Süddeutsche Zeitung

Wirtschaftswachstum:Talente sind das neue Kapital

Wenn Ökonomen über Wettbewerbsfähigkeit sprachen, dann hörte man jahrelang die Wörter Effizienz oder Investitionen. Eine globale Studie lenkt jetzt den Fokus auf ein völlig anderes Thema.

Von Andrea Rexer

Einmal im Jahr treffen sich im Schweizer Bergstädtchen Davos die Reichen und Mächtigen der Welt. Linke Kritiker brandmarken das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) gern als Treffen der Kapitalisten. Wenn also ausgerechnet der Chef des WEF das Ende des Kapitalismus vorhersagt, ist das bemerkenswert: "Die Welt vollzieht gerade den Übergang vom Kapitalismus zum Talentismus", sagt Klaus Schwab mit Blick auf den Report zur Wettbewerbsfähigkeit. Gemeint ist, dass gut ausgebildete und kreative Arbeitskräfte wichtiger für das langfristige Wirtschaftswachstum sind als Kapital. Das WEF vergleicht in seiner groß angelegten Studie seit mehr als vier Jahrzehnten, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit global entwickelt. 114 Parameter werden dazu ausgewertet, 138 Länder sind erfasst.

In diesem Jahr liegt ein besonderes Augenmerk auf dem Arbeitsmarkt. Die globale Wettbewerbsfähigkeit hänge zunehmend von der Innovationskraft eines Landes ab, lautet das Ergebnis des Reports. Da Innovationen immer dort entstehen, wo besonders kluge Menschen ein gutes Umfeld für Kreativität vorfinden, steht der Mensch mit seinen Talenten im Zentrum der Aufmerksamkeit des Reports - und weniger die Frage, wohin wie viel Geld fließt, wie es das Wort "Kapitalismus" nahe legen würde. Will ein Land langfristig wirtschaftlich wachsen, sollte es sich vor allem auf die Bildung seiner Bürger konzentrieren, so das Fazit.

Damit deckt sich die Studie mit anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen. "Seit den Neunzigerjahren ist zu beobachten, dass anspruchsvolle Tätigkeiten gegenüber einfachen Jobs an Bedeutung gewinnen", sagt der Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. In den Volkswirtschaften Europas, vor allem in Südeuropa, seien inzwischen jedoch auch Akademiker von Arbeitslosigkeit betroffen. Wichtig sei es deswegen zu überlegen, welche Qualifikationen nötig sind. "Brauchen wir wirklich so viele Kunsthistoriker, oder wären nicht Naturwissenschaften gefragt?", sagt Brenke. Gerade bei der Studienfachwahl herrschten noch immer "geschlechtsspezifische Muster" vor, die junge Frauen von vielversprechenden technischen Studiengängen abhielten. Information schon während der Schulzeit wäre hier gefragt, meint Brenke.

Interessant ist, dass die Autoren des WEF-Berichts zum Ergebnis kommen, dass regulierte Arbeitsmärkte die Wettbewerbsfähigkeit verbessern können. Denn der Schutz von Arbeitnehmerrechten sei durchaus mit einem flexiblen Arbeitsmarkt vereinbar. Ein gutes Beispiel dafür ist Deutschland. Im globalen Wettbewerbsranking schneidet es mit Platz 5 sehr gut ab. In Deutschland sind die Rechte der Arbeitnehmer vergleichsweise stark.

Widerstandsfähige Strukturen am Arbeitsmarkt seien insbesondere wichtig, weil durch Automatisierung und Roboterisierung massenweise Arbeitsplätze verloren gehen werden. Manche Länder seien zwar gut darin, Innovationen zu ermöglichen, aber sie müssten mehr tun, um deren Vorteile einer breiten Gesellschaft zuteil werden zu lassen. Hier nennt der Report vor allem China, Indien und Indonesien als Negativbeispiele. Langfristiges wirtschaftliches Wachstum sei nur dann möglich, wenn die Vorteile des Wachstums einer breiten Masse zukommen, wenn das Wachstum umweltverträglich sei und der Ausgleich zwischen den Generationen hergestellt werde.

Die wettbewerbsfähigsten Länder 2017/18

1 (1) Schweiz

2 (3) USA

3 (2) Singapur

4 (4) Niederlande

5 (5) Deutschland

6 (9) Hongkong

7 (10) Schweden

8 (6) Großbritannien

9 (7) Japan

10 (8) Finnland

Platzierung im Vorjahr (GCI 2016 - 2017) in Klammern Quelle: Global Competitiveness Report 2017 - 2018

Am besten schneidet im Ranking der wettbewerbsfähigsten Länder die Schweiz ab, gefolgt von den USA und Singapur (siehe Tabelle). Diese Länder haben in Hauptkriterien des Berichts besonders gut abgeschnitten. Dazu gehören unter anderem die Funktionsfähigkeit von Institutionen, die Infrastruktur, Gesundheit und Schulbildung, aber auch die Effizienz des Güter- und des Arbeitsmarktes sowie Unternehmenskultur und technologische Standards. Natürlich kann eine solche Studie nur ein grobes Raster über sehr unterschiedliche Länder legen. Dies bemängeln Experten zwar, allerdings lässt sich das Problem kaum beheben. Ein großer Vorteil der Erhebung ist, dass sie bereits seit mehr als 40 Jahren durchgeführt wird. Daher lassen sich über den Zeitablauf Entwicklungen gut ablesen.

Mit Rückgriff auf Daten des vergangenen Jahrzehnts identifiziert die Studie beispielsweise, dass sich das Finanzsystem in vielen Ländern noch immer negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirke. Es habe sich in vielen Ländern noch immer nicht von der Krise erholt, zudem drohe neues Ungemach, da ein wachsender Teil der Finanzsystems in nicht regulierte Bereiche verschoben wurde.

Auffällig ist, dass in Europa noch immer ein klares Nord-Süd-Gefälle besteht - die Krise ist hier keineswegs ausgestanden. Während Deutschland so gut abschneidet, ist Frankreich im Ranking auf Platz 22 weit abgeschlagen. Spanien rangiert auf Rang 34, Italien auf Rang 43, Griechenland auf Platz 87. Einzig Portugal hat sich auf Platz 42 verbessert. Als besorgniserregend hebt die WEF-Studie die Verschlechterung bei den Bildungsindiktoren dieser Länder hervor. Genau das jedoch haben die Autoren langfristig für zentral erklärt.

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Quelle:
SZ vom 27.09.2017
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