdem sind Tierversuche nur selten aussagekräftig für Menschen. Und beim Menschen ist der Nutzennachweis bisher schlicht nicht erbracht. Studien während des Ramadans zeigten nur sehr kurzfristige Effekte, bei Zuckerkranken wurde sogar eine Verschlechterung der Stoffwechsellage beschrieben.

Klar, wer täglich weniger isst, aber ähnlich viel Energie verbraucht wie zuvor, wird abnehmen, egal in welchen Zeitabständen die Nahrung aufgenommen wird. In einer jüngst veröffentlichten Studie hatte Intervallfasten im Vergleich zu einer traditionellen kalorienreduzierten Diät jedoch auch keine Vorteile beim Abnehmen. Inzwischen ist es sogar fraglich, ob die Methode zwar unwirksam, aber harmlos ist - oder schädlich. In etlichen Studien nahmen die Teilnehmer vor allem ab, indem sie Muskelmasse verloren. Doch auch dieses potenzielle Risiko sollte nicht überbetont werden. Insgesamt gilt für angebliche Vor- wie Nachteile: Die Datenlage ist dünner als manche Fastenjünger. Es gibt zwar zahlreiche Studien, doch diese sind zu klein, zu kurz oder aus anderen Gründen unzureichend. Medizinisch empfehlen kann man Intervallfasten daher nicht, nicht mal als unbedenklichen Essens-Spleen.

Wer sich trotzdem gut damit fühlt, kann natürlich nach Stechuhr essen. Aber bitte ohne missionarischen Eifer und öffentliche Wichtigtuerei. Was theoretisch prima klingt, muss praktisch nicht wirksam sein. Doch immerhin: Der Glaube, sich damit etwas Gutes zu tun, hat eine positive Wirkung auf Körper und Geist. Das ist übrigens wissenschaftlich erwiesen.

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