Süddeutsche Zeitung

Unruhen in England:Was die Plünderer klauten

Zentnerweise schleppten Plünderer in Großbritannien elektronische Geräte aus den Läden, ebenso Kleidung und Schuhe - ausgerechnet von solchen Marken, die mit amerikanischen Gangster-Rappern werben. Auch Durchfallmittel wurden massenhaft gemopst. Plagten den Mob Verdauungsprobleme?

Andreas Oldag, London

Eine Woche nach den Krawallen und Plünderungen in England zerbrechen sich Jugendforscher, Psychologen und Soziologen den Kopf darüber, was Teenager zum Amoklauf veranlasst haben könnte.

Statt Konsumrausch herrschten in den Einkaufsstraßen von London, Manchester und Birmingham Zerstörungsorgien. Was der britische Premierminister David Cameron als "kranke" Teile der Gesellschaft brandmarkte, entpuppt sich allerdings bei näherem Hinsehen als wohlkalkulierter Beutezug. Das, was die meist noch jugendlichen Gauner klauten, sagt dabei häufig sehr viel mehr über Motive und sozialpsychologische Hintergründe aus, als alle hochgestochenen Theorien.

So wunderte sich beispielsweise der Filialleiter der Pharmazie- und Drogeriekette Boots im Londoner Stadtteil Clapham darüber, warum ausgerechnet das Regal mit dem Durchfallmittel Imodium leer geräumt worden war, obwohl es nur ein paar Pfund je Packung kostet. Hatten den Mob vielleicht Verdauungsprobleme geplagt? Was ja durchaus nahelag angesichts des plötzlichen Überflusses an Konsumfreuden. Das Imodium-Faible hatte allerdings andere Gründe: Das Antidiarrhoikum enthält den Wirkstoff Loperamid. Dieser wird in der Szene neuerdings zur Drogenherstellung verwendet.

Gewiss galt für die Diebe auch das volkswirtschaftliche Gesetz der Opportunitätskosten. Die Plünderer wussten, dass die Zeit des Mopsens zum Nulltarif spätestens dann ein Ende haben würde, wenn die Polizei eintrifft. Die Frage lautete deshalb: Wie lassen sich die Destruktiv-Kräfte möglichst effizient einsetzen? Bezeichnenderweise wurde die Filiale der Buchhandelskette Waterstones in Clapham geschont. Die Welten der Literatur und der Plünderer sind wohl wenig kompatibel. Das protestierende Lumpenproletariat liest nicht.

Da locken die Fetische der modernen Konsumwelt schon mehr: Handys, Smartphones, Blackberrys und Flachbildschirme. Wie ein Heuschreckenschwarm fiel die Meute in die Filiale der Elektronikhandelskette Currys ein. "Sorry, wegen außergewöhnlicher Umstände geschlossen", prangt noch immer auf einem Schild an der vernagelten Eingangstür. Wann die Wunderwelt der Elektronik wieder ihre Pforten öffnet, ist unklar. Offenbar hat das Unternehmen nach dem großen Raubzug einige Probleme, seine Filialen wieder mit Waren zu füllen.

Ganz oben auf den "Einkaufslisten" der Krawallmacher standen zudem die Filialen der "Streetware"-Mode, allen voran Footlocker und JD Sports. Insbesondere JD Sports, 1981 von den britischen Selfmade-Unternehmern John Wardle und David Makin in Manchester gegründet, zählt mit mehr als 500 Filialen zu den erfolgreichsten Textilketten in Großbritannien. Kein Wunder, dass beim großen Ausverkauf in der vergangenen Woche, der an den berühmten Gewaltfilm "A Clockwork Orange" (Uhrwerk Orange) des US-Regisseurs Stanley Kubrick erinnerte, die begehrte Ware zentnerweise herausgeschleppt wurde, Adidas-Sportschuhe ebenso wie Nike-Trainingsanzüge.

"Die Marken, die bei uns besonders begehrt waren, sind Diesel, Carhartt und Fred Perry", berichtete Tom Lloyd, Manager des Sportgeschäfts LA1 im Londoner Stadtteil Camden. Während Diesel vor allem für Jeans und Fred Perry für Polo-Hemden bekannt ist, gilt es als besonders "cool" in der Szene, Kapuzen-Pullover, sogenannte Hoodies, der US- Marke Carhartt zu tragen.

Experten kritisieren, dass die Jugendmarken den "Gangster Chic" in ihrer Werbung gefördert haben. Sportschuhfirmen werben mit Musikern aus der amerikanischen Rapper-Szene wie Snoop Dogg, einem verurteilten Kriminellen. "Die Krawalle in Großbritannien sind für einige Marken ein absolutes Desaster", meint der britische PR- und Marketing-Fachmann Mark Borkowski. Die Modefirmen hätten nun genau das bekommen, was sie in ihrer Werbung als besonders "cool" herausgestellt hätten.

Und die jugendlichen Plünderer?

Viele von ihnen stehen nun mit Namen und Foto in den britischen Zeitungen. Auf diese Weise angeprangert werden aber nicht nur die Bandenmitglieder aus den verarmten Vororten. Zu sehen sind auch Kinder aus gutem Hause. Eine Millionärstochter mit 1,0-Abitur, die ein Geschäft plünderte.

Eine junge Sportlerin und Olympia-Botschafterin, die Steine auf ein Polizeiauto warf. Eine Studentin der britischen Oberklasse, die einen Fernseher klaute, obwohl sie den gleichen schon zu Hause hat. "Warum habe ich das getan? Ich verstehe es nicht", zitiert die Times die junge Frau. Mit dieser Frage dürfte sie nicht alleine da stehen.

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SZ vom 16.08.2011/odg
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