Süddeutsche Zeitung

Akustik:Ruhe jetzt

In einer lärmenden Welt ist die Stille zum Luxusprodukt geworden. Doch wenn alle Geräusche verstummen, sollte man laut "Alarm!" schreien.

Wir suchen sie, wir fürchten sie. "Ruhe, jetzt!" würden wir am liebsten brüllen, wenn uns der Lärm der anderen quält, das Piepsen der Elektronik, das Handygequatsche in der U-Bahn, das Dröhnen des Verkehrs. Ärgerlicherweise - Rätsel der Evolution - lassen sich die Augen, nicht aber die Ohren zuklappen. Doch auch absolute Ruhe irritiert ein auf Empfang gestelltes Gehirn.

Das wird manchmal vergessen in all den Wohlfühlratgebern, Achtsamkeit-Seminaren, Schweige-Retreats, in denen so getan wird, als sei Stille immer nur Wellness für die Seele. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass Ruhe ein rares Gut geworden ist, vor allem wenn man sie nicht nur streng akustisch versteht. Denn laut war es bereits vor Jahrhunderten, zumindest in den Städten. Das Getrappel der Pferdehufe, das Hämmern der Blechschmiede muss die Ohren betäubt haben. Doch die Menschen blieben - Stadtluft macht frei.

Selbst vom Dröhnen der Maschinen seit der Industriellen Revolution fühlten sich viele Menschen auch hingerissen, kündete es doch von etwas Neuem und Aufregenden. Es hat seinen Grund, dass Ohropax erst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfunden worden ist. Das heutige unbedingte Verlangen nach Ruhe ist was relativ Neues.

Spätesten mit der laufenden Digitalisierung der Welt, dem Lärmen und Blinken bald aller Dinge hat sich erneut was verändert. "Pling" wird bald nicht nur die Email machen, sondern auch die Zahnbürste, die an den Arztbesuch erinnern, der Kühlschrank wird nach neuen Milchtüten quengeln. Die Angriffe auf unsere Aufmerksamkeit weiten sich aus, sie schaffen einen neuen Bedarf nach Ruhe.

Stille ist zu einer knappen Ressource geworden und damit zu einer marktfähigen Ware, vielleicht sogar zu einem Luxusprodukt. Billig ist die Wohnung an der Stadtautobahn, kaum noch bezahlbar das Häuschen im Grünen. Ruhe findet der Reisende nicht im allgemeinen Bereich des Flughafens, wo ihn die Reklametafeln angrinsen, sondern in der Business-Lounge, zu der nur die Passagiere mit den superteuren Tickets Zutritt haben. Muzak beschallt den Konsumenten im Kaufhaus, dicke Teppiche dämpfen jeden Tritt im vornehmen Uhrenladen. Im Touri-Bunker auf Mallorca herrscht Radau, edle Alpenchalets werben mit Abgeschiedenheit, Zimmern ohne TV-Gerät und: Stille. Und wie vermarktet sich ein hochpreisiges Land, das außer Wasser, Mücken und Nadelholzgewächsen nicht so wahnsinnig viel zu bieten hat? Das finnische Fremdenverkehrsamt hat sich den Slogan "Silence, please" ausgedacht. Er gilt als erfolgreich. Silence sells.

In Maßen tut sie dem Menschen auch gut. Nur in der Stille kann er sich konzentrieren und erholen, lesen und lernen. Vielleicht lassen sich manche Entscheidungen erst treffen, wenn man sich ein paar Tage auf eine Berghütte begibt. Einige Forscher verfolgen die Effekte der Stille bereits bis hin zur Biochemie. So sollen zwei Stunden Stille angeblich das Wachstum der Nervenzellen im Gehirn von Mäusen befördern.

Es wäre ein Indiz dafür, dass die Stille nicht nur das Nichts der Akustik ist. Stille wirkt - besonders stark, wenn es zuvor laut war. Die Neuronen im auditorischen Cortex feuern stärker, wenn plötzliche Ruhe einsetzt, vermutlich weil sie ein Signal setzt: Vorsicht, es hat sich was geändert, es könnte gefährlich werden. Viele Tiere verstummen, bevor sie angreifen.

Je ruhiger es um uns ist, desto lauter wird es in uns. In schalltoten Räumen hört man irgendwann das eigene Blut brausen. Auch die Gedanken fangen an zu lärmen, weil Ablenkung fehlt. Nur der erfolgreich Meditierende schafft es dann, sie einfach an sich vorbeiziehen zu lassen.

Von ihm kann aber jeder etwas lernen für den Umgang mit den Geräuschen der Welt: Es lässt sich nicht in Dezibel beziffern, wie viel Lärm man erträgt oder wie viel Stille man braucht. Entscheidend ist, welche Gedanken und Gefühle dabei entstehen. Die unterscheiden sich von Kopf zu Kopf. Erhaben ist für manche der Donner im Sommergewitter, beängstigend für die meisten die Totenstille nach einem Anschlag. Doch gehört es zum Schicksal des Menschen, das er sich nicht immer aussuchen kann, was er zu hören hat.

Weltall - Es brummt am Schwarzen Loch

Die ewige Stille dieser unendlichen Räume beunruhige ihn zutiefst, erklärte der Denker Blaise Pascal. So gesehen ist es widersinnig, dass spannende Szenen in Weltraum-Filmen immer wieder mit Geräuschen unterlegt werden. In "Star Wars" schießen Laser mit Elektrosound durchs All, in "Gravity" prasselt Weltraumschrott lautstark auf die Protagonisten. Tatsächlich hört das menschliche Ohr im All nichts. Für die Ausbreitung von Schall im hörbaren Frequenzbereich (circa 20 bis 20 000 Hertz) gibt es nicht genügend Gasatome. Wobei man sagen muss: So ganz leer ist der Weltraum nicht. In unserer Gegend der Milchstraße schwirrt etwa ein Gas-Teilchen, meist Wasserstoff, in drei Kubikzentimetern Weltraum herum. Und an einigen Stellen des Alls kann es richtig wummern. So stellte das Nasa-Teleskop Chandra vor einigen Jahren fest, dass es in der Umgebung eines 250 Millionen Lichtjahre entfernten Schwarzen Lochs lautstark brummt. Die Messgeräte erkannten den Kammerton b, allerdings 57 Oktaven unter dem vom Menschen als angenehm empfundenen Klangspektrum. Patrick Illinger

Klangökologie - Der Wald verstummt

Die erste Aufnahme vom Yuba-Pass ist voller Leben: Spechte klopfen, Wachteln murren, Spatzen dröhnen und im Hintergrund summen Myriaden Insekten. Nur ein Jahr später am selben Ort in Kalifornien ist der Chor der Tiere um etliche Stimmen ärmer geworden, Spatzen und Spechte sind verstummt. Der amerikanische Forscher Bernie Krause hat die beiden Tonaufnahmen gemacht und so die Veränderungen am Fuße der Sierra Nevada Ende der 1980er-Jahre dokumentiert. "Die sonore Stimme der Wiese war verschwunden, der Reichtum verloren", schreibt der Ökologe im Buch "Das große Orchester der Tiere". Was war geschehen? Zwischen beiden Aufnahmen war eine Holzfällerfirma in dem unberührten Gebiet angerückt, im Versprechen, nur einige wenige Bäume zu schlagen, um dem Ökosystem nicht zu schaden. Krause kehrte die nächsten 20 Jahre immer wieder in das Gebiet zurück, um die Klänge der Natur aufzunehmen, doch die einstige Vielfalt sei nie zurückgekehrt.

So ist es leider an vielen Orten, die der heute 79-Jährige besucht hat. Seit fast einem halben Jahrhundert zieht Krause in die wildesten Winkel der Welt, um den Klang der Natur einzufangen. In Alaska floh er vor Wölfen auf einen Baum, in Ruanda warf ihn ein Berggorilla durch die Luft, der etwas gegen den Lauschangriff hatte. Über die

Jahre hat Krause so eines der weltweit größten Klangarchive der Natur geschaffen, auf den Tonaufnahmen sind wohl an die 15 000 Tierarten verewigt. Den Ökologen interessieren aber weniger die Geräusche einzelner Tiere, sondern die Sinfonie, die sie zusammen erzeugen, eine Art akustische Landschaftsaufnahme.

Doch der Sound der Natur droht zu verstummen. Etwa die Hälfte seiner Aufnahmen stammt aus Lebensräumen, "die heute nicht mehr in der ursprünglichen Form existieren", schätzt Krause. Er hat viele Biotope, wo er in frühen Jahren gelauscht hat, später wieder besucht. Manche seien jetzt komplett verändert, beispielsweise durch menschlichen Krach. In anderen sei kaum noch ein Zirpen, Quaken, Jaulen oder ein anderes lebendiges Geräusch hörbar. "Was mir Sorgen macht, ist das Verstummen ganzer Lebensräume", sagt Krause. "Wenn die Stimme eines Ortes weg ist, dann ist auch das Leben in seiner ursprünglichen Form nicht mehr da."

Damit beschreibt Krause die Kernfrage seiner Forschungsdisziplin, der Klangökologie: Wie hängt die akustische Vielfalt eines Ortes mit seiner Artenvielfalt zusammen? Was sagen die Geräusche eines Waldes darüber aus, wie gesund er ist?

Diese Fragen untersuchen Biologen derzeit auch auf 300 Wald- und Wiesenflächen in der Schorfheide Brandenburgs, in den Wäldern Thüringens und auf der Schwäbischen Alb. Ein Jahr lang haben Forscher auf den sogenannten "Biodiversitäts Exploratorien" Mikrofone horchen lassen. "Wir testen den Einfluss der Landnutzung auf die akustische Vielfalt", sagt Sandra Müller von der Uni Freiburg. So könne man beispielsweise ablesen, ob in der Nähe von intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen weniger Heuschrecken singen als in geschützten Gebieten. "Die Methode scheint zu funktionieren", sagt Müller, die Datenauswertung laufe aber noch. Die Forscher interessiert neben der akustischen Vielfalt der Fauna auch der Lärm von Maschinen. So stört Straßenlärm etwa das Gesangsverhalten von Vögeln.

Der menschliche Krach macht vielen Arten zu schaffen. Amerikanische Schaufelfußkröten schützen sich etwa vor Feinden, indem sie alle gemeinsam im Chor singen. Eine einzelne Kröte ist unter dem akustischen Teppich für eine Eule schwerer auszumachen. Donnert ein Düsenjet über die Kröten, gerät das Orchester jedoch aus dem Takt. Die Kröten verraten sich plötzlich mit ihrem Quaken und werden zur leichten Beute. Christoph Behrens

Unterwasser - Fisches Nachtgesang

Man kann Fischen vieles vorwerfen, zum Beispiel, dass sie nicht besonders gut riechen und einen immer so komisch anglotzen. Lästig kann auch sein, dass sie viele Gräten haben. Die Behauptung, dass Fische stumm sind, ist allerdings falsch. Sie haben zwar keine Stimmbänder - trotzdem erzeugen sie Geräusche und kommunizieren: Pazifische Heringe unterhalten sich, indem sie Luft aus ihrer Schwimmblase pressen und geräuschvoll pupsen. Clownfische knirschen mit den Zähnen. Knurrhähne verteidigen ihr Revier mit einem Geräusch, das ähnlich klingt wie das Knurren eines Hundes und das sie mithilfe von Muskeln rund um ihre Schwimmblase von sich geben. Andere Fische reiben die Gelenke ihrer Flossen aneinander oder drücken blubbernd Wasser durch die Kiemen. Piranhas können verschiedene Laute produzieren: Beim Streiten bellen sie, beim Beißen geben sie einen quakenden Laut von sich. Die schöne Vorstellung, dass wenigsten unter Wasser Ruhe herrscht, ist also leider nur eine Illusion. Ein Ort der Stille ist allerdings das Goldfisch-Aquarium. Diese Tiere sind tatsächlich stumm. Dafür können sie hervorragend hören. Tina Baier

Weiße Folter - Angriff auf die Psyche

Die vorwurfsvolle Stille zählt zu den beliebtesten Foltermethoden. Zu leiden haben darunter meist Menschen, die sich in einer Zwangslage befinden, die als Partnerschaft bezeichnet wird. Der Stille gehen in der Regel Alltagskonflikte, Streitereien oder Situationen voraus, die dem strafend angeschwiegenen Partner gar nicht aufgefallen waren. Diese Form der emotionalen Gewalt ist im Partnerschaftskontext beinahe jedem bekannt. Weitaus schmerzhafter wirkt Stille, wenn sie als echtes Folterwerkzeug eingesetzt wird, meist als Bestandteil sogenannter "sensorischer Deprivation". Dabei werden die Opfer von allen Sinneseindrücken ausgeschlossen. In vollkommener Stille und Dunkelheit, beraubt von Berührung, Gerüchen und Kontakten zu anderen Menschen, spielt das Gehirn rasch verrückt. Werden Menschen von Außenreizen abgeschnitten, verändert sich das Bewusstsein, das Opfer erlebt Halluzinationen, wird suggestibel und kann daran zerbrechen. Weiße Folter werden solche Techniken euphemistisch genannt, die keine offensichtlichen Spuren am Körper des Opfers hinterlassen. In die Seele schlägt absolute Stille hingegen tiefe Wunden. Sebastian Herrmann

Schalldämpfer - Bitte nicht knallen

So ganz leise geht es nie ab, wenn eine Waffe abgefeuert wird. Kein Wunder, wenn in einem Stahlrohr eine Sprengladung explodiert, deren Treibgase ein Projektil gewaltsam aus dem Lauf pressen. Am lautesten ist dabei nicht die Kugel, sondern es sind die hinter ihr aus der Mündung quellenden heißen Treibgase. Deren Druckwelle trägt am meisten zum Knall einer Schusswaffe bei. Hinzu kommt je nach Modell ein Überschall-Knall, wenn die Kugel entsprechende Geschwindigkeit erreicht. Um den Lärm zu dämpfen, erfand ein gewisser Hiram Percy Maxim am Beginn des 20. Jahrhunderts den ersten markttauglichen Schalldämpfer für Handfeuerwaffen. Das Patent dafür erhielt er im Jahr 1909. Das von ihm entworfene und bis heute übliche Schalldämpfer-Design besteht aus einem metallischen Zylinder und wird am Ende des Laufs an der Waffe angebracht. Die Druckwelle der Mündungsgase wird in dem Zylinder, dessen Inneres meist in kleine Kammern unterteilt ist, aufgefangen und abgefedert. Die Kugel fliegt ungehindert durch den Metallzylinder und aus einem Loch am Ende ins Freie. Patrick Illinger

Medinzin - Das Schweigen der Organe

Das Zitat wird dem französischen Chirurgen René Leriche zugeschrieben. Er hat nicht etwa an die fehlenden Verdauungsgeräusche kurz vor dem Darmverschluss gedacht, als er vom "Leben im Schweigen der Organe" sprach. Gesundheit hat er damit gemeint. Der Körper macht sich nicht bemerkbar, sondern gluckst und pulst und rauscht so vor sich hin. Er wird das schon machen, er hat ja eine gewisse Erfahrung damit. Diese Selbstvergessenheit lassen allerdings immer weniger Menschen zu. Sie trauen sich und ihrem Körper nicht mehr über den Weg, haben das Gefühl dafür verloren und spüren nicht, was ihnen guttut. In der Folge wollen sie umso verbissener etwas für ihre Gesundheit tun, an ihrer Gesundheit "arbeiten" - doch permanent plagt sie das schlechte Gewissen. Schließlich bekommen sie ja eingeflüstert, mehr Sport zu treiben, sich gesünder zu ernähren, mehr zu trinken und öfter zu entspannen. Das bekommt keiner alles hin; tut man das eine, vernachlässigt man das andere. Dann fühlt man sich ausgelaugt und nur noch gesund auf Probe. Gesund ist das alles nicht und irgendwann werden die Organe laut. Werner Bartens

Schallschutz - Ohren zu

Die Augen kann man zumachen, die Ohren leider nicht. Manchmal schlampt sie halt, die Evolution. Der Mensch hat deshalb den Ohrstöpsel erfunden, den er sich in den Gehörgang stecken kann, wenn er zur Kreissäge greifen oder mit einem nächtlich lärmenden Partner das Bett teilen möchte. Schnarcher können immerhin bis zu 80 Dezibel Schalldruck erzeugen; ab 85 Dezibel drohen Hörschäden. Zumindest bei längerfristigen Beziehungen sollte man deshalb Krachverhütung betreiben. Die gute Nachricht: Egal ob aus Silikon, Polyurethan oder Paraffinwachs in Watte, die meisten Ohrstöpsel erfüllen ihren Dienst, senken also den Lärm um mindestens zehn Dezibel, was einer Halbierung der Lautstärke entspricht. Das zumindest berichtet die Stiftung Warentest. Besonders angenehm zu tragen seien die individuellen Ohrplastiken, die der Hörgeräte-Akustiker anfertigt. Wichtig sei es, auf den Einsatzzweck zu achten. Heimwerker müssen sich eher vor hohen schrillen Frequenzen schützen, Motorradfahrer dagegen sollten eher Modelle wählen, die alle Frequenzen durchlassen. Manchmal ist es sinnvoll, eine Hupe zu hören. Christian Weber

Verkehrslärm - Ruhe in Münster

Wer in die Stadt zieht, der soll über den Lärm nicht klagen - der gehört nun mal dazu. Ruhe gibt es auf dem Land. Je größer der Ort, desto lauter. Doch so einfach ist es nicht, wie eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik vor einigen Jahren im Auftrag der Geers-Stiftung gezeigt hat. Die Wissenschaftler analysierten die Lärmkarten der 27 Städte in Deutschland, die mehr als 250 000 Einwohner haben. Dabei ermittelten sie jeweils die Gesamtfläche der Kommunen, auf der Tag und Nacht ein Lärmpegel von mehr als 55 Dezibel erreicht wird - das entspricht etwa der Lautstärke einer normalen Unterhaltung. Nach diesem Kriterium erwies sich Münster als die leiseste Stadt im Ranking, nur 16,7 Prozent der Fläche überschreiten dort den Grenzwert. Auf den nächsten Plätzen stehen Augsburg (17,0 Prozent), Leipzig (27,6 Prozent), Mannheim (30,8 Prozent), Aachen (31,8 Prozent). Und wenn man schon dabei ist: Die lauteste Stadt ist nicht das große Berlin, das nur auf Platz sechs der lautesten Städte steht. Lärm-Spitzenreiter ist Hannover (69,4 Prozent), gefolgt von Frankfurt am Main (65,6 Prozent) und Nürnberg (61,4 Prozent). Christian Weber

Tonstudio - Am stillsten Ort der Welt

Nein, eine Reise zum Nordpol bringt nichts - pfeifende Winde, Knarzen von Schnee. Auch im tiefsten Bergwerk der Welt, der Mponeng-Mine in Südafrika, 4,1 Kilometer unter der Erde, gluckert es. Und im Kartäuserkloster in den Alpen schweigen zwar die Mönche, aber die Umwelt lärmt schon ein bisschen. Der wirklich stillste Ort der Welt, bestätigt vom Guinness-Buch der Rekorde, findet sich in Minneapolis: in der echofreien Testkammer der Orfield Laboratories, wo unter anderem Harley Davidson die Akustik seiner Motoren testet. Dicke Lagen aus Beton und Stahl schirmen den Raum von der Außenwelt ab, fast ein Meter Glasfaserkeile an den Wänden, Decken und Boden schlucken allen Schall; der Besucher läuft auf einem aufgespannten Drahtgeflecht. So werden alle Hintergrundgeräusche auf minimale -9,4 Dezibel gedämmt. Ja, das geht, denn 0 Dezibel bedeutet nicht absolute Ruhe, sondern markiert nur die Hörschwelle eines optimal hörenden Menschen. Angenehm ist eine solche Ruhe nicht, manche Besucher erlitten schon nach wenigen Minuten in der Kammer eine Panikattacke. Christian Weber

Schnee - Abstürzende Schneeflocken

Der Schnee rieselt stets leise. Ganz, ganz leise fallen die Flocken auf den See, der sich ja ebenfalls dadurch auszeichnet, still und starr dazuliegen. So weit also das bekannte Weihnachtslied, da singt sofort jeder mit - und wenn es nur still im eigenen Schädel hallt. Was aber die Forschung zur Geräuschentwicklung fallender Schneeflocken zu sagen hat, ist hingegen weit weniger geläufig als Text und Melodie des erwähnten Liedes. Stürzen nämlich Schneekristalle auf eine Wasseroberfläche, erzeugen die fragilen Gebilde dabei kurze Ultraschallgeräusche. Wahrscheinlich entstehen die Klänge, weil Schneeflocken einen so luftigen Aufbau haben und es letztlich die Luftblasen sind, die beim Aufprall einen leisen Abschiedsgruß in die Welt seufzen. Doch auch unter Schneeflocken gibt es Plaudertaschen und Schweiger: Letztere scheinen in der Mehrheit zu sein, denn nur etwa jede zehnte Flocke tönt beim Aufprall auf eine Wasserfläche, die anderen bleiben stumm. Die Geräusche haben eine Frequenz von bis zu 100 Kilohertz, weit jenseits des menschlichen Hörvermögens. Wer Flockentöne auf dem Wasser aber wahrnehmen kann, sind Delfine. Sebastian Herrmann

Rhetorik - "Souverän durch Pausen"

SZ: Herr Kramer, als Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation an der Universität Tübingen lehren Sie auch Ihre Studenten, öfter mal Pausen in ihren Präsentationen einzulegen. Wie lange sollen sie dabei still sein?

Olaf Kramer: Das ist abhängig vom Thema, dem Publikum und der Situation. Grundsätzlich aber sollte die rhetorische Pause mindestens drei Sekunden lang sein, sonst wird sie gar nicht als Pause erkennbar.

Das ist nicht leicht auszuhalten.

Ja, gerade ungeübte Redner tun sich oft schwer, so lange innezuhalten. Ich gebe meinen Studenten immer den Tipp, innerlich bis drei, vier oder fünf zu zählen. Wichtig ist, dabei den Blickkontakt zu den Zuhörern und damit die Spannung zu halten.

Soll man Pausen von vornherein einplanen?

Viele Redner tun dies. Ihre Manuskripte sehen aus wie Partituren. Es braucht schon viel Erfahrung, um die spontane Pause zu beherrschen. Ihre Meister haben ein feines Gespür für ihr Publikum und bauen sie in genau den Momenten ein, in denen die Zuhörer sie brauchen. So wie die Stegreifrede gehört die spontane Pause zu den schwersten Übungen der Rhetorik.

Was bewirkt die gelungene Pause?

Die Kunstpause strukturiert die Rede und betont einzelne Aussagen. Sie ist außerdem ein starkes Mittel, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu bündeln. Eine gut gesetzte Pause zieht das Publikum in die Rede hinein und erzeugt Spannung: Was kommt als Nächstes? Die Pause ermöglicht auch dem Redner, kurz nachzudenken. Wo passt das gut hin? Vor wirklich wichtigen Punkten und in hitzigen Diskussionen. Wenn jemand in der allgemeinen Aufregung eine Pause einlegt, strahlt das große Souveränität aus. Auch wenn der Redner sich selbst zu sehr erregt hat, ist eine Zäsur sinnvoll. Dies wirkt ebenfalls viel souveräner als ein durchgehendes hochtönendes Sprechen.

Wo passt sie eher nicht so?

Wer in die Situation kommt, sich rechtfertigen zu müssen, sollte nicht zu lange pausieren. Das schafft Misstrauen. Die Zuhörer glauben dann, der Redner suche nach Ausreden.

Wer beherrschte die Kunstpause besonders gut?

Der späte Helmut Schmidt konnte großartige Pausen machen. Er erzeugte damit starke Spannung und strahlte Souveränität aus. Gerade in Talkshows verweigerte er sich damit dem hektischen Tempo der Medien. Oder Obama: Es ist erstaunlich, wie wenig Text seine Vorträge enthalten. Doch durch langsames Sprechen und Pausen lässt er seine Wörter klingen und die Botschaften wirken. Interview von Berit Uhlmann

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SZ vom 23.12.2017
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