Süddeutsche Zeitung

Skandal um Libor-Zins:Aufsichtsbehörde im Zwielicht

Immer mehr Institutionen werden in den Skandal um manipulierte Zinssätze in Großbritannien hineingezogen. Neben den ersten Schadenersatzforderungen werden Vorwürfe gegen die Regulierungsbehörde laut. Sie hätte bereits vor Jahren gegen die Tricks vorgehen können, ließ aber einen verdächtigen Barclays-Manager laufen. Die Manipulation belastet nun die Geldbeutel der Sparer.

Harald Freiberger, Frankfurt

Der Skandal um die Manipulation von Zinsen bei der britischen Großbank Barclays versetzt die Finanzbranche in Aufruhr. Immer deutlicher wird, welch fatale Konsequenzen sich daraus ergeben können, immer mehr Akteure geraten ins Zwielicht. Zum Beispiel soll die britische Finanzaufsicht FSA jahrelang zu nachlässig bei der Überwachung des betroffenen Zinssatzes, des Libor, gewesen sein. Manipulationen bei der Berechnung des Libor hatten am Dienstag zum Rücktritt von Barclays-Chef Bob Diamond geführt.

Das Wall Street Journal berichtet, dass die FSA bereits 2007 von Problemen mit dem Libor gewusst haben soll. 2010 habe sie sogar einen hochrangigen Barclays-Mitarbeiter freigesprochen, der verdächtigt wurde, Libor-Daten zu manipulieren. Erst auf Druck amerikanischer Behörden sei die FSA härter mit den banken umgesprungen. Die britisch-amerikanischen Ermittlungen führten zu einer Strafe von 360 Millionen Euro für Barclays. Die Regierung in London plant, die FSA aufzulösen, weil sie die Banken vor der Finanzkrise zu lax überwacht haben soll.

Der Fall könnte beteiligte Banken weitere Milliarden kosten - in Form von Schadenersatzforderungen: Zwei deutsche Institute prüfen bereits, ob sie Forderungen gegen mauschelnde Banken geltend machen können: die Fondsgesellschaft Union Investment und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Die Strafe von 360 Millionen Euro, zu der Barclays von britischen und US-Behörden verdonnert wurde, könnte im Vergleich dazu ein Klacks sein. "Es können sich für die Banken noch Risiken aus zivilrechtlichen Klagen ergeben, deren Höhe nur schwer abschätzbar ist", sagt Martin Faust, Professor an der Frankfurt School of Finance.

Eine Zahl zeigt die Dimension: Der manipulierte Zinssatz Libor ist der Maßstab für Finanzmarktprodukte mit einem Volumen von 360 Billionen (oder 360.000 Milliarden) Dollar. Das können komplizierte Derivate und Zinsswaps sein, aber auch Produkte von Privatanlagern wie Baufinanzierungen, Sparbriefe mit variablem Zins oder Geldmarktfonds.

Es gibt Tausende solcher Produkte, die sich auf den Libor beziehen. Das heißt: Wenn der Libor fällt, hat ein Sparer weniger Zinseinnahmen, und ein Kreditnehmer muss weniger Zinsen zahlen. Von der Manipulation des Libor sind also weltweit unzählige Kunden betroffen - im Guten wie im Schlechten. Viele fragen sich jetzt, ob sich die Manipulation auch in ihrem Geldbeutel bemerkbar gemacht hat.

Weniger im Geldbeutel des Sparers

Ein Beispiel: Es gibt Investmentfonds, die den Libor als Benchmark haben; ihr Erfolg wird daran gemessen, ob der Fonds besser abscheidet als der Libor. Ist das der Fall, sichert sich die Fondsgesellschaft ein Stück vom zusätzlich Erwirtschafteten, zum Beispiel zehn Prozent. Ein Rechenbeispiel für einen Anlagebetrag von 10.000 Euro: Ein Fonds erwirtschaftet in einem Jahr vier Prozent Zinsen. Der (nach unten manipulierte) Libor lag in diesem Jahr bei zwei Prozent. Die zwei Prozentpunkte Unterschied machen bei einem Anlagebetrag von 10.000 Euro genau 200 Euro aus, von denen die Fondsgesellschaft ein Zehntel behält, also 20 Euro. Hätte der unmanipulierte Libor drei Prozent betragen, dann hätte die Fondsgesellschaft nur zehn Euro für sich behalten können. Der Fonds-Dienstleister Morningstar ermittelte, dass es allein 80 Investmentfonds gibt, die den Libor als Benchmark nehmen.

Wie viele Banken haben manipuliert?

Im Prinzip kann sich jetzt jeder Anleger, dessen Produkt sich auf den Libor bezieht, überlegen, ob er seinen Anbieter haftbar macht. "Geschädigt wurden beispielsweise auch Käufer von Staats- und Unternehmensanleihen", sagt Professor Faust. Im einzelnen dürfte es schwierig sein, einen konkreten Schaden geltend zu machen. Denn dazu müsste man auch wissen, wie hoch der nicht manipulierte Zins gewesen wäre. Diese Daten gibt es aber nicht. Doch Anlegeranwälte dürften sich trotzdem vermehrt bald um solche Fragen kümmern. Und auch in den Rechtsabteilungen der Banken könnten sie ein großes Thema werden.

Noch immer gibt es die Sorge, dass auch andere Großbanken in den Skandal hineingezogen werden könnten. Die Ermittlungen der britischen und US-Behörden richten sich gegen rund 20 Großbanken, darunter auch die Deutsche Bank. Dass nur Barclays den Libor manipuliert hat, halten Bankexperten für unwahrscheinlich. Darauf deutet auch die Aussage des zurückgetretenen Barclays-Chefs Bob Diamond vor dem britischen Parlament hin. Danach hätten mehrere Banken nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman im September 2008 niedrigere Zinsen gemeldet, als sie anderen Banken zahlen hätten müssen.

Zins senken, Probleme vertuschen

Der Libor wird aus den Angaben der Großbanken gebildet. Da ein hoher Zins auf Probleme hindeutet, meldeten sie in der Lehman-Krise niedrigere Zinsen, um ihre Bonität besser erscheinen zu lassen. Nach Angaben von Diamond wusste sogar die Bank of England, die britische Notenbank, von diesem Gebaren - und duldete es.

Der Libor fiel in den Wochen nach der Lehman-Krise deutlich. Eigentlich hätten die Zinsen aber steigen müssen, da sich die Banken in dieser Zeit gegenseitig nicht mehr vertrauten und höhere Zinsen verlangten - wenn sie anderen Banken überhaupt noch Geld liehen. Auf diese Weise kamen die Behörden erst dahinter, dass mit dem Libor etwas nicht stimmen konnte. Sie untersuchten den Fall und stellten fest, dass die Manipulationen schon im Jahr 2005 begannen.

Wie aus E-Mails von Barclays-Händlern hervorgeht, wurde der eigene Zins für die Libor-Meldung sowohl nach oben als auch nach unten manipuliert. Das Ziel war, selbst Gewinn daraus zu schlagen - je nachdem, wie die Bank positioniert war. "Das ist der eigentliche Skandal", sagt Faust. Hätten die Manipulationen nur in den kritischen Lehman-Wochen stattgefunden, hätte man den Banken noch zubilligen können, dass sie mit dem Rücken zur Wand standen. In der Zeit davor sei es aber rein um den eigenen Profit gegangen.

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Quelle:
SZ vom 06.07.2012/fran/infu
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