Süddeutsche Zeitung

Steuerentlastung:Familien fördern, nicht die Ehe

Nur verheiratet zu sein, ist keine Leistung. Deshalb muss das Ehegattensplitting abgeschafft werden.

Mann und Mann, Frau und Frau oder doch nur Mann und Frau? Seit sich die Iren für die Gleichstellung der Homo-Ehe ausgesprochen haben, wird auch hierzulande wieder darüber diskutiert, wie Ehe und Familie heute aussehen dürfen. Ob auch Homosexuelle eine gute Familie abgeben können, ist dabei eine Frage, die hoffentlich bald keine mehr sein wird. Viel bedeutender ist ein anderer Punkt: Noch immer qualifizieren sich Paare allein durch den Gang aufs Standesamt für Steuerprivilegien. Es sollten aber nur diejenigen entlastet werden, die tatsächlich Nachwuchs aufziehen. Deutschland braucht kein Ehegattensplitting für Ehepaare und Verpartnerte, sondern eine Regelung, welche die Kinder in den Mittelpunkt stellt.

Seit 1958 können Paare per Ehegatten-splitting Steuern sparen. Der Spareffekt ist umso höher, je unterschiedlicher die Einkommen sind. Statt einmal viel und einmal wenig zahlen Eheleute gemeinsam nur einen mittleren Einkommensteuersatz - und sparen so Geld.

Keine Frage: Die Ehe ist eine tolle Möglichkeit, mit der Menschen sich zu gegenseitiger Verantwortung verpflichten können. Das soll auch so bleiben. Wichtig ist ein anderer Punkt: Ein Ehepaar ohne Kinder ist keine Familie - und nur die sollte staatlich gefördert werden.

Zudem wandelt sich die Gesellschaft zusehends. Immer seltener werden Kinder in Ehen geboren. Drei von vier ostdeutschen Erstgeborenen kommen heute außerehelich zur Welt, im Westen sind es immerhin fast vier von zehn. Die Zahl der Ehen sinkt, immer mehr Menschen leben dagegen unverheiratet zusammen. Die Zahl der Alleinerziehenden stieg in den vergangenen Jahren um 14 Prozent auf 2,7 Millionen.

Das Ehegattensplitting fördert das traditionelle Rollenverständnis

Hinzu kommt: Das Ehegattensplitting stützt das traditionelle Eheverständnis - und damit die finanzielle Schieflage zwischen Mann und Frau. Belohnt werden Ehen, in denen ein Partner viel, der andere wenig verdient. Letztere sind meist die Frauen, schon aus dem biologischen Grund, dass sie die Kinder bekommen und häufiger eine Karrierepause einlegen. Statistiker errechneten zuletzt, dass Mütter in Deutschland mehr arbeiten als Väter. Der Unterschied: Die Frauen arbeiten größtenteils unbezahlt, die Männer nicht. Das Ehegattensplitting fördert diese Versorgerehe - den Bedürfnissen Alleinerziehender oder unverheirateter Paare wird das nicht gerecht.

Die meisten Verheirateten in Deutschland sind kinderlos. Nur in acht von 18 Millionen Ehen leben Kinder. Viele Eheleute können also Steuern sparen, obwohl sie ohnehin finanziell besser dastehen als Eltern. Sie können länger arbeiten, mehr verdienen, sind flexibler und deshalb oft auf dem Arbeitsmarkt begehrter. Sie haben keinen kinderbedingten Karriereknick und sind im Alter in der Regel besser abgesichert. Warum soll ein Staat sie also subventionieren?

Steuern sparen darf erst im Kreißsaal anfangen

Steuern sparen darf nicht mehr im Standesamt anfangen, sondern erst im Kreißsaal. Eine Möglichkeit wäre ein Familiensplitting. Das Einkommen der Familie würde auf alle Familienmitglieder verteilt und dann besteuert. Gerade unverheiratete Eltern und Alleinerziehende würden sparen. Kritiker monieren allerdings, dass wohlhabende, kinderreiche Familien davon unverhältnismäßig mehr profitierten als arme. Eine andere Möglichkeit wäre, Kinder mit einem hohen, für weitere Geschwister ansteigenden Kindergeld zu fördern, unabhängig von Familienform und Einkommen.

Bei der Geburtenrate steht Deutschland weltweit an letzter Stelle. Umso drängender ist es, nicht mehr Ehen zu belohnen. Es sollten nur noch die entlastet werden, die mit Kindern die Gesellschaft stärken - und dabei große Einbußen in Kauf nehmen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2507766
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.06.2015/ratz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.