Süddeutsche Zeitung

Absturz des Satelliten "Rosat":Im Taumel zur Erde

In den kommenden Tagen wird erneut ein Satellit abstürzen. Diesmal ist es das ausgediente deutsche Weltraumobservatorium "Rosat". Unfälle können nicht ausgeschlossen werden - auch wenn das Risiko nur gering ist.

Alexander Stirn

Irgendwann in den kommenden Tagen wird ein Satellit, schwer wie ein Kleintransporter und groß wie eine halbe Diesellok, auf die Erde stürzen. Irgendwo werden die Trümmerteile niedergehen, vielleicht im Pazifik, vielleicht in der Sahara, vielleicht auf dem Bodensee.

Wahrscheinlich werden es um die 30 Trümmerteile sein, womöglich aber auch ein tonnenschwerer Klumpen. Sicher ist nur: Lenken oder gar verhindern lässt sich der Absturz nicht.

Im Grunde ist das nichts Ungewöhnliches. Mindestens sechs ausgediente Satelliten sind in diesem Jahr bereits vom Himmel gefallen. Sie sind verbrannt, zerbrochen und haben in mehr oder weniger großen Stücken den Erdboden erreicht. Schäden gab es keine, genauso wenig wie bei den gut zwei Dutzend ausgebrannten Raketenstufen, die 2011 schon in die Erdatmosphäre zurückgefallen sind.

Der Satellit, der nun zwischen dem 21. und 24. Oktober zurück zur Erde stürzen soll, ist ein deutsches Fabrikat - und noch dazu ein besonders massives.

Rosat heißt das Raumfahrzeug. Früher durchsuchte es das All nach Röntgenstrahlen. Es ist das schwerste jemals von Deutschland ins All gehievte Objekt, knapp neun Meter lang, 4,7 Meter breit und 2426 Kilogramm schwer. Bis zu 1,7 Tonnen der Gesamtmasse könnten den feurigen Wiedereintritt in die Atmosphäre überstehen.

"Es kann passieren, dass dabei jemand getroffen wird", sagt Johann-Dietrich Wörner, Vorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Im Vergleich zu den anderen alltäglichen Risiken ist die Wahrscheinlichkeit aber so gering, dass kein Anlass zur Sorge besteht."

Mit eins zu 580 haben die DLR-Experten die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass Rosat beim Wiedereintritt deutschen Boden trifft. Die Gefahr, dass ein Mensch in Deutschland zu Schaden kommt, liegt bei nur 0,0014 Promille. Weltweit wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,5 Promille ein Mensch getroffen werden. Computer haben kalkuliert, welche besiedelten und unbesiedelten Regionen unter der Bahn des Satelliten liegen, und spucken schließlich solche Zahlenwerte aus. Es ist der Versuch, dem winzigen, unvermeidbaren Risiko eine Dimension zu geben.

Kontrollieren lässt sich Rosat jedenfalls schon lange nicht mehr. 18 Monate lang sollte das im Juni 1990 gestartete Röntgenobservatorium ursprünglich durchhalten. Fast neun Jahre sind es dann geworden, eine Erfolgsgeschichte der Weltraumastronomie: Als erstes abbildendes Teleskop hat Rosat den gesamten Himmel nach Röntgenquellen durchforstet und eine Karte mit 80.000 kosmischen Strahlern erstellt. Er hat die Überreste explodierter Sterne im Detail studiert und erstmals entdeckt, dass auch Kometen Röntgenstrahlung aussenden.

Nach und nach quittierten die Instrumente und Steuereinrichtungen an Bord allerdings ihren Dienst. 1998 führte der Ausfall eines Sternensensors dazu, dass das Observatorium in die Sonne blickte und irreparabel beschädigt wurde. Blind und ohne Strom musste Rosat schließlich am 12. Februar 1999 aufgegeben werden.

Die sogar in einer Höhe von 585 Kilometern, in der Rosat ursprünglich unterwegs war, vorhandenen Luftmoleküle haben den Satelliten im Laufe der Jahre langsam aber sicher abgebremst. Derzeit beträgt Rosats Flughöhe noch knapp 220 Kilometer - Tendenz stark fallend.

"Wenn der Satellit eine Höhe von 150 Kilometern erreicht, kann man davon ausgehen, dass er nicht länger als einen Tag dort oben bleibt", sagt Heiner Klinkrad, Leiter der Abteilung für Weltraummüll bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in Darmstadt. Zwischen 110 und120 Kilometer Höhe geht es erfahrungsgemäß während des nächsten Umlaufs um die Erde steil bergab. Also innerhalb von 90 Minuten.

Wann das genau der Fall sein wird, kann derzeit allerdings niemand sagen. "Das Weltall ist nicht so konstant, wie wir uns das vorstellen", sagt DLR-Chef Wörner. Vor allem die Sonne und ihre stark schwankende Aktivität zerren an den erdnahen Schichten: Schicken die Sonnenflecken hochenergetische Strahlung ins All, heizt sich die irdische Atmosphäre auf. Sie dehnt sich aus, Satelliten werden stärker gebremst. In Zeiten geringerer Aktivität verbleiben die künstlichen Trabanten dagegen länger auf ihren Bahnen. Bei Rosat kommt hinzu, dass das Observatorium unkontrolliert durchs All taumelt. Das erschwert die Prognose.

Die offizielle Sprachregelung des DLR lautet derzeit: Irgendwann zwischen dem 21. und 24. Oktober kommt es zum Absturz. Einen Tag vor dem prognostizierten Datum könne man den Zeitpunkt auf etwa sechs Erdumläufe genau berechnen, sagt Johann-Dietrich Wörner. "Eine einigermaßen verlässliche Vorhersage, wo der Satellit herunterkommt, kann man eigentlich erst innerhalb der letzten ein oder zwei Stunden machen", sagt Heiner Klinkrad.

Theoretisch könnte Rosat somit alles treffen, was unter seiner Bahn liegt. Die führt das ausgediente Weltraumobservatorium bis zu einer nördlichen Breite von 53,4 Grad. Lediglich der Norden Niedersachsens, Hamburg, Schleswig-Holstein und ein großer Teil Mecklenburg-Vorpommerns werden daher keinesfalls vom Absturz betroffen sein. "Ich werde mit meiner Familie dennoch nicht nach Helgoland flüchten", sagt Wörner schmunzelnd.

Unklar ist auch, was mit Rosat passieren wird, wenn er mit etwa 28.000 Kilometern pro Stunde auf die dichteren Schichten der Atmosphäre trifft. Zwar gibt es Erfahrungswerte, Modellrechnungen und Simulationsprogramme. Durch das Taumeln des unkontrollierbaren Satelliten sind diese aber zu einem großen Teil hinfällig. Bis zu 30 Teile könnten den Erdboden erreichen. Im ungünstigsten Fall schmilzt das riesige Spiegelsystem des Röntgenobservatoriums jedoch nur teilweise.

Dann kann es als eineinhalb Tonnen schwerer Glaskeramikklumpen zurück zur Erde fallen - mit einer Geschwindigkeit von bis zu 450 Kilometern pro Stunde. Aber das, sagt Wörner, sei äußerst unwahrscheinlich. Katastrophenpläne oder Luftraumsperrungen werde es jedenfalls nicht geben.

Bereits beim Start von Rosat vor 21 Jahren war klar, dass dieser Tag einmal kommen wird: Eigentlich sollte der Satellit mit einem Spaceshuttle ins All gebracht und auch wieder eingefangen werden. Der Absturz der Challenger 1986 und die damit verbundenen Verzögerungen brachten die Pläne allerdings durcheinander. Rosat wurde mit einer Delta-II-Rakete gestartet - ohne Rückflugticket und ohne eigenes Triebwerk. Dadurch konnte er nicht (wie heutige Satelliten) auf eine Parkbahn manövriert oder kontrolliert zum Absturz gebracht werden. "Das Thema Rückkehr hat man zu jener Zeit nicht so genau genommen", sagt DLR-Chef Wörner.

Auch eine Rettungsmission, bei der ein kleiner Abschleppsatellit an den taumelnden Riesen andockt und ihn gezielt in die Tiefe reißt, kommt nicht in Frage. Das DLR arbeitet zwar an entsprechenden Konzepten, die Technik ist aber noch nicht einsatzfähig. "Rosat wäre der klassische Fall für so etwas", sagt Wörner. "Aber wir stehen zu unserer Verantwortung."

Diese besagt, dass jeder der drei an Rosat beteiligten Staaten für etwaige Schäden aufkommen muss, erklärt Bernhard Schmidt-Tedd, Jurist beim DLR-Raumfahrtmanagement in Bonn. Neben Deutschland könnten Geschädigte daher auch die USA und Großbritannien verklagen, die ebenfalls Geräte an Bord haben. Interne Verträge zwischen den Partnern bestimmen dann, wer wie viel zahlen muss - höchstwahrscheinlich gestaffelt nach dem jeweiligen Anteil an der Gesamtmission.

Das Weltraumrecht regelt aber nicht nur die Verantwortlichkeiten, sondern auch die Besitzverhältnisse. Und die sind im Fall Rosat eindeutig: Wer in den nächsten Tagen ein Stück vom Satelliten im Vorgarten finden sollte, muss die Finger davon lassen und umgehend die Behörden benachrichtigen. "Etwaige Fundstücke dürfen nicht behalten werden", sagt DLR-Chef Wörner. "Sie sind Eigentum der Bundesrepublik Deutschland."

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Quelle:
SZ vom 19.10.2011/mcs
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