Süddeutsche Zeitung

Brutalität und Ernährung:Vitamine für die harten Jungs

Macht eine gesunde Ernährung Menschen weniger aggressiv? Britische Forscher wollten das herausfinden - durch Tests mit Gewaltverbrechern.

John Bohannon

Mittagszeit im schottischen Polmont-Gefängnis. Die Insassen kommen aus ihren Zellen und versammeln sich an einem Karren mit dampfenden Töpfen. Sie beladen ihre Tabletts mit dem typischen Essen - Brot, Suppe, Wurst. Hier in Falkirk, zwischen Edinburgh und Glasgow, leben 700 junge Männer von 16 bis 21Jahren.

Sie wurden für Gewalttaten verurteilt, manche davon so brutal, dass sie Schlagzeilen machten. Etliche der Männer werden "Her Majesty's Young Offenders Prison" erst verlassen, wenn sie als Erwachsene woanders eine lebenslange Haftstrafe antreten. Darum rechnen die Wärter ständig mit dem Ausbruch von Gewalt unter den Heranwachsenden.

Doch die Insassen stellen sich friedlich an dem Tisch an, hinter dem Wissenschaftler mit rosa-farbenen Hemden sitzen; die schreiende Farbe soll sie vom Gefängnispersonal unterscheiden. Einer der jungen Männer stellt sein Tablett vor der Psychologin Lisa Gilmour ab. Sie findet seinen Namen auf der Liste der Freiwilligen und sucht anhand einer Codenummer einen Beutel mit Pillen heraus. Dann schaut sie zu, wie der junge Mann seine Ration mit Wasser hinunterspült.

Vitamine, Fettsäuren - oder nur Speisestärke

Die Pillen enthalten entweder Vitamine, Mineralien und essentielle Fettsäuren - oder als Placebo bei gleichem Aussehen nur Speisestärke. Weder die Gefangenen noch Lisa Gilmour noch die Gefängniswärter wissen, wer welche Pillen bekommt. Die Freiwilligen wurden per Zufall der Experiment- oder Kontrollgruppe zugeordnet. Das Gefängnis ist ein ungewöhnlicher Schauplatz für eine solche Doppel-Blind-Studie, aber genau der richtige Ort, um eine Frage zu beantworten, die Verhaltensforscher seit einem Jahrhundert bewegt: Ist Mangelernährung ein Grund für Gewalt? Können Nahrungszusätze Aggression dämpfen?

Diese Hypothese untersucht Bernard Gesch von der Oxford University, der die Pillenausgabe in Falkirk aus dem Hintergrund verfolgt. Er hat Belege für seine Idee: 2002 veröffentlichte er eine Studie an 200 Gefangenen im Aylesbury-Gefängnis nordwestlich von London. Wer dort die Nahrungszusätze bekam, verübte um 35 Prozent weniger gewalttätige Verstöße gegen die Gefängnisordnung.

Danach musste Gesch Justizverwaltung und Geldgeber jahrelang umwerben, bis sie ihm Zugang zu 1000 Gefangenen in Polmont und zwei anderen Gefängnissen gewährten und die Studie mit 1,4 Millionen Pfund (etwa 1,5 Millionen Euro) finanzierten. Das Experiment ist auf drei Jahre angelegt und läuft seit diesem Frühling. Gesch möchte diesmal nicht nur Berichte der Wärter über das Verhalten der Häftlinge auswerten, sondern auch die Blutwerte der Insassen kontrollieren sowie deren Verhalten und die geistigen Leistungen mit Tests am Computer analysieren. Es geht um die Frage: Wie wirken Vitamine gegen Gewalt?

Auf der nächsten Seite: Warum der Erforschung von Gewalt durch mangelhafte Ernährung der Ruf einer Pseudowissenschaft anhaftet.

Zu wenig Placebo-Studien

Gesch steht mit seiner Hypothese nicht allein. Unter anderem hat eine niederländische Studie, die zur Veröffentlichung eingereicht ist, ähnliche Effekte gezeigt. Schon 1892 hatte der italienische Kriminologe Cesare Lombroso einen Zusammenhang vermutet. Damals hätten auffallend viele der bombenwerfenden Terroristen jener Tage an Pellagra gelitten, berichtete er. Die Krankheit wird, wie man heute weiß, durch eine einseitige Ernährung mit Mais ausgelöst, die zu wenig Vitamin B3 enthält. In den 1960-Jahren behauptete dann der nobelpreis-gekrönte Chemiker Linus Pauling, alle psychischen Krankheiten ließen sich durch Gaben von Vitaminen und Nährstoffen behandeln.

Ruch der Pseudowissenschaft

"Dieses Fachgebiet hat viele übertriebene Behauptungen gesehen und zu wenige placebo-kontrollierte Studien", sagt der Psychiater Eugene Arnold von der Ohio State University in Columbus. Die irreführende Publicity der Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln habe die Forscher in den Ruch der Pseudowissenschaft gebracht.

Gesch hat das wenig gestört, als er seine Forschung begann. Er hat ursprünglich Physik studiert, sich dann aber der Sozialarbeit zugewandt. In der Mitte der 1980er-Jahre lud er Jugendliche, die im Konflikt mit dem Gesetz standen, zum gemeinsamen Kochen und Essen ein. Er hoffte, sie würden sich beim Gespräch am Tisch öffnen und von ihren Problemen sprechen. Viele von ihnen hätten sich tatsächlich geändert, sagt Gesch. Aber das habe vor allem daran gelegen, dass die Jugendlichen ihre unregelmäßige Fast-Food-Kost aufgaben.

Um diese Idee zu testen, wandte er sich an das Aylesbury-Gefängnis. Der Direktor stimmte zu, Gesch sollte die Häftlinge selbst überreden. "Ich habe mich heiser geschrieen", erzählt er lachend, niemand hörte ihm zu. Erst als er sich nach dem größten, härtesten Kerl erkundigt und diesen im Zweiergespräch überredet hatte, machten 231 weitere Gefangene mit - und lieferten Gesch einen Beleg für seine Theorie.

Für die Nahrung ein paar Euro

"Offenbar war was dran an der These", sagt Stephen Wong vom Institut für seelische Gesundheit in Nottingham. "Sie musste nur repliziert werden." Diese unabhängige Bestätigung zu arrangieren, war aber schwierig. "Es gibt sehr viel Widerstand dagegen, die Gefängnisse zu verbessern", sagt David Ramsbothom, ehemaliger Chief Inspector des britischen Gefängnis-Systems. Das liege offenbar "an der einfältigen, Hart-gegen-Verbrechen-Politik".

Nun ist Gefängnisessen selten beruhigend für die Nerven. Die Gefangenen in Polmont beschweren sich alle, ihre Mahlzeiten seien weder schmackhaft noch frisch. Das ist auch kein Wunder: Für die Nahrung sind nur ein paar Euro pro Tag und Gefangenem eingeplant. Und in der Zeit, die das Essen von der Küche durch die Sicherheitskontrollen bis zum Zellenblock braucht, wird es lauwarm und labberig.

Das ist zwar wohl nicht der Grund, warum falsches Essen aggressiv machen könnte. Genaugenommen wissen die Forscher aber nicht, wie der beobachtete Effekt entsteht. Es könnte sein, dass ein Mangel an Omega-3-Fettsäuren die Zellen trifft, die für die Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zuständig sind. Oder dass die Neuronen, mit denen das Gehirn lernt, unter Vitamin-B-Defiziten leiden. Die Blutwerte der Polmont-Insassen sollen helfen, die Frage zu klären.

Gesch und sein Oxford-Kollege John Stein erwarten keine einfache Antwort. "In der Ernährung geht es um Balance", sagt er. "Das hier ist keine Pharmakologie." Daher dürfe man kein Allheilmittel gegen Kriminalität erwarten. Stein ergänzt, dass gerade die Impulskontrolle sehr wichtig sein könnte, die vielen Häftlingen fehlt. "Es kommt auf den Moment an", erklärt Craig, ein 19-jähriger Gefangener mit Gang-Tattoos. "Du kannst jemanden schlagen oder einfach weggehen." Die Forscher testen ihre Probanden daher mit einem Computerspiel, bei dem sie auf "Los"-Signale reagieren, aber Stopp-Zeichen beachten sollen.

Ob sich ein Effekt auch außerhalb eines Gefängnisses zeigen könnte, untersuchen derweil etliche Kollegen von Gesch mit kontrollierten Studien. Der Psychologe Adriane Raine von der University of Pennsylvania zum Beispiel verteilt an Kinder seiner Heimatstdt Philadelphia und in Singapur Tabletten mit Omega-3-Fettsäuren.

Gewalt hat Geschs Team im Polmont-Gefängnis übrigens bisher nur einmal erlebt. Ein Häftling zog ein Plastikmesser und bedrohte die Forscher in den rosa Hemden. "Er wollte seine Pillen sofort haben", sagt Gesch. Niemand wurde verletzt.

Dieser Text ist im aktuellen Heft von Science erschienen, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen www.sciencemag.org, www.aaas.org. Deutsche Bearbeitung: Christopher Schrader

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Quelle:
SZ vom 01.10.2009/jug
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