Süddeutsche Zeitung

Umsatz mit Toten:Bis in alle Ewigkeit

Stars wie Marilyn Monroe leben nach ihrem Tod durch ihre Berühmtheit weiter. Die unschönen Schlagzeilen, die Geschichten von Tabletten und Alkohol können dem Mythos nichts mehr anhaben - das ist ziemlich gut fürs Geschäft.

Sie schluckt etwa 40 Schlaftabletten. Dann gibt ihr Körper auf. Am 5. August 1962 wird Marilyn Monroe in ihrer Villa in Los Angeles gefunden, nackt, tot. Sie hinterlässt 1,6 Millionen Dollar.

51 Jahre später verdient sie 15 Millionen Dollar. Oder genauer: Jamie Salter verdient an ihr. An ihren Augen, ihren Lippen, ihrem Namen. Salter ist Chef der Markenagentur Authentic Brands Group. Er besitzt Marilyn Monroe. Die Schauspielerin hat sich nach ihrem Tod seltsam verwandelt, wie viele Stars, die nicht alt werden und damit nicht hässlich. Sie betrinken sich nicht mehr, betrügen ihre Frauen und Männer nicht, zertrümmern keine Hotelzimmer und hinterziehen keine Steuern.

Es ist eine lukrative Verwandlung, eine zweite Karriere. Der Tod als Anfang - rein kommerziell gesehen. Das Wirtschaftsmagazin Forbes kürt jedes Jahr die bestverdienenden Toten. Sie nehmen nicht selten mehr Geld ein als lebende Stars. Michael Jackson etwa hat zwischen Oktober 2012 und 2013 etwa 160 Millionen Dollar verdient. Madonna, die ist noch am Leben, nur 125 Millionen Dollar. Tote Stars verdienen es mit Touren durch ihr Haus wie Elvis Presley (Einnahmen: 55 Millionen Dollar), mit Parfüm wie Elizabeth Taylor (25 Millionen), Badehosen wie Bob Marley (18 Millionen) oder mit teuren Füllern wie Albert Einstein (10 Millionen).

Witwen, Söhne und Enkelinnen

Die, auf deren Konten das Geld schließlich landet, sind oft die Witwen, die Söhne und die Enkelinnen. Marilyn Monroe vermachte ihr Vermögen ihrem Schauspiellehrer Lee Strasberg und ihrer Psychoanalytikerin Marianne Kris. Albert Einsteins Nachlass ging an die Hebräische Universität in Jerusalem. Vor allem aber verdienen Agenturen, die tote Stars vertreten. Die Manager der Toten. In den USA haben besonders zwei Juristen dieses Geschäft erfunden.

Roger Richman hatte sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren als Künstler versucht, als Filmproduzent, erfolglos, das hat er später zugegeben. Er war pleite, als die Enkel des Komikers W. C. Fields ihn beauftragten, sie zu vertreten. Es war ein Poster des Großvaters erschienen, sein Kopf montiert auf einen Körper, der nur eine Windel trug. Den Enkeln passte das nicht. Zumindest passte ihnen nicht, dass sie nichts daran verdienten.

Richman wurde Lobbyist für ein Gesetz, schrieb an 88 Hollywood-Stars - Elizabeth Taylor kam nach Kalifornien, um vor den Abgeordneten zu sprechen. Die Diva überzeugte: 1984 trat der "California Celebrity Rights Act" in Kraft. Er schützt den Namen, das Aussehen, die Stimme einer Berühmtheit bis zu 70 Jahre nach ihrem Tod, auch Fotos und die Unterschrift. Richman vertrat später die Erben von Albert Einstein, Clark Gable und Steve McQueen. Wann immer Unternehmen mit diesen Stars werben wollten, verdiente er mit: 35 Prozent der Erlöse gingen an Richman. Im Oktober ist er gestorben, seine Agentur gehört heute zum Imperium von Bill Gates.

Vererbbar wie eine Villa oder eine Oldtimer-Sammlung

Die Vermarktungsrechte eines Stars sind vererbbar wie eine Villa oder eine Oldtimer-Sammlung. Dafür hat auch Mark Roesler einen Präzedenzfall geschaffen. 1993 erstritt er für die Witwe von Malcolm X einen Vergleich: Regisseur Spike Lee musste für seinen Film über den Bürgerrechtler Lizenzgebühren bezahlen.

Mit seinem Unternehmen CMG Worldwide vertritt Roesler heute mehr als 300 tote Klienten, Malcolm X ist noch immer darunter, auch James Dean. CMG und die Richman-Agentur beherrschen den Markt in den Vereinigten Staaten.

Salter will die Stars besitzen

Jamie Salter dagegen reicht es nicht, verstorbene Stars zu managen. Er will sie besitzen. Um nicht noch einmal zu erleben, was ihm mit Bob Marley passiert ist. Salter ist in Toronto geboren, er hat lange Sportprodukte vermarktet, später Marken wie Polaroid übernommen, um sie wieder groß zu machen, mit mäßigem Erfolg. 2008 wurde ihm Cedella Marley vorgestellt, eine Tochter des Reggae-Musikers Bob. Salter rechnete aus, dass damals Händler weltweit mit Bob-Marley-Produkten 600 Millionen Dollar im Jahr verdienten, aber keine Lizenzgebühren zahlten. Er ließ die Gebühren eintreiben. Und Salter entwickelte Produkte, die zum Mythos Marley passen sollten: zu Weltfrieden, Solidarität, Umweltschutz. So entstanden Marken-Badeshorts in grün, gelb, rot; aus recyceltem Plastik. Und teure Kopfhörer aus Holz.

Das Geschäft lief für Salter, aber die Familie verlängerte den Vertrag nicht. Als ihn 2010 Anna Strasberg aufsuchte, die Witwe des Schauspiellehrers von Marilyn Monroe, bestand Salter darauf, die Rechte zu kaufen statt nur zu vertreten. Er soll 20 bis 30 Millionen Dollar dafür bezahlt haben.

Für immer 36

Es ist das, was das Geschäft mit toten Stars ausmacht: Die Agenten müssen erfassen, wofür ein Prominenter steht. Marilyn Monroe ist heute die Göttin, deren weißes Kleid über einem U-Bahn-Schacht flattert; die ihrem damaligen Präsidenten John F. Kennedy ein Geburtstagsständchen haucht. Für immer 36. Vergessen die Zeiten, in denen die Monroe schlecht gelaunt zu Dreharbeiten erschien, mit von Schlaftabletten geschwollenen Augen, zu spät und irgendwann gar nicht mehr. Zeiten, in denen Szenen bis zu vierzig Mal wiederholt werden mussten, obwohl sie nur einen einzigen Satz sagen sollte. Solche Probleme bereitet sie ihrem Agenten heute nicht mehr. Vor zwei Jahren trat Monroe in einem Werbespot auf, im Spiegelsaal von Versailles saß sie und frischte ihren Lippenstift auf, verlangte Parfüm von Dior. Ausgeschlafen, frisch, sexy, in Farbe, digitalisiert.

Stars werden einfacher, wenn sie tot sind. Sie wecken ihre Manager nachts nicht mehr auf, nur weil in der Minibar der Champagner fehlt. Kein schlechtes Geschäft.

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SZ vom 03.01.2014/mike
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