Süddeutsche Zeitung

Wüstenstromprojekt Desertec:Schatten über Sawian

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Die Vision war kühn: Sonnen- und Windkraftwerke in Afrikas Wüste sollten Europa mit sauberem Strom versorgen. Doch daraus wird erst mal nichts. In der Planungsgesellschaft von Desertec gibt es heftigen Streit. Es gehe längst um die Zukunft des gesamten Projekts, heißt es vielsagend aus dem Gesellschafterkreis.

Von Markus Balser, Berlin

"Sawian" steht auf Arabisch für Zusammenarbeit. Ein wohlklingender Name, den die Planer passend fanden für jenes Desertec-Kraftwerk in Marokko, das als erstes Wüstenstrom nach Europa bringen soll. Die bis zu 600 Millionen Euro teure Sonnen-Anlage am Rande der Sahara soll zum ersten Pilotvorhaben der größten internationalen Industrieinitiative aller Zeiten werden. Doch ob die Realisierung von Sawian 1 wie geplant vorangetrieben wird, darüber gibt es heftigen Streit in der Dii-Spitze - es ist nicht der einzige.

Denn in der Münchner Zentrale der internationalen Planungsgesellschaft Desertec Industrial Initiative (Dii) herrscht nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gewaltige Unruhe. Es gehe längst um die Zukunft des gesamten Projekts, heißt es vielsagend aus dem Gesellschafterkreis. Von einer revolutionären Stimmung ist die Rede. Denn Dii-Chef Paul van Son will das Wüstenstromprojekt kleiner anlegen als ursprünglich geplant: Stromlieferungen nach Europa könnte es demnach erstmal nicht geben. Das Pilotprojekt in der bisher geplanten Form wäre damit obsolet. Und auch das ursprüngliche Ziel, Europa in Zukunft in großem Stil mit Wüstenstrom zu versorgen, würde bis auf weiteres zu den Akten gelegt.

Öffentlich hält sich der Desertec-Chef zurück. Doch intern sollen bereits deutliche Worte gefallen sein. Das Projekt Sawian sei "tot", ließ Paul van Son demnach im April wissen. Es gebe viele Gründe, warum es nie ein Erfolg werden könne. So gebe es Gegenwind aus dem wirtschaftlich geschwächten Transit-Land Spanien, auch benötige Europa den physischen Wüstenstrom derzeit gar nicht. Das Vorhaben in Marokko sei, urteilte van Son, vollkommen leblos.

Diese Aussage sorgt seither für heftigen Wirbel. Man sei völlig überrascht und enttäuscht, dass ein eigener Geschäftsführer jene Ziele, die von der gesamten Dii-Mannschaft verfolgt und im Gesellschafterkreis vereinbart wurden, plötzlich einfach nicht mehr mittrage, verlautet aus Kreisen der Dii und Teilen des Gesellschafterkreises, einem einflussreichen Gremium, dem internationale Konzerne wie Munich Re, ABB, RWE, Eon und die Deutsche Bank angehören. Es entstehe der fatale Eindruck, das Pilotprojekt und damit der ursprüngliche Plan, Strom aus Afrika schnell nach Europa zu bringen, solle aus rätselhaften Gründen beerdigt werden. "Dabei ist das Projekt alles andere als tot. Es ist ziemlich lebendig", heißt es weiter.

Sollte die Dii ihre Pläne ändern, hätte dies in jedem Fall weit reichende Folgen. Zwar gelten die Verhandlungen mit den beteiligten Ländern wie Spanien über den Transport des Sonnenstroms nach Europa tatsächlich als schwierig. Ein erster Anlauf für ein Abkommen über den Transfer von Strom nach Europa war im November gescheitert. Doch auf internationaler Ebene laufen die Gespräche der EU mit Deutschland, Spanien, Frankreich und Marokko weiter.

"Tage der Entscheidung"

Auch EU-Kommissar Günther Oettinger gilt als Befürworter einer solchen Lösung und treibt die Pläne voran. Die Bundesregierung habe bereits signalisiert 50 Millionen Euro für ein entsprechendes Projekt zur Verfügung zu stellen, heißt es. Und auch die Dii-Gesellschafter seien bereit, sich finanziell mit vielen Millionen zu engagieren.

Dii-Manager rätseln indes über die Motive ihres Chefs. Für Misstrauen sorgt die Vergangenheit Paul van Sons im Lager der europäischen Energieversorger und der späteren RWE-Tochter Essent aus den Niederlanden. Dort habe man schlicht kein großes Interesse am raschen Import von Strom aus Nordafrika, schließlich käme damit neue Konkurrenz auf den Markt, wenn auch in zunächst kleinen Dosen. Die Sorge um Folgen für die Dii auf internationalem Parkett wachsen. Es sei problematisch, dass strategische Änderungen einer solchen Tragweite ohne klaren Auftrag der Geldgeber erfolgten, heißt es in Kreisen der Dii. Die Reputation des Projekts in der gesamten Mittelmeerregion hänge auch vom geplanten Export des Stroms ab. Dies sei schließlich der grundlegende Gedanke der Desertec-Vision. Denn hinter der steht das große Ziel, von jenen Solarkraftwerken, die Nordafrika baut, auch Teile des europäischen Energiebedarfs zu decken. Schon 2016 sollte eigentlich der erste Strom fließen.

In der heftigen Strategie-Debatte weist Dii-Co-Geschäftsführer van Son die Kritik zurück. Die Dii setze sich mit der marokkanischen Solaragentur weiter dafür ein, dass sich Europa für Strom aus Nordafrika öffne. Es gehe um den Austausch von Strom in beide Richtungen. "Wenn eine Projektidee wie Sawian I bisher noch nicht den Durchbruch erlebt hat, ist doch nicht das Ganze in Frage gestellt", sagte van Son am Mittwoch. In vielen Ländern der Region ist Strom Mangelware, an Export nach Europa dort nicht zu denken.

Doch der Streit ist mitnichten beigelegt. Anfang Juni erreichte er auf einer Gesellschafterversammlung in Sevilla auch Vertreter der knapp 20 beteiligten Unternehmen. Man habe kontrovers über die Ende des Monats anstehende Vertragsverlängerung mit van Son gesprochen hieß es. Sein Vertrag verlängert sich automatisch, es sei denn er würde gekündigt. Eine Entscheidung, sei jedoch bislang nicht gefallen. Schon in den nächsten Tagen könnten personelle Konsequenzen ganz anderer Art folgen, heißt es weiter. Denn es sei unklar, ob die zweite Geschäftsführerin der Dii, Aglaia Wieland, unter diesen Umständen weitermachen wolle. Sie gilt als Verfechterin der ursprünglichen Dii-Linie. Wieland wollte sich gegenüber der SZ zu den Vorgängen nicht äußern. Aus der Dii heißt es: "Wir erwarten Tage der Entscheidung."

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Quelle:
SZ vom 27.06.2013/fzg
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